BerufsAbitur startet

Gesucht: Leistungswillige Auszubildende

Ab Herbst 2017 fällt der Startschuss in sechs Bundesländern: Dann ist es möglich, einen Handwerksberuf zu erlernen und gleichzeitig die allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Diese duale Berufsausbildung mit Abitur soll nun auch dem Handwerk ermöglichen, mehr leistungsstarke Fachkräfte zu gewinnen. Auch für Metallbauer soll dieser Weg geebnet werden.


In Deutschland wählen derzeit über 56 Prozent aller Schulabsolventen ein akademisches Studium. Die Auszubildendenzahlen in der dualen beruflichen Ausbildung sind rückläufig. Im Rahmen seiner bildungspolitischen Initiative „Höhere Berufsbildung“ manifestierte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nun die bundesweite Bildungsmarke BerufsAbitur als eine von vielen Maßnahmen. „Ziel ist“, erläutert Dr. Mirko Pollmer, Referatsleiter Berufliche Bildung beim ZDH, „chancenreiche berufliche Bildungs- und Karrierewege im Handwerk aufzuzeigen und weiterzuentwickeln.“ Aufgrund des Bildungsföderalismus ist die Umsetzung mit großen Herausforderungen verbunden, sollen doch die in den einzelnen Bundesländern unterschiedlichen vorhandenen Schulstrukturen in ein bundesweit einheitliches Konzept gegossen werden.

Drei Modelle für’s BerufsAbitur

Der ZDH entwickelte mit der Kultusministerkonferenz (KMK) drei grundlegende Modellvarianten, die einen mittleren Schulabschluss voraussetzen und dem Auszubildenden vier Jahre Zeit geben, um sowohl den Gesellenbrief als auch die allgemeine Hochschulreife zu erwerben.

Modell 1: Duale Fachoberschule

  • vier Jahre fachgebundene, geschlossene Berufsschulklasse
  • die 13. Klassenstufe wird auf die Ausbildungsjahre 3 und 4 gestreckt
  • die Fachhochschulreife (FHR) bereits nach dem zweiten Ausbildungsjahr
  • die allgemeine Hochschulreife (AHR) erfordert zusätzlichen Unterricht von 12 Stunden pro Woche
  • die Arbeitszeit im Betrieb ist auf 28 Wochenstunden reduziert und bedeutet eine straffe Aneignung der handwerklichen Fähigkeiten
  • Arbeitszeit und Schule werden in Blöcke gefasst
  • erforderlich: stabile Mindestschülerzahl in einer bestimmten Ausbildungsrichtung

Modell 2: Einmündung in die Berufsoberschule

  • in den ersten drei Jahren betriebliche Ausbildung, Berufsschulunterricht und weiterer schulischer Unterricht
  • in dieser Zeit werden der Gesellenbrief und gleichzeitig die FHR erworben
  • im vierten Jahr kann die Abschlussklasse der Berufsoberschule (BOS) zur Erlangung der AHR besucht werden

Modell 3: Integratives Modell am beruflichen Gymnasium

  • verknüpft die duale Berufsausbildung mit der gymnasialen Oberstufe an beruflichen Gymnasien
  • nach vier Jahren werden der Gesellenbrief und gleichzeitig die AHR erworben

Pilotprojekte in sechs Bundesländern

Mit dem neuen Schul- und Ausbildungsjahr 2017/18 wollen im Herbst nun fünf Bundesländer Pilotprojekte starten, um die Praxistauglichkeit der Modelle zu testen: Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Sachsen wird 2018/19 folgen. Die Länder wählen entsprechend ihrer bestehenden Schulstrukturen länderspezifische Ausprägungsformen des BerufsAbiturs entsprechend vereinbarter Eckwerte, die für alle Bundesländer einheitlich angewendet werden.

In Nordrhein-Westfalen wird Modell 1 umgesetzt. Man beginnt zunächst im Elektrohandwerk mit dem Beruf Elektroniker/-in, Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik. Der Schulunterricht findet im Heinrich-Hertz-Europakolleg in Bonn statt. „Ab dem Schuljahr 2018/2019 ist eine Ausweitung auf andere Regionen und Berufe vorgesehen. Dann ist auch eine Einbeziehung des Metallhandwerks denkbar. Interessierte Schülerinnen und Schüler wenden sich am besten an die Ausbildungsvermittlung der Handwerkskammer zu Köln“, sagt Dr. Markus Eickhoff, stellvertretender Geschäftsführer Bildungspolitik der HWK zu Köln.

Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Hamburg haben sich für das Modell 2 entschieden. „In Baden-Württemberg wird der ausbildungsbegleitende Erwerb der FHR und die Berufsoberschule Gewerke übergreifend angeboten. Daher können auch Auszubildende des Metallbaus an dem Modell teilnehmen. Im Fokus haben wir zunächst Berufe wie zum Beispiel Feinwerkmechaniker, Elektroniker oder auch Zimmerer“, beschreibt Dr. Stefan Baron, Abteilungsleiter Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik beim Baden-Württembergischen Handwerkstag, das Verfahren. „Der Zusatzunterricht zum Erwerb des BerufsAbiturs soll an voraussichtlich 19 Berufsschulstandorten in Bayern angeboten werden und ist für alle Handwerksberufe und Fachrichtungen offen“, berichtet Dr. Georg Schärl, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Berufsbildung an der Handwerkskammer für München und Oberbayern. „Jeder Jugendliche mit einem mittleren Schulabschluss kann sich bewerben, ohne Auswahlverfahren.“ In Niedersachsen sollen im Kammerbezirk Oldenburg eine fachgebundene Berufsschulklasse für Elektroberufe und im Kammerbezirk Braunschweig-Lüneburg-Stade eine fachübergreifende Berufsschulklasse beginnen. „Weitere Standorte werden folgen, sobald Betriebe und Jugendliche gefunden wurden, um eine entsprechende Klassenstärke zu erreichen“, betont Dr. Tobias Roeder, Referent für Recht und Bildung bei der Landesvertretung der HWK Niedersachsen. In Hamburg können Auszubildende in jedem Handwerksberuf und jeder Fachrichtung mit dem BerufsAbitur beginnen. Oliver Thieß, Bereichsleiter Bildungspolitik der HWK Hamburg, sagt: „Idealerweise findet sich dafür eine ganze Klasse in einem Beruf oder mindestens im Metallbereich zusammen. Dann lässt sich der Aufwand für die Azubis optimieren.“

Das Bundesland Sachsen plant den Start des BerufsAbiturs ab dem Schul- und Ausbildungsjahr 2018/19. „Dann wird der Ausbildungsberuf Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik und der zeitgleiche Erwerb der Fachhochschulreife mit verkürzter dualer Ausbildung in gewerblich-technischen Ausbildungsberufen des Handwerks modellhaft erprobt werden. Zu Letzterem gehört dann auch der Beruf des Metallbauers“, berichtet der Hauptgeschäftsführer der HWK Dresden, Dr. Andreas Brzezinski. „Welches Modell dann zur Anwendung kommen wird, wird derzeit diskutiert. Bisher kann man in Sachsen bereits in fünf Berufen gleichzeitig das Abitur erwerben. Das wird hauptsächlich von der Industrie genutzt.“

Gesucht: Bewerber und Betriebe

Die Pläne klingen gut, allein es fehlen noch die Auszubildenden sowie interessierte Betriebe. Man will deshalb Marketingkampagnen starten und eine breit angelegte Akquise betreiben. Die Bundesländer halten Flyer parat und verweisen auf Informationen, die bereits auf den Homepages der HWK sowie zum Beispiel unter www.handwerks-power.de und www.gut-ausgebildet.de eingestellt sind.

Der ZDH verweist explizit auf die Chancen für die Ausbildungsbetriebe, den Jugendlichen, die bisher ein Studium anstreben, ein attraktives Angebot zu unterbreiten. In NRW werden sich beim Modell der dualen Fachoberschule lediglich Zeitkontingente vom betrieblichen in den schulischen Teil der Ausbildung verschieben. Die handwerklichen Fertigkeiten müssen dann schneller erworben werden. In dieser Hinsicht bietet das Blockbeschulungsmodell einen Vorteil, denn bei dieser Variante bilden die Phasen im Betrieb beziehungsweise in der Schule längere und geschlossene Einheiten.

In Hamburg soll sich grundsätzlich nichts an der praktischen Ausbildung ändern. „Um die leistungsstarken Auszubildenden auch langfristig zu binden, könnte es für die Betriebe von Vorteil sein, die Azubis bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Dies kann zum Beispiel durch eine Freistellung vor Prüfungen oder für eine längere Anfahrt zum Schulort geschehen“, sagt Oliver Thieß. In Baden-Württemberg wird den Betrieben empfohlen, die Auszubildenden für einen kompletten zweiten Berufsschultag freizustellen. Dann müssten die Auszubildenden den Zusatzunterricht nicht mehr in ihrer Freizeit absolvieren.

Abi-Azubis ans Handwerk binden

Wer einen Gesellenbrief und zeitgleich das Abitur erwirbt, hat meistens auch Ambitionen, sich danach weiter zu qualifizieren. „Das BerufsAbitur eröffnet jegliche Chancen für eine Laufbahn in allen beruflichen und wissenschaftlichen Disziplinen“, so Georg Schärl. Sich alle Optionen offenzuhalten, entspricht den heutigen Lebensentwürfen junger, leistungsstarker Menschen. Ob Meistertitel oder fachaffines Studium – es gibt viele Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung. „Betriebe sollten dies als Chance begreifen, dass sie sich hiermit hochqualifizierte Fachkräfte heranziehen können“, meint Tobias Roeder. Der Ausbildungsbetrieb hat vier Jahre lang Zeit, die Nachwuchskraft vom Ausbildungsberuf und von den Zukunftsperspektiven im Handwerk als attraktives Arbeitsfeld zu überzeugen. Auch wenn es für die Azubis keine Verpflichtung zum Verbleib im Betrieb gäbe, kehrten doch aus der Erfahrung heraus viele nach einer Zusatzqualifikation ins Handwerk zurück. Zum Beispiel als Selbständige oder sogar als Unternehmensnachfolger. So gelingt laut Roeder die perspektivische Fachkräftesicherung. Stefan Baron ergänzt: „Es liegt an den Betrieben, die Lehrlinge bereits während der Ausbildung vom Handwerk und seinen Karriereperspektiven zu überzeugen und Mitarbeiter zu binden.“

Andreas Brzezinski bringt es auf den Punkt: „Das Handwerk braucht leistungsstarke Jugendliche als gut qualifizierte Fach- und Führungskräfte von morgen. Daher müssen wir noch stärker Anreize setzen, um auch leistungsstarke Jugendliche für das Handwerk zu begeistern. Die Möglichkeit der Doppelqualifizierung ist dabei eine Chance. Auch kann dieser Weg unter Umständen dazu führen, die Zahl der Studienabbrüche zu verringern.“ Und das Gute daran: Vom erstem Tag an wird eine Ausbildungsvergütung gezahlt.

Info & Kontakte

Zentralverband des
Deutschen Handwerks e.V.
Mohrenstr. 20/21
D-10117 Berlin
Tel. 030 20619 303
info@zdh.de
www.zdh.de



Baden-Württembergischer
Handwerkstag e.V.
Heilbronner Str. 43
D-70191 Stuttgart
Tel. 0711 263709 0
info@handwerk-bw.de
www.handwerk-bw.de


Landesvertretung der
Handwerkskammern Niedersachsen
Ferdinandstr. 3
D-30175 Hannover
Tel. 0511 38087 0
info@handwerk-LHN.de
www.handwerk-LHN.de


Handwerkskammer für
München und Oberbayern
Max-Joseph-Str. 4
D-80333 München
Tel. 089 5119 0
info@hwk-muenchen.de
www.hwk-muenchen.de


Handwerkskammer zu Köln
Heumarkt 12
D-50667 Köln
Tel. 0221 2022 0
info@hwk-koeln.de
www.hwk-koeln.de


Handwerkskammer Dresden
Am Lagerplatz 8
D-01099 Dresden
Tel. 0351 4640 0
info@hwk-dresden.de
www.hwk-dresden.de


Handwerkskammer Hamburg
Holstenwall 12
D-20355 Hamburg
Tel. 040 35905 0
info@hwk-hamburg.de
www.hwk-hamburg.de