Jang Bogo Antarctic Research Station/KOR

„Die Antarktis ist ein Ort, den die Natur für die Ewigkeit geschaffen hat, nicht für den Menschen“, so der südkoreanische Architekt Lee Sangleem, Leiter der mit der Jang Bogo Forschungsstation beauftragten Architekten von SPACE Group. Extremen Temperaturen und Windverhältnissen trotzt seit Anfang dieses Jahres eine hochgedämmte Gebäudegruppe mit einem markanten, aerodynamisch geformten Haupthaus, bei dem neben der Bauweise auch der formale Ausdruck in der anspruchsvollen Umgebung seine Rechtfertigung findet.

Mit der Fertigstellung der Jang Bogo Antarctic Research Station im Februar 2014 gewann die Republik Korea ihre zweite Forschungseinrichtung auf dem antarktischen Kontinent. Seit 1988 existiert bereits die King Sejong Station auf der Insel King George, die sich auf Ozeanforschung und die Erkundung von Ökosystemen entlang der Küsten fokussiert, während sich das neueste Wissenschaftszentrum fortan hauptsächlich der geografischen und klimatischen Forschung widmet. Zudem soll die Jang Bogo Station auch als Experimentierplattform dienen, auf der Ingenieure und Wissenschaftler ihre Gerätschaften, Ausrüstung, neue Materialien oder Roboter unter außerordentlichen Temperaturbedingungen testen können. Nach intensiver Standortsuche ist mit der Bucht von Terra Nova in Viktorialand, einer Region im Osten der Antarktis, südlich von Neuseeland am Rossmeer gelegen, ein Gebiet ausgewählt worden, das verhältnismäßig eisfrei und dennoch extremen klimatischen Bedingungen ausgesetzt ist. Neben Temperaturen von bis zu -40 Grad Celsius herrschen hier ganzjährig starke Windverhältnisse mit Geschwindigkeitsspitzen von bis zu 65 Metern pro Sekunde. Dem standzuhalten stellte hohe Ansprüche an die Konstruktion, begleitet von der Bedingung, in hohem Maße energieeffizient zu sein. Dazu war es eine der wichtigsten Anforderungen, sowohl während der Bauzeit als auch im späteren Betrieb die Einflüsse auf die Umwelt äußerst gering und kurzfristig zu halten.

Um den minimalen Eingriff in die Natur zu gewährleisten und die Bauzeit so kurz und effizient wie möglich zu gestalten, entschied man sich für eine Modulbauweise, bei der die vorgefertigten Bauteile und sonstiges Equipment auf dem Seeweg von Busan in Südkorea über Neuseeland und letztendlich mithilfe von Eisbrechern an den Bestimmungsort gelangt sind. Vor Ort wurden sie von einem 200 Personen starken Team zusammengebaut in einem Rennen gegen die Zeit, denn im kurzen antarktischen Sommer zählt jeder Tag. Zwei aufeinanderfolgende, jeweils nur 65 Tage andauernde Sommerperioden dienten als Bauphasen.

Die Forschungsstation verfügt über 16 Gebäude und der Forschung dienende Nebenanlagen. Dazu zählen eine Kraftanlage, ein Instandhaltungsgebäude, eine Notunterkunft, Observatorien und Laboratorien, die sich strahlenförmig in einem Umkreis von ca. 100 Metern rund um das markante, zentrale Bauwerk gruppieren. Die charakteristische aerodynamische, dreiarmige Struktur des mehrgeschossigen Hauptgebäudes ergibt sich aus der Tatsache, dass es dem Wind nur geringe Angriffsfläche bieten kann. Eine erhöhte Position mit nur wenigen Berührungspunkten zur Bodenfläche wie auch geneigte Wand- und Dachformen minimieren den Kontakt zum allgegenwärtigen Eis und Schnee. Zudem wurden die Fundamente und erdnahen Gebäudeteile mit rostfreiem Stahl verkleidet, um so dem getauten Eis standhalten zu können.

Zwei der drei Gebäudeflügel beherbergen Schlafräume, der dritte einen Teil der Laboratorien. Im Kernteil des Gebäudes sind in einem zweiten Obergeschoss Büros untergebracht, während den oberen Abschluss ein Observatorium und ein Kommunikationsraum bilden. Für den ganzjährigen Betrieb, dem nur rund die Hälfte aller antarktischen Forschungseinrichtungen nachgehen, sind 15 Personen vorgesehen, in der Hochphase während der Sommerzeit sollen bis zu 60 Wissenschaftler, Mitarbeiter und Besucher die koreanische Station nutzen können. Zahlreiche Details sorgen für angenehme Arbeits- und Lebensbedingungen im Innenraum, darunter auch sogenannte Lightshelves, die dafür sorgen, dass genügend Tageslicht in die Arbeitsräume gelangt. Nicht zuletzt ist das Energiekonzept wichtiger Bestandteil der Architektur. An der Außenwand angebrachte Solarpaneele, die den Sonneneinstrahlungswinkel dieser Breiten berücksichtigen, tragen mit 38 kW zur alternativen Energiegewinnung bei, dazu erzeugt Windenergie im Schnitt 60 kW. Der Beitrag von Abwärme und eine mit Diesel betriebene Kraft-Wärme-Kopplung belaufen sich auf 270 kW.

Letztendlich ist die herausragende Dämmung Garant für diese künstlich geschaffene humane Lebensumgebung mit einer konstanten Innenraumtemperatur von rund 20 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 40 %. Die doppelschaligen Außenwände sind mit hocheffizientem Dämmstoff aus Polyisocyanurat-Hartschaum gefüllt. Eine 225 mm tiefe Vorhangfassade kleidet diese und trägt dank dem Einbau von Stahlelementen zum Widerstand gegen Wind und insgesamt zur Stabilität des Gebäudes bei. Gemeinsam mit dreifachverglasten Isolierfenstern wird eine Gesamttiefe von 309 mm nicht überschritten. In den bewohnten Teilen des Gebäudes wurden schließlich zwei Reihen von Fenstern eingebaut: Außen fest verbaute, dreifachverglaste Isolierfenster und innen schwenkbare doppelverglaste Isolierfenster schaffen hier insgesamt eine Fünffachverglasung. Bei diesen Bauelementen entschied sich das beauftragte Unternehmen Eagon Windows & Doors Co. Ltd. aus Südkorea für die Schüco Systeme AWS 90.SI+ und FW 60+.SI, also für Aluminiumfenster mit Super Insulation-Technologie, die höchste Wärmedämmeigenschaften auf Passivhausniveau und aufgrund geringer Bautiefen auch in der Gestaltung zahlreiche Möglichkeiten bieten. Zum immanenten Nachhaltigkeitskonzept gehört schließlich, dass das Gebäude nach der Nutzung, die auf mindestens 25 Jahre angesetzt ist, restlos rückgebaut und abtransportiert werden kann. red

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