Innovationen rund um die Selektivität

Lichte Räume ohne Überhitzung

Mit dem Dauerthema Energieeffizienz sind die Sonnenschutzgläser in den Blickpunkt gerückt. Also haben die Glasveredler am Parameter Selektivität gefeilt. Die Scheiben sollen möglichst viel Licht in die Räume lassen und zugleich vor zuviel Sonnenwärme schützen.

Im Zuge einer immer energieeffizienteren Bauweise ist die Selektivität beim Sonnenschutzglas in den Vordergrund gerückt. Je höher diese Kennzahl für ein Glas ist, desto mehr Licht fällt in das Gebäude, und gleichzeitig schützen die Scheiben vor hoher solarer Energietransmission. Die Selektivitätskennzahl S steht für das Verhältnis von Lichttransmission TL und Gesamtenergiedurchlassgrad (g-Wert).

In Konsequenz ergeben sich Einsparpotenziale für die Beleuchtung der Räume und den Einsatz der Klimaanlage. Je nach räumlicher Gegebenheit kann sogar ganz auf eine Klimaanlage verzichtet werden. Auch das Beschattungssystem muss an die speziellen Funktionen angepasst werden, teils ist ein verdunkelnder Sonnenschutz überflüssig.

Was zusätzliche Funktionen wie Schallschutz oder Sicherheit betrifft, sind für die Sonnenschutzgläser mit hoher Selektivitätskennzahl alle gängigen Kombinationen realisierbar. Die Funktion der Selbstreinigung ist teils noch in Entwicklung.

Die meisten marktführenden Glasveredler haben inzwischen Gläser mit einer Selektivität größer zwei im Angebot, darunter Guardian, Saint-Gobain-Glass, Glas Trösch und Interpane. Im zweiten Schritt wurden seit Ende 2011 auch vorspannbare Varianten in den Markt eingeführt.

Die Herausforderung. Den Lichteinfall zu maximieren, ohne dass sich zugleich die Energietransmission erhöht, war für die Ingenieure in den Entwicklungsabteilungen wohl eine knifflige Angelegenheit. Bevor sich den Glasveredlern dank neuer Technologie Verbesserungsmöglichkeiten für den Selektivitätswert boten, lag dieser bei konventionellen Gläsern bei ca. 1,4; bei Spitzengläsern lag S ≤ 2. Mit der Dreifach-Silberbeschichtung auf der Isolierglasposition zwei, also auf der Innenseite des Außenglases, lässt sich inzwischen eine Selektivität bis zu 2,5 erzielen.

Selektivitat und Warmedammung. Der UWert der Gläser mit hoher Selektivitätskennzahl und Zweifach-Isolierglas liegt meist bei ca. 1,0 W/m²K. Dieser gute Wärmedämmwert wird vor allem über eine Argonfüllung im Scheibenzwischenraum (SZR) erreicht. Nach Angaben von Christophe Schulz, Marktmanager Nicht-Wohnbau bei Saint- Gobain Glass Deutschland, ist bei einem Zweifach-Isolierglas mit Argongas im SZR bei einem U-Wert von 0,9 W/m²K die Olympiade zu Ende: „Über eine zusätzliche Beschichtung lässt sich der Ug-Wert noch um 0,1 W/m²K verbessern, dann ist jedoch auch in der Theorie die Grenze erreicht.“

Das Sonnenschutzglas mit einer hohen Selektivität zu einem Dreifach-Isolierglas zu verarbeiten, gestaltet sich problemlos. „Dafür ist keine neue Technologie notwendig“, stellt Schulz fest. In der Regel werden die Gläser so aufgebaut, dass das Sonnenschutzglas außen eingesetzt wird und die innere Scheibe ein wärmeschutzbeschichtetes Glas ist. Beispiel dafür ist das SGG Climatop Xtreme mit einem Aufbau: 6 mm SGG Cool-Lite Xtreme/ 12 Arg/4 mm Float/12 Arg/4 mm SGG Planitherm Ultra N. Es erreicht einen U-Wert von 0,6 W/m²K, einen g-Wert von 26 % und eine Lichttransmission von TL 54%.

Vorspannbare Varianten. Eines der ersten Produkte für gewerbliche Bauten mit einer Selektivitätskennzahl größer zwei ist das SGG Cool-Lite Xtreme 60/28 gewesen mit Zweifach- Isoliergläsern und einer Argongasfüllung. Mit 60 % Lichttransmission TL ermöglichen die Scheiben lichtdurchflutete Räume. Der g-Wert von nur 28 % (Energiedurchlass von außen nach innen) hält die Wärme der Sonne draußen. Nach Angaben des Herstellers Saint-Gobain Glass heizen sich die Räume im Vergleich zum Wärmeschutzglas in den Monaten Juni bis September um bis zu 5 °C weniger auf. Kurze Zeit später wurde als vorspannbare Variante SGG Cool-Lite Xtreme 60/28 II in den Markt eingeführt. Schulz kündigt an: „Weitere vorspannbare Gläser der Xtreme-Produktfamilie mit einer Selektivität größer zwei werden im Laufe der nächsten ein bis zwei Jahre folgen.“

Vorspannbare Gläser bieten den Architekten eine höhere Planungssicherheit, da sie Flexibilität bei Nachschnitten gewährleisten und die Lieferzeiten verkürzen. Für spezifische Glasformate kann der Glasverarbeiter bereits auf beschichtete Bandmaße zurückgreifen, die sich vor Ort zuschneiden und anschließend durch thermische Vorspannung zu Einscheiben-Sicherheitsglas verarbeiten lassen. Nachträgliches Beschichten entfällt.

Glas Trösch lancierte Ende 2011 die vorspannbare Schicht Silverstar Superselekt 60/27 T und erreichte damit eine Selektivität von 2,22. Der Buchstabe T in der Produktbezeichnung steht für die vorspannbare Variante. Während der glasstec 2012 wurde das vorspannbare Silverstar Superselekt 35/14 T vorgestellt. Mit einer Lichttransmission von 35 % und dem tiefen g-Wert von 14 % erreicht Glas Trösch damit eine Selektivitätskennzahl von 2,5. Seit März 2013 gibt es das Silverstar Superselekt 60/27 auch als nicht vorspannbare Version.

Sonnenschutz in Doppelfassade. Zugunsten geringerer Windlasten, einer reduzierten Aufheizung des Gebäudes im Sommer und geringerer Wärmeverluste im Winter sowie einer optimierten Schalldämmung wird für Hochhäuser gerne das System aus Primärund Sekundärfassaden gewählt. Pilkington hat nun für die Sekundärfassade ein zwischenbeschichtetes Verbundglas als Sonnenschutzglas entwickelt. Die Innovation nennt sich Suncool Optilam TM 65/59 und ist seit Ende 2012 auf dem Markt. Die technische Neuerung, dass die beschichtete Seite des Glases zur Folie laminiert wird, ermöglicht den Einsatz von beschichtetem Sonnenschutzglas in Sekundärfassaden. Mit einem Wärmedämmisolierglas als Raumabschluss in der Primärfassade werden nach Angaben des Herstellers eine Lichttransmission von 54 % und ein g-Wert von 37 % erreicht.

Die Fassadenplatten aus Verbundglas haben einen weiteren Vorteil: Da die beschichtete Seite des Glases zur Folie hin laminiert wird, ist die empfindliche Beschichtung vor Beschädigungen geschützt, und das Glas lässt sich leichter handhaben. Sollte es aus irgendeinem Grund zu Bruch gehen, bleiben die Scherben an der Folie haften. Die Verletzungsgefahr für vorübergehende Passanten ist geringer.