Tagung Konstruktiver Glasbau

Konstruktionen mit ZiE mehren sich

Rund 270 Teilnehmer aus Industrie, Bauaufsicht und Forschungsstellen kamen zur zweitägigen Veranstaltung „Glas im konstruktiven Ingenieurbau“ an der HM München. Zahlreiche Vorträge drehten sich um die DIN 18008, die seit Oktober 2015 in allen Bundesländern gilt.

Wegen der zahllosen Beschwerden über die DIN 18008 von Seiten der Verarbeiter – das neue Nachweisverfahren nach Teil 1 und Teil 2 der Norm hat bei Isolierglasscheiben zu verschärften Anforderungen geführt – bereitet der Normausschuss bereits eine Überarbeitung vor. Prof. Dr.-Ing. Geralt Siebert, Dekan der Universität der Bundeswehr München und Obmann des Ausschusses, referierte über Lösungsansätze: Was die Klimalasten beim Mehrscheiben-Isolierglas (MIG) betrifft, soll die Nachweiserleichterung derzeit für MIG bis 1,6 m² künftig für MIG bis 2 m² gelten. Siebert wies darauf hin, dass für die Klimalastanteile dann zwar ΥF = 1,0 gesetzt werden darf, aber in Konsequenz das ausführende Unternehmen mit einem erhöhten Bruchrisiko für diese kleinformatigen Konstruktionen rechnen muss. Anstatt der Nachweise, die derzeit nach der DIN 18008 Teil 1 und Teil 2 nötig sind, könnten nach der Novellierung für diese kleinformatigen Isolierglasaufbauten Vorbemessungsdiagramme und Typenstatiken erstellt werden, wie Prof. Dr. Franz Feldmeier vom Rosenheimer Labor thermische Bauphysik in seinem Vortrag erläuterte.

Dipl.-Ing. Steffen Schneider von der Landesstelle für Bautechnik in Baden-Württemberg berichtete, wie angesichts der Gültigkeit der DIN 18008 mit den allgemeinen bauaufsichtlichen Prüfzeugnissen nach TRAV zu verfahren ist. Schneider stellte klar: Aus Sicht der Landesstelle für Bautechnik sollten die noch nicht abgelaufenen allgemeinen bauaufsichtlichen Prüfzeugnisse nach TRAV als „gleichwertige Lösung“ im Sinne des § 3 Abs. 3 der LBO-BW eingestuft werden.

Der allgemeine Trend zu mehr Licht in den Räumen sorgt für eine steigende Nachfrage nach Fenstern, die bis zum Boden reichen und gegen Absturz gesichert werden müssen. Schneider informierte über die Nachweismöglichkeiten der Befestigung. Für das Glas ist ein Nachweis nach DIN 18008-4 nach Tabelle oder mit abP nötig. Der Nachweis für den Rahmen kann nach den Technischen Baubestimmungen, z.B. Stahlverstärkung nach EC 3, Holzrahmen nach EC 5 oder abP nach DIN 18008-4, geführt werden. Crux ist, dass für die Befestigung in Mauerwerk mit geringen Randabständen keine europäische technische Bewertung oder allgemeine bauaufsichtliche Zulassung existiert. Damit sich bei der ZiE der Aufwand in Grenzen hält, hat Schneider als kurzfristige Lösung auf Versuchsergebnisse des ift Rosenheim verwiesen. „Diese können sicher im Rahmen eines Zustimmungsverfahrens verwendet werden.“ Langfristig geht es darum, die Befestigungsmittel im Rahmen von ETAs oder abZs verwendbar zu machen oder Prüfvorschriften zu entwickeln, um abPs zu ermöglichen.

Trend zum Glas fordert Klebetechnik

Die Normenflut dominierte die Münchner Traditionsveranstaltung für Bauingenieure. Informationen zu bauaufsichtlichen Anforderungen beziehungsweise normativen Vorgaben und ihren Nachweisen  rückten in den Vordergrund. 12 von 16 Vorträgen widmeten sich diesem Thema. „Die Normen greifen immer stärker in die Konstruktion ein“, konstatierte Prof. Dr.-Ing. Christian Schuler, unter dessen Leitung der Kongress stattfand. Ein Element gilt heute zuvörderst nicht mehr mit der Unterschrift des Ingenieurs als sicher, sondern wenn Prüfergebnisse entsprechend der Norm beziehungsweise nach den Technischen Richtlinien vorliegen. Ingenieurstechnische Verantwortung im traditionellen Sinn können Bauingenieure nur mehr im Ausland übernehmen.

Passen die Vorgaben nicht mehr zu den modernen Produkten, sind die Forscher gefragt, beispielsweise im Arbeitsfeld geklebte Stahl-Glas-Verbindungen (Structural Glazing). Die verfügbaren Technischen Richtlinien wie die ETAG 002 werden nicht mehr dem Stand der Technik gerecht. Die Dimensionierungsvorgaben sind nicht auf großflächige Fassadenkonstruktionen anwendbar. Auch die Erdbebensicherheit ist ein Parameter, der zunehmend für die Bemessungen der Scheiben eine Rolle spielt, aber in den aktuellen Vorgaben nicht bedacht ist. Infolge müssen für SG-Verbindungen in Deutschland aktuell zeit- und kostenintensive bauaufsichtliche Verfahren eingesetzt werden. Um einen neuen systematischen Bemessungsansatz für tragende linienförmige, elastische Klebverbindungen im Glas- und Fassadenbau zu erstellen, bedarf es einer systematischen Untersuchung des Trag- und Versagensverhaltens von SG-Verbindungen. Zu diesem Zweck wurde im Mai 2014 das IGF-Forschungsprojekt der Forschungsvereinigung Fosta eingesetzt. Über Zwischenergebnisse der Untersuchungen berichteten u.a. Prof. Schuler und Martin Bues von der HM München. Die Forschungsarbeit dauert noch bis November dieses Jahres an. Nach Information von Bues ist im Laufe des nächsten Jahres mit der Veröffentlichung des Abschlussberichts zu rechnen. Dieser kann beim Labor für Stahl- und Leichtbau angefordert werden.

Trend wellenförmige Glasfassade

Bei den Vorträgen über Objekte ging es in erster Linie um Sonderkonstruktionen, das heißt, die Wünsche der Architekten und die gesetzlichen Anforderungen sind zunächst nicht vereinbar. Beispiele dafür sind die wellenförmigen Glasgeometrien, die der Tiroler Fassadenbauer Frener Reifer bei den Projekten La Samaritaine in Paris und SwissRe Next in Zürich umsetzt. Wie Dipl.-Ing. Erwin Trommer berichtete, handelt es sich bei dem Gebäude von SwissRe Next um eine zweischalige Konstruktion aus einer 5.100 m² großen Stahl-Pfosten-Riegel Fassade und 6.500 m² vorgesetztem Wellenglas. „Die Abstimmung des Reflexionsverhaltens außen mit der Durchsicht von innen und die Lagerung der Scheiben im Zusammenhang der Verklebung und Statik forderte komplexe Lösungen.“ Aktuell sind die Glaselemente in Fertigung bzw. werden bereits montiert. Architekten hegen bei dieser Bauweise einen hohen ästhetischen Anspruch an die optische Qualität der gewellten Fassade, ihnen geht es vor allem darum mit weichen Linien die starre Oberfläche von Glas zu brechen.

In der Ausgabe vom Mai berichten wir über die Konstruktion und Montage eines gläsernen Unterstands, der im Innenhof der Hochschule München auf dem Campus Lothstraße steht. Das Projekt wurde vom Labor für Stahl- und Leichtmetallbau umgesetzt.

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