Steigerwaldstadion in Erfurt

Neue Überdachung bei laufendem Spielbetrieb

Mit der Modernisierung zur Multifunktionsarena steht dem Aufstieg von Rot-Weiß Erfurt in die zweite Bundesliga nichts mehr im Wege. Unabhängig von den Leistungen des Drittligisten hat das Stadion bislang nicht die Anforderungen des DFB für die zweite Liga erfüllt. Die umlaufende Tribünenüberdachung steht auf warm- und kaltgefertigten Hohlprofilen.

Dank Modernisierung wurde aus dem Steigerwaldstadion eine Multifunktionsarena mit einem Fassungsvermögen von 18.500 Zuschauern. Im Sommer vergangenen Jahres freute sich die Stadt Erfurt an der Austragung der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Während das Stadionoval weiterhin vorrangig für Fußball, Leichtathletik oder Open-Air- Konzerte genutzt wird, bietet das neue Multifunktionsgebäude im Ostbereich Flächen für Tagungen, Messen, Kulturveranstaltungen und Kongresse. Der größte Raum fasst rund 2.000 Personen. Die Eröffnung war Anfang 2017.

Achteckige Grundform
Eine architektonische Besonderheit ist die achteckige Grundform der Anlage. Die zusammenhängende Dachkonstruktion über den drei neuen Tribünen bildet mit dem bestehenden Dach über der Westtribüne eine Einheit und betont den Arenacharakter des Stadions. Die Westtribüne, die 1994 mithilfe von Fördermitteln gebaut worden war, darf nach den Bestimmungen der Förderung frühestens nach 25 Jahren abgerissen werden. Deshalb wird sie 2017 lediglich saniert und brandschutztechnisch auf den neuesten Stand gebracht.
Eine Herausforderung dieses Projektes war die Durchführung der Arbeiten bei laufendem Spielbetrieb. Sie erfolgten stets in enger Abstimmung mit der Stadtverwaltung und der FC Rot-Weiß Erfurt. „Wir mussten immer für bis zu 10.000 Fußballgäste Plätze bereithalten. Alle zwei Wochen haben wir freitags das Stadion an den FC Rot-Weiß Erfurt übergeben und am Montag wieder zurückgenommen“, erklärt Carsten Kühnem und vom zuständigen Bauunternehmen Köster. Aus diesem Grund mussten Nord- und Südtribüne auch zeitversetzt gebaut werden. Die strikte Trennung von Heim- und Gästefans, auch bei der An- und Abreise, war eine zusätzliche Schwierigkeit bei der Planung.

Dach- und Tribünenkonstruktion
Die neue achteckige Tribünenanlage schließt nördlich und südlich an die bestehende, leicht gebogene Westtribüne an. 56 im Werk vorgefertigte, acht Meter hohe rechteckige Stahlbetonstützen wurden nach einem vorgegebenen Raster aufgestellt. Sie bilden das Tragwerk für die Tribünenaufbauten mit insgesamt rund 4.000 Stahlbetonfertigteilen sowie die auskragenden Stahlfachwerkträger, die das Dach mit seinen Aufbauten tragen. Die Herstellung und Montage der Fachwerkträger stellte an das ausführende Unternehmen, Perthel Stahlbau aus dem thüringischen Bad Lobenstein, hohe Anforderungen. Stahbaukonstrukteur René Zager übernahm für deren Ausführung die Werkplanung in 3-D: „Die 2,60 Meter hohen, dreieckigen Fachwerkträger bestehen aus einem Ober- und einem Untergurt, die über Diagonalen miteinander verschweißt sind. Als Werkstoff haben wir sowohl warm- als auch kaltgefertigte Hohlprofile von Tata Steel verwendet. Sie erfüllten alle bautechnischen und mechanischen Anforderungen für das Projekt und ermöglichten eine effiziente Bemessung.“

Unterschiedliche Fachwerkträger
Die 50 Fachwerkträger sind 19,6 Meter lang. Die Gurte bestehen aus warmgewalzten Celsius 355 Hohlprofilen 250 x 250 x 10 Millimeter und erfüllen die europäische Norm für warmgefertigte Hohlprofile EN 10210: S355NH. Die sechs Celsius 355 Träger an den Gebäudeecken sind aus konstruktiven Gründen länger und zwar insgesamt 20,8 Meter lang. Hierfür wurde die Abmessung 250 x 250 x 12 Millimeter verwendet. Die verbindenden Diagonalen bestehen aus kaltgefertigten Hohlprofilen Hybox 355 nach DIN EN 10219. Ihre Abmessungen betragen 120x120x8, 250 x 250 x 8 oder 180 x 100 x 6 Millimeter, je nach statischer Erfordernis.
Es wurde wirtschaftlich und technisch genau abgewogen, wo warmgefertigte Hohlprofile und wo kaltgefertigte Hohlprofile eingesetzt werden. Basierend auf den technischen Unterschieden wie z. B. Kantenradien, Eigenspannungen oder Biegeknickbeanspruchbarkeit wurde eine gezielte Produktauswahl getroffen.
Ein wichtiger Punkt war die Schweißbarkeit.  Warmgefertigte Stahlbau-Hohlprofile sind problemlos schweißbar, bei den kaltgefertigten Hohlprofilen sind jedoch Einschränkungen nach Eurocode 3 zu beachten. Aber Tata Steel konnte bestätigen, dass die Bedingungen der Norm eingehalten werden, und eine Garantie auf die Schweißbarkeit ihrer kaltgefertigten Hohlprofile Hybox 355 geben. Beide Profilarten wurden mit einer Mindeststreckgrenze von 355 N/mm2 geliefert.

Komplexes Handling und Montage
“Eine weitere Herausforderung war das Handling der bis zu drei Tonnen schweren Fachwerkträger in unserem Werk in Bad Lobenstein. Jeder einzelne Träger wurde in einem Stück in der Werkstatt gefertigt. Um von allen Seiten schweißen zu können, war es mehrfach nötig, die Träger zu drehen“, erläutert René Zager. Schließlich wurden die Fachwerkträger mit Sondertransporten zur Baustelle geliefert. Ihr Anschluss an die Betonstützen erfolgte vor Ort über die Kopfplatten, die jeweils am Ober- und Untergurt angeschweißt sind. „Vor Ort standen wir allerdings vor der Aufgabe, unsere Fachwerkträger an die Stahlbetonstützen zu montieren“, erklären Heiko Josiger und Andreas Goll von Perthel Stahlbau, die sich die Bauleitung teilten. In die Betonstützen waren werksseitig Stahlbleche mit Gewindebohrungen einbetoniert worden. Hier galt es, die Fachwerkträger anzubringen. „Die unterschiedlichen Maßtoleranzen machten uns zunächst Probleme. Im Stahlbau liegen sie zwischen zwei und drei Millimetern, bei Betonfertigteilen zwischen 15 bis 20 Millimetern. Schließlich konnten wir die Differenzen ausgleichen und die Fachwerkträger sicher mit Schrauben M27 an den Stahlbeton- stützen montieren.“ red






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