Ausbildung mit Perspektive

Fassadentechnik und digitales Baumanagement

Mit der Ausbildung zum Metallbauer ist es in Österreich so eine Sache. Keine Schule oder Lehre scheint dem heutigen Berufsbild so richtig gerecht zu werden. So gehören zu den klassischen Projekten von Metallbauunternehmen Fassaden; ein neuer Lehrgang an der HTL-Kramsach in Tirol widmet sich nun diesem Thema: Fassadentechnik und digitales Baumanagement.

Die HTL (höhere technische Lehranstalt), die ihren Ursprung eher in der Glastechnik und Gestaltung hat, erweiterte ihr Repertoire dieses Jahr um den Zweig HTL für Fassadentechnik und digitales Baumanagement.

Ergeben hat sich die Spezialisierung laut Direktorin Dr. Ursula Pittl-Thapa als selbstverständliche Weiterentwicklung der Schule. Der Schwerpunkt hat sich bereits zuvor in Kooperationen mit Unternehmen, wie beispielsweise Seele, Wagner Biro, Metallica und Strabag herausgestellt. „Bei unseren Projektthemen wurde schon vor der Spezialisierung sehr viel rund um die Fassade entwickelt. Deshalb war es für uns ein naheliegender Schritt, bei der Etablierung eines neuen fünfjährigen Lehrgangs dieses moderne und zukunftsfähige Thema in den Vordergrund zu stellen“, so Pittl-Thapa. Grundsätzlich handelt es sich beim neuen Ausbildungszweig aber immer noch um eine Hochbauausbildung, in der den Schülern breites Basiswissen vermittelt wird. Die Direktorin legt großen Wert darauf, Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, die Entwicklung des Unterrichts durch eigene Schwerpunktsetzung selbst mitzubestimmen. Einen wichtigen Part spielen dabei zahlreiche Firmen, die entsprechende Projekte mitbetreuen, eigene Vorschläge machen und den Schülern wichtigen Input geben. Sie ist davon überzeugt, dass es sich beim Fassadentechniker schon sehr bald um einen eigenen Beruf handeln wird. Das große Interesse von Unternehmen aus der Privatwirtschaft an Kooperationen mit der HTL scheint jedenfalls ein Indiz dafür zu sein, dass es sich bei den zukünftigen Absolventinnen und Absolventen des Lehrgangs um gefragte Fachkräfte handeln wird.

Ohne Metall keine Fassade

Als einzige Schule, die mit dem Werkstoff Glas arbeitet, sind im Rahmen von Projekten immer schon Architektur und im Speziellen auch Fassaden entstanden, meist in Verbindung mit anderen Materialien wie Metall, Holz und Keramik. „Egal um welches Material es sich bei einer Fassade handelt: die Unterkonstruktion oder bei hinterlüfteten Fassaden die Anbindung an die Fassade beziehungsweise verschiedene Punkthalterungen sind stets aus Metall. Man kann Glas oder andere Materialien im modernen Bauen niemals ohne Metall denken.“, so die Direktorin. Aus diesem Grund wird in der Lehre an der HTL Kramsach ganz besonderes Augenmerk auf diesen Baustoff gelegt.

Modernste Technik und solides Handwerk

Schüler können dabei sowohl Erfahrungen im handwerklichen Umgang als auch im Bedienen hochmoderner Industriemaschinen sammeln. „Wir haben mehrere gut ausgestattete Werkstätten. Die handwerkliche Komponente ist an der HTL Kramsach grundsätzlich vorhanden und hat eine lange Tradition. Gleichzeitig gibt es aber auch digital angesteuerte Maschinen, wie CNC-Laser- und Waterjet-Schneidemaschinen, die den Schülern ebenso zur Verfügung stehen, wie modernste Bohr- und Schleifmaschinen.“ Die bestehende Ausstattung wird in enger Absprache mit den Innungen und verschiedenen Firmen immer wieder aktualisiert und durch Neuanschaffungen erweitert. Was nicht mehr dem Stand der Zeit entspricht, wird ausrangiert. Innovationen werden parallel zur Industrie implementiert. „Dafür erhalten wir immer wieder gute Rückmeldungen von Unternehmen und möchten unbedingt auch weiterhin diesen engen Austausch pflegen“, so die Direktorin Ursula Pittl-Thapa. Um Schülern schon frühzeitig Einblicke in die Praxis zu gewähren, werden Betriebe besichtigt und von deren Seite auch immer wieder Vorträge und Workshops an der Schule abgehalten.

Selbstverständlich BIM

Durch den engen Austausch mit den Firmen ist man sich an der HTL Kramsach längst über die Bedeutung der Digitalisierung in der Baubranche bewusst. Dies spiegelt sich nicht erst seit der Einführung des Ausbildungszweigs Fassadentechnik und digitales Baumanagement im Lehrplan wider. Schon vor Jahren wurde BIM ganz selbstverständlich in die Lehre implementiert. „Es gibt inzwischen nur noch sehr wenige Unternehmen, die nicht verstanden haben, dass BIM die Zukunft ist,“ so Pittl-Thapa. „Ohne Ausbildung in diesem Bereich wird in Zukunft kein Absolvent mehr einen wirklich guten Job bekommen“, ist sie überzeugt. Neben dem Beherrschen entsprechender Software wird dabei auch eine andere Baumanagementkultur vermittelt. „Man muss inzwischen ganz anders auf Bauprojekte draufschauen. Mit allen Gewerken gleichzeitig und in Echtzeit in einem fünfdimensionalen Modell in Austausch zu stehen, bietet die Möglichkeit, Fehler zu beheben, bevor diese überhaupt entstehen.“

Bauen als kooperativer Akt

Wichtiger Teil des Lehrplans sind die praxisnahen Konstruktionsübungen, dafür wird häufig mit Unternehmen aus der Privatwirtschaft kooperiert. Darunter befinden sich Global Player ebenso wie lokale Familienbetriebe. Inzwischen kommt es sogar vor, dass mit Firmen zusammengearbeitet wird, die von Absolventen der HTL Kramsach gegründet wurden. Etwa mit Build-Informed, einem aufstrebenden Unternehmen, das BIM-Software entwickelt. Im Zuge solcher Kooperationen sind bereits Lösungen entstanden, die patentiert wurden und eventuell irgendwann in Serie gehen werden. Mit Unterstützung von Fensterbau Freisinger aus Ebbs in Tirol wurde ein Verglasungselement entwickelt, das nicht nur Schatten spendet, sondern auch Energie aus Photovoltaik erzeugt.

Neben dem innovationsfördernden Effekt profitieren Unternehmen insbesondere davon, erste Kontakte zu bestens qualifizierten potenziellen zukünftigen Mitarbeitern knüpfen zu können. Nicht selten sind Absolventen der HTL Kramsach als Projektleiter großer Betriebe anzutreffen, von denen es einige in der Tiroler Hauptstadt Innsbruck gibt. Aber auch die große weite Welt steht den Schulabgängern der HTL offen. Ehemalige SchülerInnen des Ausbildungszweigs Glastechnik, wo die Fassadentechnik schon sehr stark behandelt wurde, sind immer wieder Projektleiter internationaler Großprojekte, etwa in Dubai, dem Flughafen in London oder der Halle für den Eurovision Song Contest in Baku. Viele bleiben weiterhin in engem Kontakt mit ihrer Ausbildungsstätte, wobei neue Kooperationen entstehen und so die nächste Generation bei ihrer Ausbildung unterstützt wird.

Über die HTL-Kramsach

Von der Struktur her wie eine Privatschule organisiert, wird die HTL-Kramsach von Bund und Land gefördert. Dadurch ist es möglich, Schülern eine kostenlose Ausbildung zu bieten. Der Schulstandort Kramsach umfasst einen Campus, der neben der HTL auch eine Fachschule und ein Kolleg beinhaltet. Für 160 Schüler, die aus allen Bundes- und Nachbarländern kommen, gibt es zudem Wohngelegenheiten direkt am Campus. Direktorin Pittl-Thapa betont ausdrücklich den internationalen Charakter des Standortes, an dem Lernwillige, aus dem Ausland herzlich willkommen sind.

Neben einer umfassenden Ausbildung sollte am lebendigen Schulcampus in Kramsach auch das Soziale nicht zu kurz kommen. „Durch das enge Miteinander auch außerhalb der Schulzeit entstehen oftmals Gruppen mit gemeinsamen Interessen, die sich nicht nur im Berufsleben gegenseitig unterstützen“, so Ursula Pittl-Thapa. Manchmal gehen Beziehungen sogar weit über das berufliche hinaus. Selbst Ehen sind aus dem Campusleben hervorgegangen, weiß die Direktorin. Stolz ist sie auf das ausgewogene Verhältnis von männlichen und weiblichen Schülern. Es lässt darauf hoffen, dass sich dieses Verhältnis im zukünftigen Berufsstand der FassadentechnikerInnen abbilden wird.

www.htl-kramsach.ac.at

„Ohne Ausbildung in der BIM-Arbeitsweise wird in Zukunft kein Absolvent mehr einen wirklich guten Job bekommen.“
Direktorin Dr. Ursula Pittl-Thapa
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