Branche

HAB Wusterhusen

Ansprüche machen erfinderisch

Umringt von Werften hat sich HAB Wusterhusen zu einem führenden Metallbauer der Ostseeküste entwickelt. Die Geschichte des Unternehmens reicht zurück bis in die 1950er-Jahre, noch vor den sozialistischen Frühling. Heute ist daraus ein mehr als solider Mittelständler geworden, der sich immer wieder neue Nischen gesucht hat, in denen er seine besonderen Begabungen beweisen kann.

Als Brackgewässer hat das Baltische Meer, wie die Ostsee international heißt, nur einen geringen Salzgehalt. Nur wenige Lebewesen kommen mit diesen wechselhaften Bedingungen zurecht. Ein reges Unterwasserleben sollte man hier nicht erwarten. Schon gar nicht in Ufernähe. Und doch hat die Hallen- und Anlagenbau (HAB) Wusterhusen eine Touristenattraktion mit entwickelt und schließlich gebaut, die die Menschen eben genau dazu einlädt: eine Fahrt unter die Wasseroberfläche zu machen und sich die Ostsee von unten anzuschauen.

Tauchgondel heißt das Fahrgeschäft, das es in vier deutschen Ostseebädern gibt – in Grömitz, Zingst, in Sellin auf Rügen und in Zinnowitz auf Usedom. In einer ringförmigen Gondel fahren die Menschen auf bis zu vier Meter unter die Wasseroberfläche. Nach 40 Minuten tauchen sie wieder auf. Erfunden hat die Gondel Andreas Wulff. Doch gebaut wurde sie bei HAB Wusterhusen.

Der Diplom-Ingenieur Andreas Pörsch führt das Unternehmen heute gemeinsam mit seiner Ehefrau Kathrin in der zweiten Generation. Pörsch, 58, ist seit 1990 im Unternehmen. Da hatte das Unternehmen bereits gut vier Jahrzehnte auf dem Buckel.

Das Unternehmen vor der Wende

1948 wurde der Vorläufer der Firma als Maschinen Ausleih Station (MAS) gegründet. Nach dem Krieg hatten die sowjetischen Besatzer beschlossen, dass Großgrundbesitzer enteignet werden sollten. Das hieß auch, dass Bauern keine Landmaschinen besitzen durften.

Vier Jahre später zog die Firma nach Wusterhusen, eine gute Viertelstunde östlich von Greifswald. Neben dem Hauptsitz gab es fünf weitere Stationen und eine sogenannte Transportbrigade mit mehreren Lkws. Heute würde man wohl sagen: ein kleines Logistikzentrum. Nach ihrem Umzug 1952 wurde die Firma in Maschinen Traktoren Station (MTS) Wusterhusen umbenannt. Ihre Aufgabe: die Landwirte am östlichen Rand der deutschen Osteeküste mit Landmaschinen zu versorgen. Die Firma wuchs in dieser Zeit auf rund 250 Mitarbeiter.

Mit den 1960er-Jahren kam der sozialistische Frühling in der Landwirtschaft an. In der damaligen DDR wurden landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften gegründet, die auch Tiere, Personal und Gerät bekamen. „Somit war die Landtechnik bei den Bauern, wo sie auch hingehörte“, heißt es dazu auf der HAB-Website.

Die neuen Aufgaben der übrig gebliebenen Zentrale, die jetzt RTS Wusterhusen hieß, bestanden jetzt in der Durchführung von Grundinstandsetzungen an Traktoren und Landmaschinen sowie der Versorgung der genossenschaftlich organisierten Bauern mit Ersatzteilen und Baugruppen. RTS steht für Reparatur-Technische Station – der neue Name war also dem veränderten Zweck angepasst. Die einzelnen Stationen hatten damals schon sehr spezielle Aufgaben. In Wusterhusen war man auf Maschinen zur Kartoffelernte spezialisiert, die ganzjährig und in großen Stückzahlen hier repariert wurden. Im nächsten Schritt entwickelte Wusterhusen sich dann zum Standort für die Mechanisierung in der Landwirtschaft. Also Technik im Stall. Melkmaschinen, Stallanlagen, Anlagen für die Getreidewirtschaft und auch erste Lösungen im Hallenbau und deren komplette technische Ausstattung. Die Aufträge von Landwirten und aus der Getreidewirtschaft wurden immer anspruchsvoller. Das größte Projekt damals war ein riesiger Gewächshaus-Komplex in Greifswald von 200.000 Quadratmetern. Eine Fläche, so groß wie 28 Fußballfelder.

Das Unternehmen nach der Wende

Mit der Wende änderte sich auch die Wirtschaft. Unmittelbar nach dem Mauerfall wurde aus dem Staatsbetrieb die Eltea GmbH mit Sitz in Sievershagen, am westlichen Ende des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Es dauerte aber noch mal drei Jahre, bis das Unternehmen dann privatisiert wurde. Andreas Pörsch kaufte das Unternehmen gemeinsam mit seinem Schwiegervater Wolfgang Liebsch und Hans-Rainer Saß. Am 27. August 1992 unterzeichneten sie den Kaufvertrag bei der Treuhand in Hamburg. Zu jener Zeit hatte die Firma noch 43 Mitarbeiter, darunter sieben Azubis.

Schnell erkannten die Unternehmer, dass sie ihre Zukunft nicht auf die Reparatur von Landmaschinen setzen wollten. „Was die Menschen händeringend brauchten, waren vernünftige Gewerbebauten“, erinnert sich Andreas Pörsch, der damals gerade mal 30 Jahre alt war. Diese Aufträge kamen dann auch. HAB baute Autohäuser, Verlagsgebäude, Industrie- und Gewerbebauten, sogar eine kilometerlange Werfthalle.

In den folgenden Jahren stabilisierte sich die Firma, die jetzt HAB Hallen- und Anlagenbau hieß. Erstmals gab es marktwirtschaftliche Bedingungen. Notwendige Investitionen wurden sorgsam abgewogen.

So kam es 1999 zur ersten Erweiterung der Produktion. 2007 und zuletzt 2017 kamen weitere Bauphasen hinzu. Vor vier Jahren wurden zuletzt 6,5 Millionen Euro in den Bau einer 3.400 Quadratmeter großen Fertigungshalle investiert.

2006 wurde dann die Tauchgondel erfunden. Ihr Prototyp, der für Zinnowitz auf der Insel Usedom bestimmt war, markierte für HAB Wusterhusen den Einstieg ins Offshore-Geschäft, das heute ein wichtiges Standbein ist. Der Baumaschinenkonzern Liebherr etwa hat ein Offshore-Werk in Rostock. Dort werden große Kräne gebaut, etwa um Windanlagen zu bauen. Wichtige Bauteile für die Kräne kommen von HAB. Die Bauteile messen in alle Richtungen zwei bis drei Meter. Gewicht: ab einer Tonne aufwärts.

2009 zieht Wolfgang Liebsch sich nach mehr als fünf Jahrzehnten aus dem Unternehmen zurück. Andreas und Kathrin Pörsch übernehmen. Der dritte Gesellschafter Hans-Rainer Saß scheidet ebenfalls aus. Sein Sohn Klemens Saß übernimmt den Bereich Gebäudetechnik, der heute in eine eigene Firma ausgegliedert ist.

Ausbau des Segments Anlagenbau

Immer wichtiger für HAB ist der Anlagenbau. Eine Nische ist dabei das Geschäft mit Vergnügungsparks. Von HAB etwa kommen Wildwasserbahnen, wie man sie aus Freizeitparks auf der ganzen Welt kennt. Für Schwimmbäder werden immer wieder neue Ideen entwickelt, 2011 baut HAB als erste deutsche Firma einen Generator, der Meereswellen simuliert. Das ist der Startschuss für einen neuen Geschäftsbereich. Der Aufbau des Anlagenbaus zur Errichtung von touristischen, energetischen und industriellen Anlagen verfolgt eine strategische Wende.

So ist das Projektgeschäft mit Sonderanfertigungen heute die bestimmende Größe des Unternehmens, das mit seinen 70 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von gut 13 Millionen Euro erlöst hat. Begeistert erzählt Andreas Pörsch etwa von einem Auftrag, der gerade im Corona-Jahr 2020 eine besondere Herausforderung war: ein 3D-Kino in Abu Dhabi, bei dem die Kinogäste ringförmig um die Leinwand herum sitzen. Der Ring hat einen Durchmesser von fast 20 Metern. Der Auftrag hat eine Laufzeit von anderthalb Jahren und ein Volumen von gut einer Million Euro.

HAB baut Achterbahnen und das größte Riesenrad Europas, entwickelt ein Schwimmbad, das nahezu wartungsfrei funktioniert und somit besonders sparsam betrieben werden kann. Das typische Portfolio des klassischen Metallbauers – Fenster, Balkone, Treppen, Fassaden – findet bei HAB gar nicht statt. „80 Prozent unseres Umsatzes ist Projektgeschäft“, sagt Andreas Pörsch. Zu den übrigen 20 Prozent gehören Auftraggeber wie der Kranbauer Liebherr-MCCtec oder der Gabelstapler-Hersteller Still, der sich von HAB mit Ersatzteilen versorgen lässt. Und zwar weltweit.

Bei der Technik spart er nicht, ebenso wenig beim Maschinenpark, zu dem elf verschiedene Maschinen und Anlagen gehören. Trennen, Umformen, Schweißen, Zerspanen, Oberflächenbearbeitung, Montage – das Spektrum ist groß: Der hohe Anspruch an die eigene Leistung wird dadurch untermauert, dass ein HAB-Azubi im vergangenen Jahr zu einem der besten Metallbauer auf Bundesebene gekürt wurde. Der 24-jährige Dennis Breitenfeldt schnitt beim Leistungswettbewerb als Sieger in der Kategorie Metallbau in der Fachrichtung Konstruktionstechnik ab (siehe Porträt auf Seite 46).

Investitionspaket von 6,4 Mio. Euro

HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH im vorpommerschen Wusterhusen bei Greifswald hat kürzlich eines der umfangreichsten Investitionsprogramme in der fast 30-jährigen Geschichte des familien- und visionsgeführten Unternehmens zum Abschluss gebracht. Nachdem zuletzt eine hochmoderne Roboterschweißanlage für mehr als 500.000 Euro in Betrieb gegangen war, summiert sich das Volumen des Investitionspakets auf 6,4 Millionen Euro. Der Großteil des eingesetzten Kapitals floss in neue Hallen und Gebäude sowie in flexible und sehr produktive Bearbeitungstechnik.

„Mit der Anschaffung von hochleistungsfähigen und computergesteuerten Maschinen und Anlagen haben wir die Weichen gestellt, um das Produktionsprofil unseres Unternehmens zu erweitern und flexibel auf wechselnde Anforderungen des Marktes reagieren zu können“, sagt Geschäftsführer Andreas Pörsch. „Außerdem bekennen wir uns damit zu unserem Standort in Vorpommern, wo es nach wie vor zu wenig Arbeitsplätze insbesondere im verarbeitenden Gewerbe gibt.“ Die Aussichten auf mehr solcher Jobs werden in der gegenwärtigen Krisensituation leider eher noch geschmälert, so Pörsch weiter. HAB sieht daher in den aktuellen Investitionen auch einen Beitrag, jungen Menschen vor Ort eine berufliche Perspektive zu bieten. Im Unternehmen werden derzeit neben Monteuren auch ein Projektleiter für den Hallenbau gesucht. Um den künftigen Bedarf an Fachkräften zu sichern, bildet HAB seit vielen Jahren aus. Im Fokus steht die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Metallbauer in der Fachrichtung Konstruktionstechnik.

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