Neuer Beruf ­Sicherheitstechniker

Im Gespräch mit Christian Atzmüller von der WKÖ

metallbau: Wie viele Betriebe im Bereich des konstruktiven Stahl- und Aluminiumbaus gibt es in Österreich?

Christian Atzmüller: Wir erfassen die Zahl dieser Betriebe nicht in unserem System, aber die Schätzung beläuft sich auf ca. 3.000 Betriebe.

metallbau: Konzentriert sich die Zahl dieser Betriebe oder gibt es vergleichsweise zahlreiche Neugründungen?

Atzmüller: Es gibt viele Neugründungen, darunter sind vor allem Kleinstbetriebe und Einzelunternehmer. Auf der anderen Seite wächst aber auch die Anzahl der größeren Betriebe. Die mittlere Betriebsgröße von fünf bis zehn Mitarbeitern dünnt hingegen aus.

metallbau: Bieten die neuen Unternehmen das klassische Metallbau­portfolio an oder sind das eher spezialisierte Monteure für Fertigelemente?

Atzmüller: Das Ausdünnen betrifft vor allem Betriebe zwischen fünf und zehn Mitarbeitern. Für diese Betriebsgröße sind einfach die Kostenanforderungen unverhältnismäßig, beispielsweise bei der Anpassung an die EN 1090 – und auch an die Arbeitnehmerschutzvorschriften oder an die Registrierkassenverordnung, die uns ab 2016 erwartet. Eine Trendwende ist da meines Erachtens nicht in Sicht.

metallbau: In welchen Segmenten des konstruktiven Metallbaus gibt es in Österreich eine steigende Nachfrage?

Atzmüller: Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen wächst, zwar haben wir die Spitzenwerte bei den Einbruchszahlen bereits hinter uns gelassen, aber die Werte sind immer noch bedenklich hoch. Der Bedarf an Fachkräften, die sich in diesem Segment auskennen, ist so groß, dass wir sogar daran arbeiten, einen Ausbildungsberuf für dieses Segment zu schaffen. Wir arbeiten das Konzept derzeit unter dem Arbeitstitel „Sicherheits­techniker“ aus. Bis es durchgesetzt ist, kann es noch zwei Jahre dauern.

metallbau: Wie geht es im Fassadenbau?

Atzmüller: Wir spüren zurzeit schon, dass die öffentliche Hand sehr zurückhaltend ist. Und durch die verhaltenen konjunkturellen Aussichten investiert auch die Industrie nicht.

metallbau: Versprechen Sie sich mit dem hohen Flüchtlingszustrom einen Schub im Sozialen Wohnungsbau?

Atzmüller: Im Sozialen Wohnungsbau hat die Metallbaubranche das Problem, dass ihr Baustoff in den standardisierten Leistungskatalogen auf der Strecke bleibt. Aber die Studie des AMFT „Fensterwerkstoffe im Vergleich: Lebenszykluskosten und Ökobilanz im Wohnbau“ gibt uns bei der Argumentation Schützenhilfe. Die Studie wurde erst im Herbst 2015 fertiggestellt und belegt wissenschaftlich, dass Aluminiumfenster unter dem Gesichtspunkt Lebenszykluskosten klar die Nase vorn haben. Im Bundesland Oberösterreich konnten wir mit unserer Überzeugungsarbeit schon etwas für den Metallbau erreichen.

metallbau: Welche Themen brennen den Metallbaubetrieben unter den Nägeln?

Atzmüller: Die aktuelle wirtschaftliche Situation ist ein großes Thema, die Arbeitslosigkeit und die konjunkturelle Lage.

metallbau: Wie sehr trifft die hohe Arbeitslosenzahl die Metallbaubranche?

Atzmüller: Generell ist es so, dass gute Fachkräfte immer gesucht werden.

metallbau: Stellen wir uns einen mittelmäßigen Metallbauer mittleren Alters vor, wird er von der Arbeitslosigkeit vom Markt gedrängt?

Atzmüller: Nein, er sollte in Arbeit sein. Die Metallbaubranche ist von der Arbeitslosigkeit nicht so betroffen, Fachkräfte sind gesucht.

metallbau: Sie waren kürzlich in Tarifverhandlungen, was verdient ein Metallbauer in Österreich?

Atzmüller: Die Metallbauer fangen nach der Ausbildung mit einem Lohn von ca. 2.000 Euro Brutto an. In der Metallbaubranche ist der Mindestbruttolohn von 1.700 Euro kein Thema, weil die Gesellen direkt nach der Ausbildung deutlich darüber liegen. Etablierte Fachkräfte sind eher bei 2.500 Euro Brutto und darüber.

metallbau: Okay, die Arbeitslosigkeit trifft die Metallbaubranche nicht so, aber die Konjunkturlage macht den Unternehmen zu schaffen?

Atzmüller: Wir haben ein Ost-West-Gefälle. In der Nachbarschaft zur Schweiz läuft die Konjunktur besser, im Osten ist der Wettbewerb sehr stark geprägt von der Konkurrenz mit Betrieben aus den umliegenden Nachbarstaaten. Das heißt, Österreich spürt sehr stark, dass die EU-Grenzen offen sind.

metallbau: Welche Nachbarländer machen am stärksten zu schaffen?

Atzmüller: Auf der Baustelle finden sich vor allem Mitarbeiter aus Ungarn, der Slowakei, Tschechien, Slowenien, Rumänien und Bulgarien.

metallbau: Geht es ausschließlich um Baustellenmontage oder auch um die Fertigung?

Atzmüller: Es geht sowohl um Lieferanten, die aus dem Osten importierte Produkte anbieten als auch um ausführende Firmen auf den Baustellen. Obwohl es eine Verpflichtung zur Einhaltung der kollektivvertraglichen Mindestlöhne gibt, können Ausführende aus dem Osten im unteren Preissegment anbieten. Das liegt in erster Linie an anderen Kalkulationsvoraussetzungen, sie müssen beispielsweise nicht mit so hohen Lohnnebenkosten rechnen.

metallbau: Was macht die Arbeitszeit in Österreich so teuer?

Atzmüller: Es betrifft vor allem die Regelung der Arbeitszeit und die Entlohnung der Überstunden.

metallbau: Gibt es Zahlen, wie viele Aufträge an die östlichen Nachbarländer verloren gehen?

Atzmüller: Nein, das ist nicht einschätzbar.

metallbau: Sollten die Unternehmer sich dann nicht einfach dieser Billiganbieter als Subunternehmen bedienen, um bei der Vergabe zum Zug zu kommen?

Atzmüller: So ist es. Das Problem muss politisch gelöst werden, in diesem Sinn gibt es eine Initiative für eine faire Vergabe: Das Bestbieterprinzip soll für öffentliche Aufträge verankert werden. Mit Anforderungen von Sozial-, Umwelt- und anderen -kriterien sollen die Chancen für heimische Auftragnehmer besser werden.

metallbau: Wie kommt die Initiative bei den Bauherren an? Funktioniert das auf freiwilliger Basis?

Atzmüller: Die Erfahrungen sind schlecht, obwohl es schon im bisherigen Vergabegesetz eine Verpflichtung zur Angebotsprüfung gab, wonach die Kalkulationsgrundlage geprüft werden sollte. Das wird oft nicht gemacht, weil die Ausschreibungsstellen teils überfordert sind, teils den Passus nicht kennen oder keine Personalkapazitäten dafür haben. Am Ende erhält dann das Billigangebot den Zuschlag. Ist das Bestbieterkonzept gesetzlich verankert, muss das Angebot auf bestimmte Anforderungen hin geprüft werden, Unternehmen haben dann verstärkt die Möglichkeit zu reklamieren, eben auf Einhaltung anderer Kriterien als auf den Preis. Im zweiten Schritt geht es um einen Bewusstseinswandel: Den ausschreibenden Stellen soll vermittelt werden, dass es keinen Sinn machen kann, den Ast, auf dem wir sitzen abzusägen. Mit der Beschäftigung ausländischer Unternehmen schwinden auf lange Sicht auch die Steuereinnahmen der Kommunen und die Arbeitsplätze. Diesen Trend soll die Initiative stoppen.

metallbau: Wann wird das Bestbieterkonzept gesetzlich verankert sein?

Atzmüller: Es wurde mittlerweile vom Nationalrat beschlossen und sollte 2016 in Kraft treten. (siehe Seite 30)

metallbau: Wie steht es in Österreich um die Zertifizierung der Betriebe nach EN 1090.

Atzmüller: Ich meine, dass die Norm nach einer Schrecksekunde inzwischen gut etabliert ist, aber ich habe keine Zahlen.

metallbau: Wie viele der Metallbaubetriebe wollen diese Norm, weil sie so einfacher ihre Leistungen ins europäische Ausland exportieren können?

Atzmüller: Es gibt sehr wohl einige Firmen, die nach Westeuropa exportieren, und es zeichnet sich ein Trend dahin ab. Die Vorarlberger Betriebe exportieren bevorzugt in die Schweiz, für Montagearbeiten österreichischer Firmen in Deutschland gibt es wohl bürokratische Hürden – höre ich zumindest gelegentlich. Auf den Baustellen soll es strenge Kontrollen geben.

metallbau: Wie ist der Kontakt zu den Branchenverbänden in der Schweiz und Deutschland?

Atzmüller: Es gibt gemeinsame Termine der Europäischen Metallunion (EMO), und auch in internationalen Normungsgremien arbeiten wir zusammen.

metallbau: Eine Schlussfrage noch: Was sollten die österreichischen Betriebe nicht aus den Augen verlieren, wenn sie in den nächsten Jahren gut positioniert sein wollen?

Atzmüller: Unternehmer sollten ihr Umfeld genau beobachten: Wo gehen die Trends hin. Im Maschinenbau geht es derzeit beispielsweise um den 3D-Druck. Innovationen, die Betriebsabläufe radikal verändern können, sollten rechtzeitig in ihrem Potenzial erkannt und für den eigenen Betrieb geprüft werden. Industrie 4.0 ist auch eine Entwicklung, an der ein Unternehmer dran bleiben und sich fragen sollte, was sich in seinem Betrieb mit einer Investition in Digitalisierung erreichen lässt bzw. ob er darauf verzichten kann.

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