Azubis entdecken neue Wege

Praktikum in Europa

Erfahrung sammeln, neue Arbeitstechniken und Sprachen kennenlernen und Marktvorteile sichern: Vier deutsche Azubis haben den ersten Schritt dazu gemacht - ein Praktikum im Ausland.
 
Martin, Patrick, Christopher und Marty waren die ersten, die wir nach Italien geschickt haben“, erzählt Andrea Richter, Mobilitätsberaterin der Handwerkskammer (HwK) Potsdam und Betreuerin der vier Jugendlichen. „Es ist ein Projekt, das von der Europäischen Kommission im Rahmen des Förderprogramms Leonardo da Vinci und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird“, erklärt sie.
Mithilfe von „Handwerk mobil – Chance Europa“ haben die vier Metallbau-Auszubildenden aus Deutschland den Sprung gewagt und ein Praktikum in Italien gemacht. Dort besuchten sie erst eine Woche lang einen italienischen Sprachkurs, und anschließend durften sie zwei Wochen in einem fremden Betrieb neue Erfahrungen sammeln. Die vier jungen Leute machen zurzeit eine Ausbildung zum Metallbauer in der Fachrichtung Nutzfahrzeugbau bei der Hüffermann Transportsysteme GmbH, Neustadt/Dosse. Martin Wandrey und Patrick Sprenger lernten in ihrer Schnupperlehre den italienischen Metallbaubetrieb Busato S.r.l di Cecchetto Davide, Castabissara, kennen. Christopher Jacob und Marty Müller durften im Betrieb Pietro Fiorentinti S.p.A., Arcugnano, mitarbeiten, einem Hersteller und Entwickler von Komponenten und Systemen zur Kontrolle, Messung und Verarbeitung von Erdgas.
 
Aufenthalt. Die Reise der Auszubildenden nach Vicenza wurde von der HwK Potsdam und dem italienischen Partner Eurocultura organisiert. Mit „Handwerk mobil – Chance Europa“ stehen im Zeitraum von zwei Jahren 48 Lehrlingen Praktikumsplätze in Vicenza zur Verfügung. Auf Nachfrage bei einem Mobilitätsberater kann natürlich auch ein Praktikum in einem anderen europäischen Land absolviert werden. Um die Kriterien zu erfüllen, müssen die Auszubildenden
* volljährig sein,
* Teil 1 der Gesellenprüfung (Zwischenprüfung) bestanden haben,
* das Einverständnis ihres Ausbildungsbetriebes und der Berufsschule vorzeigen,
* einen Eigenanteil von 150 Euro übernehmen,
* gegenüber anderen Kulturen aufgeschlossen sein. „Werden alle Voraussetzungen erfüllt und es sind noch genügend Stipendiumsplätze frei, steht dem Betriebspraktikum im Ausland nichts mehr im Weg“, berichtet Andrea Richter.
 
Auswirkung. Die vier Auszubildenden mussten auf sich gestellt zurechtkommen. Sie haben andere Strukturen und Situationen als im Heimatbetrieb kennengelernt. „Sich zu überwinden, sich auf eine neue Kultur einzustellen und mit Menschen aus anderen Nationen auszukommen, zeigt den Jugendlichen die eigenen Grenzen und stärkt ihr Selbstbewusstsein“, betont die Expertin. „Neue oder andere Arbeitstechniken zu testen, ist ein zusätzliches Plus in der Ausbildung. Die Jugendlichen müssen dabei flexibel denken und sich schnell anpassen.“ Andrea Richter hat die Erfahrung gemacht, dass viele Heimkehrer davon berichten, wie sehr sie ihre Ausbildung in Deutschland zu schätzen gelernt haben. „Außerdem wachsen natürlich auch die Sprachkompetenzen – selbst, wenn es nur die nonverbale Hand-Fuß-Kommunikationmit einem Deutsch-Englisch-Italienisch-Sprachgemisch ist, lernen die Azubis, sich durchzubeißen.“
 
Aufsicht. Eurocultura sorgt dafür, dass niemand verloren geht. Die Organisation ist für die Betreuung und Vermittlung der Betriebe in Italien zuständig, ihre Mitarbeiter beaufsichtigen die Teilnehmer während des gesamten Aufenthaltes. Die Verantwortlichen für die Praktika haben regelmäßig Kontakt zu den Unternehmen und helfen bei Unklarheiten. „Ich selbst versuche, bei jedem Azubi vorbeizuschauen und mir ein Bild von seinem Gastbetrieb zu machen“, berichtet Andrea Richter. Und auch dem Ausbilder oder Chef aus Deutschland kann sie diesen Service anbieten. „Dafür haben wir finanzielle Mittel aus dem Projekt Handwerk öffnet Türen – Lernen in Europa, das vom Land Brandenburg und dem Europäischen Sozialfonds für Deutschland (ESF) gefördert wird.“
 
Ausfall. Um den Jugendlichen diese Chance zu eröffen, müssen die Metallbau-Betriebe ausreichend Zeit einplanen: Insgesamt dauert der Auslands-Aufenthalt 21 Tage. Hinzu kommen noch Absprachen mit dem Betrieb über Lerninhalte, den Termin des Praktikums sowie organisatorische Fragen. Vor dem Start müssen mehrere Formalitäten erledigt werden. „Beispielsweise die offizielle Zustimmung zum Auslandsaufenthalt, die Meldung an die Kammer und die Anzeige bei Krankenkasse und Berufsgenossenschaft“, fasst Andrea Richter zusammen, „und natürlich die Verabschiedung der Jugendlichen, aber die dauert höchstens zwei Stunden.“ Nach der Rückkehr rät sie außerdem zu einem „Feedbackgespräch“ über die Erfahrungen und Lernerfolge. Bei allen Punkten begleiten und unterstützen die Mobilitätsberater Metallbauer und Azubis.
 
Tipps und Tricks. Schließlich verrät die Expertin noch ein paar Kniffe, um sich gut zurechtzufinden: „Setzen Sie sich vorher intensiv mit dem Land auseinander. Seien Sie offen für Neues und erwarten Sie nicht die gleichen Strukturen und Abläufe wie in Deutschland.“ Auch, wenn das Stipendium einiges an Kosten abdecke, sei es keine einhundertprozentige Finanzierung. Außerdem sollten die Teilnehmer aktiv bei der Organisation des Praktikums mitarbeiten. „Es ist eine Erfahrung für Sie und nicht nur ein Gefallen, den Sie Ihrer Firma schulden“, betont die Mobilitätsberaterin. „Und auch, wenn es ein beruflicher Auslandsaufenthalt ist: Nehmen Sie so viel wie möglich mit und genießen Sie, auf jeden Fall in Italien, la dolce Vita.“
 
Klicken Sie bitte hier, um die pdf-Datei mit den Erfahrungen der vier Auszubildenden zu öffnen.

Interview

Offenheit, neue Ideen und Motivation
 
Interview-Partner Stephan von Schwander ist Geschäftsführer der Hüffermann Transportsysteme GmbH. Die Redaktion von metallbau hat nachgefragt, was er sich von seinen Azubis erhofft, die ein Praktikum im Ausland gemacht haben, und wie es dazu kam.
 
? Herr von Schwander, wie sind Sie auf das Programm „Handwerk mobil – Chance Europa“ gekommen?
Stephan von Schwander: Unsere Firma wurde von der Mobilitätsberaterin Andrea Richter auf das Programm aufmerksam gemacht.
 
? Was hat das Praktikum Ihrer Auszubildenden in Vincenza für einen Nutzen? Was haben Sie sich davon erhofft?
Stephan von Schwander: Toleranz, Weitblick, Offenheit gegenüber Neuem. Wer in die Ferne zieht und zurückkehrt, bleibt vielleicht. Außerdem vermittelt ein Auslands-Aufenthalt neue Ideen, Motivation und wirkt dem demographischen Wandel entgegen.  
? Wurden alle Erwartungen erfüllt?
Stephan von Schwander: Ja, alles was ich mir oder was sich die Firma erhofft hat, ist eingetreten. Die Auszubildenden haben einen Eindruck vom italienischen Arbeitswesen bekommen und neue Fähigkeiten und andere Arbeitswege erlernt. Die Mitarbeiter, die nach Vicenza reisten, waren begeistert und kamen sehr motiviert zurück.
 
? Wie haben Sie sich für das Programm beworben? Wie lange hat es gedauert, bis alles unter Dach und Fach war?
Stephan von Schwander: Nach den Gesprächen mit den Auszubildenden und ihren Abteilungsleitern haben wir die Anzahl der Lehrlinge, die aus unserer Sicht für das Programm in Frage kommen würden, an die HwK weitergegeben. Frau Richter hat dann Plätze für unseren Betrieb reserviert. Die vier ersten der insgesamt sieben Auszubildenden sind jetzt zurückgekommen.
 
? Gab es Schwierigkeiten bei der Organisation?
Stephan von Schwander: Durch die gute Zusammenarbeit mit der HwK ist die Organisation der Reise ziemlich problemlos verlaufen.  
? Was hat Sie das Praktikum Ihrer vier Azubis im Ausland insgesamt gekostet?
Stephan von Schwander: Für die Verpflegung im Ausland und mit dem Zuschuss zu den Reisekosten hat das Praktikum ungefähr 300 € pro Person gekostet.
 
? Wie mussten sich die Auszubildenden qualifizieren, um ein Auslandspraktikum zu machen? Wie viele Jugendliche bilden Sie überhaupt aus? Stephan von Schwander: Wir haben aktuell 27 Auszubildende und zahlreiche Praktikanten und Diplomanden. Die Voraussetzungen für die Auszubildenden waren: bestandene Zwischenprüfung, ausreichende Schulnoten, Offenheit, die Arbeitsmoral und ihre Einstellung.
 
? Kennen Sie andere Metallbaubetriebe, bei denen die Auszubildenden die Möglichkeit haben, ein Praktikum im Ausland zu machen?
Stephan von Schwander: Nein, und das sollte sich ändern.
 
? Wie haben Sie sichergestellt, dass Ihre Azubis in „gute“ Betriebe kommen und dort angemessen arbeiten können? Stephan von Schwander: Durch die Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer der und italienischen Organisation „Eurocultura“, die die Betriebe für die Auszubildenden in Italien organisiert hat.  
? Welche Unterschiede kennen Sie bei den Arbeitstechniken und Abläufen von Metallbauern in Deutschland und Italien?
Stephan von Schwander: Die Arbeitsabläufe sind unwesentlich different. Wir haben in der Vergangenheit diverse Unternehmen in Norditalien als Lieferanten geprüft. Aus unserer Sicht ist der Unterschied zwischen Nord- und Süditalien größer als der zwischen Deutschland und Norditalien. Die Ausbildungswege sind verschieden, und die Arbeitnehmer in Norditalien sind multikultureller als in Deutschland. Die Offenheit und Qualität sowie die Motivation in italienischen Betrieben sind hoch.
 
? Denken Sie, dass Ihre Auszubildenden jetzt mit Metallbauern aus dem Ausland anders umgehen?
Stephan von Schwander: Ja, weil sie mitbekommen haben, wie es in anderen Ländern, in diesem Fall in Italien, zugeht.
 
? Haben Sie selbst in Ihrer Lehrzeit oder als junger Geselle schon einmal ein Auslandspraktikum gemacht? Wenn ja, wo, wie lange, und was haben Sie dabei gelernt?
Stephan von Schwander: Ich habe gleiche oder ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich war über zwölf Monate in den USA und sechs Monate in Bosnien. Außerdem war ich mehrmals in den ehemaligen GUS-Staaten sowie in Japan.
 
? Dürfen noch weitere Auszubildende oder auch Mitarbeiter aus Ihrem Betrieb eine Zeit lang im Ausland arbeiten? Stephan von Schwander: Ja, auf jeden Fall.
 
? Würden Sie das Programm auch anderen Metallbau-Betrieben weiterempfehlen?
Stephan von Schwander: Ja.
 
Herr von Schwander, vielen Dank für das Gespräch.

Mobilitätsberatung

Kammern ebnen den Weg zum Auslandspraktikum
 
Es gibt mehrere europäische Förderprogramme, die Auslandsaufenthalte finanzieren. Das größte ist Leonardo da Vinci. Dort können Metallbauer finanzielle Unterstützung beantragen. Allerdings ist der Verwaltungsaufwand hoch und zeitintensiv. Um Handwerkern, Auszubildenden und jungen Gesellen die Arbeit zu erleichtern, gibt es die Mobilitätsberatung. Mit diesem Projekt wird noch bis zum 31. Dezember 2012 eine bundesweite Beratungsstruktur für Unternehmen aufgebaut. 35 Mobilitätsberater in Industrie-, Handels- und Handwerkskammern stehen Betrieben, Auszubildenden und Berufsanfängern mit Rat und Tat zur Seite. Informationen finden Sie unter

www.mobilitätscoach.de

Beruflich im Ausland

Neun Vorteile kurz zusammengefasst
 
Der Blick über den Tellerrand ist nicht nur eine tolle Chance für Azubis, sondern lohnt sich auch für den Betrieb. Auszubildende, die ein Praktikum im Ausland machen…
 
…verlieren die Scheu vor Aufträgen aus Europa, da sie alleine in einem fremden Betrieb und Land zurechtkommen müssen und so Selbstvertrauen aufbauen.
…lernen flexibel zu reagieren, da sie nur kurz Zeit haben, sich einzugewöhnen, und dann sofort mitarbeiten müssen, auch wenn sie die Sprache nicht perfekt beherrschen.
…entdecken neue Arbeitstechniken und Arbeitsbereiche, denn Probleme werden in anderen Betrieben und Ländern oft ganz unterschiedlich gelöst.
…werden offener und toleranter gegenüber anderer Kulturen, Ländern und Menschen.
…treffen andere Auszubildende, mit denen sie sich über Gelerntes austauschen können.
…lernen den Wert ihres Ausbildungsbetriebes zu schätzen.
…erschließen sich neue Bereiche und Arbeiten, die es im eigenen Ausbildungsbetrieb womöglich gar nicht gibt.
…erhalten eine Anerkennung vom Ausbildungsbetrieb. Das motiviert für die Zukunft. …können als Kontakt fungieren. Nach einem Praktikum kann sich eine Zusammenarbeit mit dem Gastbetrieb entwickeln, ob bei Aufträgen oder beim Austausch von Neuigkeiten und Techniken. So entsteht ein Marktvorteil.
 

Info + Kontakte
 
Handwerkskammer Potsdam
Charlottenstraße 34-36
14467 Potsdam
Tel. +49 (0)331/3703-0
Fax +49 (0)331/3703-100

www.hwkpotsdam.de

www.metall-markt.net

PDF-Download

Erfahrungen im Vergleich

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