Interview

Thomas Zimmermann, Berater

„Den Schweizer Handwerkern geht es gut!“

Thomas Zimmermann hat das Maschinenbauunternehmen CreaMetal gegründet und im Jahr 2017 verkauft. Seinerzeit hat der Metallbaumeister bei Metaltec Suisse die Geschäftsführung übernommen. Inzwischen ist er als Unternehmensberater für die Raiffeisenbank tätig und leitet das Unternehmerzentrum der Raiffeisen Gruppe Aarau-West. In dieser Funktion hat er umfassenden Einblick in die Bilanzbuchhaltung von Handwerksbetrieben, im Jahr 2020 hat er ca. 15 Betriebe der Metallbaubranche bei ihren finanziellen Angelegenheiten beraten.

metallbau: Wie bewerten Sie die Folgen der Pandemie für die Schweizer Branche des Metallbaus?

Thomas Zimmermann: Die kleinen Handwerker allgemein und auch die Betriebe des Metallbaus bis etwa 20 Mitarbeiter haben das Jahr 2020 überwiegend mit guten Bilanzen abgeschlossen. Ich habe fast nicht glauben können, welche Margen für die Handwerker trotz Corona möglich waren. Haben die Unternehmen jedoch mehr als 50 Mitarbeiter und sind im Fassadenbau tätig, dann hatten sie es schwieriger. Fassadenbauer hatten im vergangenen Jahr einen gigantischen Kampf, aber in diesem Segment gibt es prinzipiell einen enormen Druck – auch ohne Pandemie.

metallbau: Welche Segmente gehören zu den Gewinnern im Jahr 2020?

Zimmermann: Handwerker, die im Schwerpunkt Privatkunden bedienen und auf Umbau und Renovation spezialisiert sind. Im Lockdown haben viele Leute seit Langem mal wieder in ihren Garten geschaut und dann angefangen zu renovieren.

metallbau: Woran erkennen Sie Gewinner?

Zimmermann: Wir gehen davon aus, dass ein Inhaber eines Metallbaubetriebs jährlich einen Lohn von ca. 130.000 Euro erhalten sollte. Die Gewinne des Betriebs sind da nicht berücksichtigt. Ich hatte dieses Jahr einige Inhaber unter meinen Kunden, die es auf einen Jahreslohn von ca. 200.000 Euro gebracht haben. Das ist sehr beachtlich.

metallbau: Wie schaut es in der Schweiz auf dem Wohnungsmarkt aus?

Zimmermann: Der Wohnungsbau allgemein ist überhitzt. Optimistisch für den Handwerker stimmt mich der Markt für Ferienwohnungen. In den letzten Jahren lag dieser brach, ist jedoch durch die Pandemie wieder in Bewegung gekommen. Die Leute wollen ein Ferienquartier, wenn die Hotels geschlossen sind. Der Kauf einer Ferienwohnung geht meist mit Umbauarbeiten einher und beschert den Handwerkern Aufträge.

metallbau: In Deutschland geht die Branche davon aus, dass pandemiebedingt Gewerbe- und Industriebauten etwas rückläufig sind. Wie schaut das in der Schweiz aus?

Zimmermann: Bürobauten werden es in Zukunft schwerer haben. Ich würde keinen Bürokomplex mehr bauen. Aktuell gibt es wegen der Pandemie Betriebsgebäude, die zu drei Vierteln leer stehen. Ich bin mir sicher, dass auch nach der Corona-Zeit die Büros nicht mehr vollständig besetzt sein werden. Während früher viele Chefs das Gefühl hatten, wenn jemand in Home-office tätig ist, dann arbeitet er überhaupt nicht, ist das jetzt kein Thema mehr. Home-Office hat sich voll durchgesetzt. Und es wird künftig viele hybride Arbeitsplätze geben. Es gibt eben Leute, die gehen gerne ins Büro, und es gibt Leute, die arbeiten gerne vorübergehend von Zuhause. Die Entwicklung wird sicher noch spannend.

metallbau: Wie beurteilen Sie die Corona-Staatshilfen in der Schweiz?

Zimmermann: Das hat alles erstaunlich gut und unbürokratisch funktioniert. Die Kredite sind schnell bei den Handwerkern angekommen und wurden in vielen Fällen bereits wieder zurückgezahlt. Die finanziellen Unterstützungen sind vor allem für die Branchen wichtig, die es wirklich hart erwischt hat. Der Metallbau gehört nicht dazu, auch wenn einige Betriebe in Kurzarbeit sind. Im Vergleich zu Firmen aus dem Bereich Event, Tourismus, Fitness, Friseure usw. ist die Metallbaubranche glimpflich davongekommen. Natürlich gibt es auch Profiteure wie die Poolbauer oder Landschaftsgärtner. Mich beschäftigt allerdings die Frage, was passiert, wenn sich die Unternehmen nach der Pandemie nicht erholen und die aktuelle Arbeitslosenquote von 3,2% auf 10% steigt?

metallbau: Wie steht es um die Investitionsfreude unter den Handwerksbetrieben?

Zimmermann: Nach meiner Erfahrung wird weiter investiert.

metallbau:  Warum fährt dann der ein oder andere Softwareentwickler Kurzarbeit?

Zimmermann: Unternehmerisch ist das natürlich ein Unding, gerade jetzt müssten bei den Softwareanbietern der Metallbaubranche Aufträge ohne Ende eingehen. Die Pandemie hat die Bedeutung der Digitalisierung sehr gut aufgezeigt. Leider ist es auf Seiten der Handwerker immer noch so, dass sich die meisten nicht mit der Digitalisierung auseinandersetzen möchten und ihnen die vollen Auftragsbücher als Ausrede sehr gelegen kommen. Diskutiert ein Inhaber über sein ERP-System, das nicht funktioniert, dann kann man sich denken, wo der Betrieb steht.

metallbau: Was empfehlen Sie den Betrieben in punkto Digitalisierung?

Zimmermann: Zunächst sollte mit einem externen Berater eine digitale Strategie für den Betrieb ausgearbeitet werden und dann konsequent umgesetzt werden. Viele kaufen ein Gerät, vernetzen es aber nicht mit den gesamten betrieblichen Abläufen. Da murkst man so vor sich hin, klebt dort und hier ein Pflaster anstatt ein betriebliches Digitalkonzept zu erarbeiten. Ein erster Schritt hin zur Digitalisierung beginnt meist mit der Entrümpelung des Betriebs. Das Lager beispielsweise ist ein beliebter Platz, um irgendwelches Material abzustellen, bei dem man grad nicht weiß, wohin damit. Soll dann der Wareneingang digitalisiert werden, muss dort erstmal aufgeräumt werden. Häufig ist eine ganz neue Struktur für das Lager nötig. Das sind einschneidende Veränderungen, vor denen drücken sich viele so lange wie möglich. Manch einer so lange, bis er den Betrieb an die Wand gefahren hat.

metallbau: Welche wesentlichen Lernerfahrungen haben Sie bei der Beratung von Metallbauunternehmen gemacht?

Zimmermann: Wenn die Digitalisierung nicht im Kontext von Prozessoptimierung umgesetzt wird, dann sind die Neuerungen meist nicht effizient. Und: Die nötigen und gewünschten betrieblichen Änderungen lassen sich immer einfacher mit einem Inhaber umsetzen, der sonst wenig Probleme hat, als mit einem, dem das Wasser bis zum Hals steht und der unter Zugzwang versucht, das Ruder herumzureißen. Oft ist dann lange nicht klar, war es der letzte Moment oder möglicherweise doch schon zu spät.

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