Metallbauer auf Tippelei

Niklas Wirth, Jona Pirie, Franz Zschornack und Peter Maas waren alle auf der Walz. Und! Sie alle haben eine Ausbildung im Metallbauhandwerk absolviert: als Metallbauer Fachrichtung Konstruktionstechnik, Schmied, Konstruktionsmechaniker Metall-Schiffbautechnik und als Maschinenschlosser. Was sie unterscheidet? Sie waren zu unterschiedlichen Zeiten unterwegs. Wirth kam erst dieses Jahr zurück, Jona vor zwei Jahren, Zschornack 2012 und Maas? Tja! Bei ihm ist das schon rund zwanzig Jahre her. Er betreibt seine eigene „Schwarze Schmiede“ und beherbergt gelegentlich selbst Wandergesellen.

„Auf der Walz habe ich neue Werkzeuge und Arbeitstechniken kennengelernt“, sagt Franz Zschornack (30). Der gelernte Konstruktionsmechaniker Metall-Schiffbautechnik aus Crostwitz dem Landkreis Bautzen machte sich 2009 auf den Weg:  Zurzeit macht er seinen Metallbau-Meister bei der HWK Dresden. Die Walz führte ihn durch Deutschland, die Schweiz, Österreich, Rumänien und nach Paraguay.

Wer sich auf den Weg macht, muss einigermaßen viele Regeln beachten. Zum Beispiel muss er unter 30 Jahre alt, unverheiratet und kinderlos sein. Die Reise muss mindestens drei Jahre und einen Tag dauern. Währenddessen darf man sich seinem Heimatort auf höchstens 50 Kilometer nähern. Nur bei einem Todesfall wird eine Ausnahme gestattet. Dann kann ein Visum von 48 Stunden gewährt werden. Weiter gibt es Regeln, die die Arbeit selbst betreffen: So darf ein Wandergeselle je nach Schacht maximal drei bis sechs Monate bei einem Arbeitgeber — pardon(!) — Krauter bleiben. Während der gesamten Zeit gibt es eine Art ungeschriebenes Gesetz: „Benimm dich immer so, dass der Wandergeselle, der nach dir kommt, genauso freundlich oder sogar noch freundlicher aufgenommen wird!“ Der Ehrenkodex schlechthin. Schlechtes Benehmen gilt als unehrenhaft. Also halten sich alle daran. Wer das nicht kann oder tut, wird unehrenhaft entlassen und muss seine Reise beenden. Dann gibt es noch eine Regel, die bis vor 20 Jahren nichts Besonderes war: das Handyverbot. Das wiederum hat niemanden unserer Wandergesellen gestört. Im Gegenteil! Franz Zschornack würde am liebsten in allen Kneipen Handys verbieten. „Ich finde es sehr schade, dass die meisten nur noch in ihre Handys gucken, statt sich miteinander zu unterhalten.“

Die Kluft

Wandergesellen erkennt man an ihrer Kluft und an der spartanischen Ausstattung. Metallbauer tragen in der Regel Blau. So auch Jona und Maas. Wirth dagegen trug „Hamburger Streifen“. Zschornack fehlte zu Beginn der Reise das Geld, um sich eine Kluft schneidern zu lassen. Er trug während der Wanderschaft eine schwarze Hose, eine schwarze Weste und ein graues Jacket. „Erst am Ende meiner Reise hatte ich genügend Geld und habe mir eine neue Kluft schneidern lassen. Zu Ehren seiner Gesellschaft der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurer- und Steinhauergesellen sind nun Hose und Weste grau.

Arbeit zu finden, gestaltete sich für ihn anfangs nicht so einfach. Generell ist es in den Wintermonaten schwieriger als im Sommer. „In der Schweiz habe ich im Raum Zürich/Zürichsee bei fünf Meistern vorgesprochen. Leider ohne Erfolg. Anfang Februar 2010 habe ich endlich Arbeit gefunden. Mitten im Winter war ich Teil des Liftpersonals und habe unter anderem bei der Instandhaltung der Liftanlage mitgearbeitet. Mal abgesehen davon, dass ich nicht als Metallbauer tätig war, musste ich bei Schnee und Eis immer draußen sein und habe dabei nur meine Kluft getragen. Das war schon sehr kalt und unangenehm.“ Nach dem ersten schwierigen Jahr lief es für Zschornack besser: „Da habe ich viel gelernt.“ Nun will er seinen eigenen Betrieb aufbauen. Den Grundstock dafür liefert die stillgelegte Schmiede seines Großvaters.

„Ich habe gelernt, wann ich meine Meinung sagen muss und wann es besser ist, die Schnauze zu halten“, sagt Niklas Wirth (25). Der einheimisch rechtschaffend fremde Schlosser, ist am 22. April 2012 von zu Hause abgereist und am 2. April 2016 in seinen Heimatort Celle zurückgekehrt. Dort arbeitet Wirth derzeit bei Eisen- und Metallbau Pustlauk. Auf der Walz war er in England, Dänemark, Frankreich, Österreich, Rumänien und in der Schweiz.  „Meine Reise war abenteuerlich, spontan, ein bisschen dreckig, aber immer so sauber wie möglich – auch wenn ich manchmal nur zwischen drei dreckigen Hemden wählen konnte. Dann habe ich halt das sauberste genommen“, scherzt Wirth. Er spricht auch den Umgang mit Geld an und wird etwas ernster. „Manchmal war ich recht arm und ab und zu sehr reich“, berichtet er und fügt wieder humorvoll hinzu, „das war ich aber nie sehr lange. Immerhin weiß ich heute die kleinen Dinge zu schätzen.“

Ursprünglich haben Wandergesellen nur für Kost und Logie gearbeitet. Das wird aus gutem Grund heute nicht mehr praktiziert, denn sonst würden Dumpingpreise entstehen. In der Regel werden Wandergesellen zwar nach wie vor nicht üppig bezahlt, aber im Großen und Ganzen ist ein Gesellenlohn drin. Zum Einarbeiten sind sicherlich auch mal Lehrlingsaufgaben zu erfüllen, damit der Meister sieht, mit wem er es zu tun hat, aber nach kurzer Zeit werden auch die Aufgaben anspruchsvoller.

An- und Unannehmlichkeiten der Walz

Reisen und Arbeiten gleichzeitig – darum geht es auf der Walz. Niklas Wirth kennt die positiven und die negativen Erfahrungen. „Als Arbeitsgeselle auf Wanderschaft ist man immer wieder der Neue. Ich habe neue Kollegen getroffen, an die ich mich erst gewöhnen musste und die sich umgekehrt an mich gewöhnen mussten. Auch hatte ich hie und da Anlaufschwierigkeiten, mich in der neuen Werkstattumgebung zurechtzufinden. Meistens durfte ich auch nur Lehrlingstätigkeiten ausführen. Hinzu kommt, dass ich oft bei einem der Chefs gearbeitet und gewohnt habe oder bei Freunden vom Chef. Das ist nicht immer einfach – für alle.“ Wirth hat aber auch reichlich gute Erfahrungen beim Arbeiten gesammelt. „Ich hatte immer wieder Erfolgserlebnisse trotz der Schwierigkeiten. Besonders schön war es, wenn ich mit anderen Wandergesellen zusammen gewohnt habe. Das ist dann wie in einer großen WG.“

Das Leben auf der Straße hat seine Vor- und Nachteile. „Wir Wandergesellen müssen uns täglich darum kümmern, einen Schlafplatz zu finden. Manchmal waren das sehr ungemütliche Orte wie der Vorraum einer Bank oder eine Tiefgarage. Gottseidank bin ich aber auch oft bei netten, hilfsbereiten Leuten untergekommen. Auch das Vorwärtskommen auf unserer Mathilda – also der Straße – ist gerade im Ausland nicht so einfach wie beispielsweise in Deutschland. Hier kennen zumindest einige das Trampen von Wandergesellen, und ich bin immer wieder mitgenommen worden. Außerhalb Deutschlands ist das Trampen viel schwieriger, weil es da kaum einer macht und die Leute eher skeptisch sind. Da habe ich eben oft Brotzeit auf der Autobahnauffahrt gemacht.“ Soweit die negativen Erfahrungen. Jetzt die guten: „Ich habe es sehr genossen, wenn ich im Wald oder auf einer Wiese übernachtet habe. Manchmal waren auch andere Wandergesellen dabei, mit denen ich am Lagerfeuer saß. Besonders schön war es auch, unterwegs bei Einheimischen unterzukommen.“

„Ich kenne jetzt kreuz und quer in Deutschland und in der Welt Menschen in meinem Beruf“, sagt Jona Pirie (31), geb. Jetzlsperger, einheimischer Schmied im Freien Begegnungsschacht. Seinen Gesellenbrief hat er als Metallbauer mit der Fachrichtung Metallgestaltung. Er ist inzwischen mit Morna Pirie verheiratet – einer einheimischen Polsterin im Freien Begegnungsschacht. Jona ist schon seit zwei Jahren kein Wandergeselle mehr und lebt heute in Schottland. Los ging es noch als Jona Jetzlsperger am 9. Oktober 2011. Er ist zunächst durch Deutschland gereist. Da hat er unter anderem im Betrieb Repp Metallgestaltung in Echzell gearbeitet. Alexander Repp, sein damaliger Meister, kann sich gut an ihn erinnern und schwärmt noch heute von ihm: „Am liebsten hätte ich Jona gar nicht mehr gehen lassen. Er war ein toller Mitarbeiter!“ Aber so läuft das nicht mit der Walz. Maximal drei Monate darf ein Wandergeselle aus dem Freien Begegnungsschacht bei einem Krauter, sein. So ist auch Jona weitergezogen: in die Schweiz und in die Niederlande, nach Dänemark, Norwegen, Schweden und sogar nach Australien und Neuseeland. Zurückgekehrt ist er am 10. Oktober 2014 – eine Punktlandung mit drei Jahren und einem Tag.

Jona hat auf der Walz seine heutige Ehefrau Morna – auch eine Wandergesellin – kennengelernt. Die private Zukunft hat er unterwegs geklärt. Beruflich schaut es auch gut für ihn aus. „Ich finde es doch sehr praktisch, dass ich inzwischen viele Leute in ganz Deutschland und in der Welt kenne, die denselben Beruf ausüben wie ich. Ich denke schon, dass mir das künftig weiterhilft.“

„Hut ab vor der Handwerkskunst in England!“ – Vor rund 20 Jahren getippelt, heute Meister: Peter Maas, gelernter Metallschlosser (48) betreibt in Horndorf seine Schmiede – die Schwarze Schmiede. Peter Maas ist nicht nur Metallbaumeister, sondern er hat auch ein meisterhaft gutes Gedächtnis. Jede Frage zu seiner Tippelei beantwortet er aus dem Stegreif. Und das, obwohl seine Wandergesellenzeit sehr lange zurückliegt.

„Ursprünglich hatte ich zwar einen Schacht, aber damals erschien mir das in meinem Beruf als überflüssig. Also bin ich frei gereist. Gearbeitet habe ich stets im eigenen Handwerk. Bei Chris Topp im britischen York habe ich gesehen, wie er an Puddeleisen herankommt, das es so nicht mehr zu kaufen gibt. Heute wird ja nur noch Baustahl verkauft. Der ist aber von seiner Materialbeschaffenheit ganz anders als das Puddeleisen, das viel faseriger ist. Fast wie Holz. Topp hat sich deshalb alte Ankerketten aus Puddeleisen aus einem Hafenbecken ziehen lassen. Das Material wurde dann feuergeschweißt. Auch eine Technik, die ich bis dato nicht kannte. Chris Topp hat sich dem Empire Stil verschrieben – also Schmiedearbeiten im Stil der Viktorianischen Zeit. Das war eine sensationelle Erfahrung für mich.“ Die Erfahrungen beim Tippeln haben Peter Maas so positiv geprägt, dass die Türen seiner Schmiede in Horndorf für Wandergesellen offen stehen. Sie werden bei ihm beschäftigt und beherbergt – gegen einen Lohn, nicht nur gegen Kost und Logie, versteht sich.

Zum Lernen und für das Leben ist die Tippelei super! Aber die Freiheit, die man auf der Walz genießt, gibt es nur einmal. Später wird es ernster. „Wenn man seine Arbeit erfolgreich ausführen will, dann sollte es gelingen, sesshaft zu werden.“ Maas ist das im Frühjahr 1997 in Horndorf bei Lüneburg gelungen.