„Gute Chancen für Fassadenbauer”

Prof. Dr.-Ing. Christian Schuler hat an der HM München seit 2012 die Stiftungsprofessur für Glas- und Fassadenbau und leitet das Labor für Stahl- und Leichtmetallbau. Stefanie Manger hat ihn am Rande des Kongresses „Glas im konstruktiven Ingenieurbau“ gefragt, wie es mit der Stiftungsprofessur weitergeht.

metallbau: Wie sind aktuell die beruflichen Aussichten für Masterabsolventen im Glas- und Fassadenbau?

Christian Schuler: Im Moment sind die beruflichen Aussichten für Ingenieure im Fassadenbau aus meiner Sicht ausgezeichnet. Wir konnten bereits mit Erfolg mehrere Absolventen vermitteln bzw. die Firmen drängen darauf, sich im Rahmen der Ausbildung bei den Studenten präsentieren zu dürfen. Durch Exkursionen oder Fachvorträge und Veranstaltungen wie dem Kongress „Glas im konstruktiven Ingenieurbau“ ergibt sich oftmals der Kontakt und unsere Studenten wissen, dass sie sich jederzeit an uns wenden können, falls sie Anschubhilfe bei Firmen benötigen.

metallbau: Welche Fächer dominieren die Semester zum Master Glas- und Fassadenbau?

Schuler: Insbesondere die konstruktiven Fächer wie Glasbau, Leichtbau und Stahlbau dominieren den Masterstudiengang. Die opaken Fassaden aus Beton treten in der Regel in den Hintergrund, da sie doch eher eine Spezialanwendung des Betonbaus sind.

metallbau: Sie haben seit September 2012 die Stiftungsprofessur für Glas- und Fassadenbau. Wie viele Studenten sind für dieses Fachgebiet derzeit eingeschrieben? Wird das Fachgebiet nach der Befristung auf fünf Jahre fortgesetzt?

Schuler: Aktuell absolvieren 20 bis 25 Studenten den Masterstudiengang. Da es sich bei dieser Vertiefung noch um ein Randgebiet des Stahlbauvertiefungsstudiums handelt, entscheiden sich die Studenten im Moment noch für den Stahlbau und dann begleitend für die Fassade. Im Rahmen meiner Arbeit stelle ich jedoch fest, dass immer mehr Fassadenfirmen ihre Mitarbeiter spezifisch zu uns nach München schicken, also die Kenntnis sich verbreitet, dass wir auch eine gute Fassadenausbildung haben.

Derzeit ist besprochen, dass die Stiftung ausläuft und die Stelle dann von der Hochschule München in einem regulären Anstellungsverhältnis übernommen wird. Weitere Zahlungen durch die Stifter sind nicht vereinbart, und im Moment ist eine weitere Professur nicht besprochen. Ob die Unterstützung jedoch in anderer Form fortgesetzt wird – z.B. gibt es derzeit Bestrebungen, Stipendien für Studenten einzurichten –, wird sich zeigen. Sinn und Zweck der Stiftung war die Weiterführung der Forschungs- und Lehrarbeit im Bereich Fassadenbau an der HS München. Ich denke, wenn wir diese Veranstaltung als Gradmesser der letzten drei Jahre nehmen dürfen, dass uns dies doch recht gut gelungen ist.

metallbau: Wenn es heißt, der Glas- und Fassadenbau ist eine noch junge Disziplin – was hat der Fachbereich nicht, worüber ausgereifte Disziplinen verfügen?

Schuler: Mehr als einen verantwortlichen Dozenten, um die ganze Palette des Fassadenbaus zu erfassen, wäre natürlich schön. Da im Moment aber alle Fachrichtungen bei uns sehr gut besucht sind, ergibt sich nicht die Notwendigkeit der Spezialisierung, zumindest nicht aus derzeitiger Hochschulsicht. Langfristig ist dies geplant, befindet sich aber noch in der Vorbereitung.

metallbau: Bei Glas- und Fassadenbau könnte man ja auch an Holzfassaden denken. Welche Rolle spielen Stahl, Aluminium und Holz derzeit im deutschen und internationalen Fassadenbau?

Schuler: Alle genannten Materialien, auch die Holzfassaden, werden national, aber auch international erfolgreich eingesetzt. Jede nach ihren Möglichkeiten oder ihrem architektonischen Anspruch, und jede hat ihre eigene Berechtigung. Da wir aber vor allem mit Sonderfassaden zu tun haben, spielen die Ganzglaskonstruktion, die Glas-Stahl-Fassade und die Glas-Aluminium-Fassade bei uns im Studiengang die Hauptrolle. Die Details der Holzfassaden werden besprochen, aber aufgrund der Enge des Lehrplans nur angeschnitten.

metallbau: Die Normenflut im Glas- und Fassadenbau bindet doch auch sehr viel Leistungspotenzial der Ingenieure. Hat sich das Arbeiten durch die Vielzahl der Vorgaben verändert oder bilden sich Spezialisten heraus, die den Teil der Normvorgaben übernehmen?

Schuler: Sie haben Recht, die Anzahl der normativen Vorgaben wird immer höher und ihr Aufbau komplexer. Die Kenntnis der Normen ist oftmals ein erster großer Schritt, insbesondere wenn man im Ausland bauen will. Ja, das Studium der Normen hat einen deutlich größeren Anteil in der eigentlichen Ingenieurarbeit erhalten und somit auch in der Ausbildung bzw. Vorlesung bekommen. Natürlich bilden sich dann Spezialisten, die sich tiefergehend mit den Normen im Detail auskennen. Dies kann von einem „Allgemeiningenieur“ nicht mehr verlangt werden, und diese Spezialisten werden dann natürlich auch gut im Arbeitsmarkt umworben.

metallbau: Im Vortrag über die Elementfassade iconic skin (Seele) haben Sie ca. zehn Normen aufgereiht, die für die Konstruktion und dann natürlich bei den Prüfungen zu beachten sind. Wie ist diese Komplexität im Alltag eines Prüflabors zu bewältigen?

Schuler: Ehrlicherweise waren es sogar 15 Normen, die aufgeführt wurden. Wir wollen hier, insbesondere da es sich um eine Sonderfassade handelt, alle möglichen Normen kennen, die Unterschiede herausarbeiten und dann einen Ansatz im Nachweis finden, der möglichst alle Aspekte auf der sicheren Seite liegend erfasst. Natürlich darf der Blickwinkel der Sinnhaftigkeit dabei nicht verloren gehen und selbstverständlich muss die Konstruktion auch wirtschaftlich bleiben. Ziel ist, den verantwortlichen Ingenieuransatz nicht zu vernachlässigen und durchaus die Dinge zu hinterfragen. Durch unsere gute Vernetzung tauschen wir uns auch oft mit den Kollegen in den entsprechenden Ausschüssen aus und versuchen, eine gemeinsame Linie zu finden. Das klappt wirklich vorbildlich. Das Konzept wird dann, insbesondere wenn die Normenlage nicht eindeutig ist, mit der Fassadenbaufirma und gegebenenfalls mit der zuständigen Baurechtsbehörde diskutiert und danach am Objekt umgesetzt. Das hat bislang gut im Rahmen von Zustimmungen funktioniert und soll jetzt im Rahmen von Zulassungen weiter umgesetzt werden.

metallbau: Die DIN 18008 wurde überarbeitet, u.a. sollten für die Verarbeiter kleinformatiger Isolierglasscheiben die Nachweiserleichterungen etwas modifiziert werden. Wie sehr wurde an den Stellschrauben gedreht, können die Ausführenden mit den wesentlichen Änderungen zufrieden sein, und ab wann sind diese gültig?

Schuler: Ich vermute, dass wir erst Anfang nächsten Jahres die Überarbeitung offiziell einführen werden. Davor werden Veröffentlichungen eventuell helfen, die Lücke zu schließen. Wir haben das Niveau der alten TRLV-Regelungen für diesen Bereich erreicht, zeigen jedoch auch deutlich in der Erleichterung auf, dass sich das Bruchrisiko für diese kleinformatigen Konstruktionen gegenüber den üblichen Vorgaben der ARGE Bau, die bisher Grundlage waren, zukünftig unterscheidet, sprich: dass mit einem höheren Bruchrisiko zu rechnen ist. Dann hat der Unternehmer die Wahl. Ich denke, die Ausführenden können auf alle Fälle zufrieden sein, da der Ausschuss die Kritik sehr ernst genommen und schon ein Jahr nach der Veröffentlichung – und es handelt sich hier um einen Ausschuss mit ca. 25 Personen – reagiert hat. Das ist meiner Erfahrung nach relativ kurzfristig.

metallbau: Der Prüfungsbedarf für Konstruktionen ist ja deutlich gestiegen, hat das Labor für Stahl- und Leichtmetallbau in den vergangenen vier Jahren deshalb expandiert?

Schuler: Diese Frage müssten Sie an Prof. Bucak, der die Prüfstelle derzeit noch leitet, richten. Aber ich meine, dass in den letzten Jahren eine Steigerung der Aktivitäten von ca. 20 – 25 % stattgefunden hat. Gleichzeitig sind wir stark in die Planung der neuen Forschungsflächen, die wir am Standort Kissing gefunden haben, eingebunden und versprechen uns natürlich, wenn die neuen Hallen Anfang nächsten Jahres fertig sind, die positive Entwicklung weiterzuführen.

metallbau: Welches Produkt, das Sie jüngst im Labor getestet haben, würden Sie für ein sehr innovatives mit sehr guten Marktchancen halten?

Schuler: Na ja, ich denke dass die geklebten Fassaden, also auch das von uns untersuchte GSP-Element, immer mehr an Bedeutung gewinnen. Auch die Entwicklung der Closed-Cavity-Fassade, halte ich für eine sehr interessante Entwicklung mit guten Aussichten auf Erfolg.

metallbau: Welches jüngste Objekt, das Ihr Labor bei notwendigen Prüfungen begleitet hat, fanden Sie am spannendsten? Was waren die reizvollen Herausforderungen?

Schuler: Aus meiner Sicht die Eingangsstation des Londoner U-Bahnhofs Tottenham Station der Firma se austria. Eine Ganzglaskonstruktion als Einhausungsgebäude der Londoner U-Bahn mit eingeklebten Fittingen und Trägern bzw. Stützen mit großen Spannweiten. Sowohl die Gesamtaussteifung der Konstruktion mithilfe der Klebtechnik als auch der Nachweis der lokalen Last- einleitungspunkte bei den einlaminierten, minimalistischen Verbindungsteilen waren sicherlich eine große Herausforderung für alle Beteiligten.⇥