JVA auf Fenstergitter spezialisiert

Metallbau im Knast von Kleve

Gefangene, die ihre Gitter selbst herstellen – das ist eine spezielle Art der Resozialisierung im Strafvollzug der JVA Kleve. Dort werden aus hochfesten Mangan-Profilstählen Tür- und Fenstergitter produziert, die Fluchtversuche unmöglich machen sollen. Die Einzelteile werden auf einfach zu bedienenden und robusten Profilstahlscheren von Peddinghaus vorgefertigt.

Die Insassen der Justizvollzugsanstalt Kleve fertigen ihre Gefängnisgitter selbst und beliefern auch alle anderen JVAs in Nordrhein-Westfalen. Eine Therapie der besonderen Art, denn die Metallwerkstatt dient ebenso wie die anderen Arbeitseinrichtungen und Produktionsbetriebe der Anstalt dazu, die Insassen über eine praktische Arbeit für eine soziale Integration zu motivieren und zu befähigen. Gelingt das mit derartigen Produkten? JVA-Werkmeister Jörg Hebing sagt ganz klar: „Ja“.

Die Schlosserei ist ein Eigenbetrieb des Landes NRW und wurde als Versorgungsbetrieb für die Herstellung von Fenster- und Türvergitterungen für sämtliche Justizvollzugseinrichtungen des Bundeslandes bestellt. Auch im Maßregelvollzug, in Gerichtsgebäuden sowie für den Polizeigewahrsam werden Manganhartstahlgitter aus der JVA Kleve eingebaut.

Die Metallwerkstatt der Haftanstalt hat ihre Anfänge in den 1970er-Jahren. Neben der Gitterfertigung werden mittlerweile in einer zweiten Schlosserei Grills, Bänke und Tische sowie verschiedene kleinere Gegenstände aus Metall hergestellt. Außerdem gibt es eine Schreinerei. Die Erzeugnisse der beiden Werkstattbereiche werden im eigenen Onlineshop www.knastladen.de vertrieben. Auf Wunsch werden auch spezielle Artikel angefertigt, zum Teil im Auftrag von ‚draußen‘. Primär ist die Metallwerkstatt der JVA Kleve auf die Produktion von Manganstahlgittern ausgerichtet und dazu — laut Hebing — verpflichtet.

80 Tonnen Stahl jährlich

Die Fenster- und Türgitter werden aus hochfestem Manganhartstahl X120Mn12 gefertigt. Ungefähr 35 Tonnen Rundstahl mit Durchmesser 20 Millimeter und 45 Tonnen Flachstahl in den Abmessungen 60 x 10 Millimeter werden pro Jahr verarbeitet. Seit Produktionsbeginn im Jahr 2000 wurden knapp 25.000 Gitter hergestellt. Dabei wird das Flachmaterial in der Regel für die Querstreben und das Rundmaterial für die Längsstreben verwendet. Jedes Gitter ist eine Einzelanfertigung, denn die Dimensionen hängen von den Baulichkeiten der verschiedenen Justizvollzugsanstalten ab. Manchmal werden sogar ganze Lichthöfe mit 20 × 20 Metern Grundfläche überdacht. In diesen Fällen werden einzelne Gitter dann zu größeren Flächen montiert oder zusammengeschweißt.

Manganhartstahl zeichnet sich einerseits durch hohe Zähigkeit und andererseits durch große Zugfestigkeit, Härte und Verschleißfestigkeit aus. Er ist prädestiniert für besondere Einsätze, zum Beispiel für Greiferzähne, Brechbacken oder in Spezialmühlen, also für starke stoß- und schlagartige Beanspruchungen. Im Bereich der Sicherheitstechnik wird er für Schutzgitter, Türen und Verkleidungen eingesetzt. Manganstahl kann gebogen, gebördelt und gelocht werden und ist elektrisch sowie autogen schweißbar. Allerdings ist er bei Raumtemperatur nur begrenzt zerspanbar, denn seine äußere, kaltverfestigte Schicht ist enorm verschleißfest und wird bei Erwärmung durch Bearbeitung noch härter. Aus diesem Grunde werden auch die Gefängnisgitter aus Manganhartstahl gefertigt, weil sie mit einfachen Werkzeugen nicht zersägt werden können.

Für die Sicherheitsgitter der JVAs wird die 10 mm dicke Flachstahl-Stangenware zunächst mit Hilfe einer Kombinierten Profilstahlschere Peddiworker No.1 des Maschinenbauers Peddinghaus aus Gevelsberg abgelängt, d.h. abgeschert. Dann wird der Flachstahl gelocht und anschließend gerichtet. Diese Querstreben und die auf Länge geschnittenen Rundstähle werden zusammengesteckt und mithilfe von Schweißschablonen geheftet und anschließend in vorgegebener Reihenfolge geschweißt. Die Schweißnähte werden verschliffen, kontrolliert, gegebenenfalls nochmals gerichtet und zum Feuerverzinken gegeben. Die hierfür erforderlichen Zeichnungen und Stücklisten werden von den Werkmeistern angefertigt. Die Fertigung der Teile obliegt den Häftlingen.

Robuster Peddiworker No.1

Die Schlosserei der JVA ist vom Maschinenpark her gut ausgestattet, berichtet Jörg Hebing. In der Werkhalle stehen eine Drehbank, Ständerbohrmaschinen, Kantbänke und Biegemaschinen und es gibt verschiedene Handmaschinen. Zu den jüngsten Investitionen gehört eine CNC-Fräse, 2012 wurde eine Wasserstrahlschneidanlage Omax 55100 angeschafft. Seit Manganhartstahl verarbeitet wird, verfügt die Justizvollzugsanstalt über insgesamt drei Profilstahlscheren der Firma Peddinghaus. „Diese Maschinen sind sehr robust, einfach in der Bedienung und für kleine Stückzahlen enorm wirtschaftlich“, berichtet Hebing. „Wir setzen sie zum Ablängen und Lochen der Manganstähle ein. Und für die Gefangenen ist die simple Handhabung enorm wichtig.“ Als man sich aber auf die Gitterproduktion im großen Stil spezialisierte, kam die Wasserstrahlschneidanlage hinzu. „Mit ihr können wir einerseits die Stähle sehr effektiv bearbeiten und haben andererseits noch Kapazitäten für Lohnaufträge in der Blechbearbeitung frei. Denn auch wir müssen ökonomisch arbeiten und technisch auf dem aktuellen Stand sein“, erläutert Hebing.

2016 wurde die kombinierte Profilstahlschere Peddiworker No.1 gekauft. Bestückt wurde sie mit einem Sonderwerkzeug, das von den Peddinghaus-Konstrukteuren in enger Zusammenarbeit mit der JVA designt wurde. Das Besondere daran ist eine Spezialmatrize mit fünf Lochungen im Durchmesser 22 Millimeter und mehrfach drehbaren Schneidmessern aus Spezialstahl. So brauchen die Messer nicht oft nachgeschliffen und die Standzeit des Werkzeugs kann deutlich verlängert werden. Frank Schneider, Sales- und Service-Manager von Peddinghaus in Deutschland, erläutert weitere Details: „Die Peddiworker No.1 arbeitet mit einer Stanzkraft von 90 Tonnen. Doch kann aufgrund der Materialhärte von Manganstahl immer nur ein Stab geschnitten werden. Die Einschubmaske der Maschine bietet trotzdem fünf Öffnungen, damit das Werkzeug länger benutzt werden kann. Ist eine Öffnung verschlissen, wird mit der nächsten geschnitten. Genauso ist es mit den Schneidmessern.“ Die Matrizen müssen über ein bestimmtes Spiel verfügen, das bei jedem Werkstoff anders ist. Das Loch beziehungsweise die Profilmaske in der Matrize muss in jedem Fall größer sein als das abzuschneidende Material, damit auch das weggedrückte Material Platz hat. Beispielsweise wird für die Gitter Manganstahl mit einem Durchmesser von 20 Millimetern verwendet, die Matrize hat einen Lochdurchmesser von 22 Millimetern.

Chancen im regulären Metallbau

Die JVA Kleve ist eine Kurzstrafanstalt mit rund 230 Haftplätzen. Selten ist jemand über vier Jahre da, meist ist der Verbleib deutlich kürzer. Teilweise sitzen die Häftlinge auch nur ihre Untersuchungshaft ab. Die bis zu 1.000 Bewegungen pro Jahr machen die Arbeit in der Anstalt und in den Werkstätten nicht gerade leicht. Jede Werkstatt wird von Werkmeistern geleitet. Für die Produktion von Manganhartstahlgittern werden rund 25 Gefangene eingesetzt. Der Alltag in der JVA-Schlosserei beginnt um 7:00 Uhr und endet um 15:45 Uhr. Nur in der Mittagspause rücken die Häftlinge in das Hafthaus ein.

Wer auch therapeutische Angebote wahrnehmen muss, wird im Bereich Holz untergebracht. Denn die Schreinerei bietet neben der Holzverarbeitung auch arbeitstherapeutische Plätze an. „Die Schlosserei hingegen ist ein reiner Produktionsbetrieb mit dem Ziel, die Gefangenen zu wirtschaftlich ergiebiger Arbeit zu befähigen“, wie es Jörg Herbig im Justiz-Deutsch ausdrückt. Für ihre Tätigkeit erhalten sie einen kleinen Lohn, den sie behalten und für die Zeit nach der Entlassung ansparen müssen.

Den Fachkräftemangel teilt die JVA Kleve mit der Branche draußen. Viele Insassen sind nur begrenzt fachlich geeignet, die allerwenigsten haben einen einschlägigen beruflichen Hintergrund. Um die Häftlinge langsam an die Arbeit heranzuführen, werden die Arbeitsabläufe in sehr kleine Produktionsschritte aufgeteilt. Den Worten von Jörg Hebing ist zu entnehmen, dass dies ein sehr behutsamer und manchmal langwieriger Prozess ist. Das trifft besonders auf das Schweißen zu. Hierfür können nur Häftlinge eingesetzt werden, die bereits über einen Schweißerbrief verfügen. Sie werden dann entsprechend weitergebildet, damit sie in der Lage sind, Manganstahl schweißen zu können. Die Qualitätssicherung hat einen sehr hohen Stellenwert, d.h., die gefertigten Gitter werden am Ende sorgfältig und einzeln kontrolliert. Wie das geschieht, bleibt Betriebsgeheimnis.

Auf der Suche nach einer Fachkraft?

Wer als Insasse die Möglichkeiten einer solchen Werkstatt nutzt, hat nach der Entlassung gute Chancen, eine qualifizierte Arbeit zu finden, sich zu resozialisieren und zu bewähren. „Insgesamt gilt die Arbeit als vollzuglich wertvoll“, sagt Jörg Hebing, „denn die Gefangenen erlernen handwerkliche Fähigkeiten, die sie später zum Beispiel in einem metallverarbeitenden Betrieb verwenden können.“ Er betont, dass Metallbaubetriebe, die einem solchen Gefangenen „draußen“ für den Neustart eine  Chance geben möchten, sich gerne mit der JVA Kleve in Verbindung setzen können.

Info & Kontakte

Justizvollzugsanstalt Kleve
Krohnestraße 11
47533 Kleve
Tel. 02821 770 0

www.jva-kleve.nrw.de

Paul Ferdinand Peddinghaus GmbH
Hasslinghauser Str. 156
58285 Gevelsberg
Tel. 02332 72-0

www.peddinghaus.com
www.peddy.de

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