Musikfans fluten Elbphilharmonie

metallbau: Für welche Teilbereiche war der Fassadenbauer Josef Gartner verantwortlich?

Karl-Heinz Lindenmaier: Wir waren für alle Fassaden ab der Plaza im 8. Obergeschoss aufwärts verantwortlich.

metallbau: Auf welcher Basis haben Sie mit dem Bau der Fassade begonnen?

Lindenmaier: Zum Zeitpunkt der Auftragserteilung im März 2007 war die Planung der Fassade noch nicht abgeschlossen. Es mussten noch viele Details am gesamten Gewerk Fassade von uns mitentwickelt und ausgearbeitet werden. Als die Fassade konstruktiv fertiggeplant war, musste ein detailliertes, mit den Behörden abgestimmtes Konzept ausgearbeitet werden. Das schloss eine einjährige Testreihe zu Machbarkeit und Nachweise zur Gebrauchstauglichkeit mit ein.

metallbau: Worin lagen die größten Herausforderungen bei diesem Vorhaben?

Lindenmaier: Die größte Herausforderung lag darin, die gebogenen Scheiben für die geschlossenen Bubbels wie auch für die halbrund geöffneten Elementfassaden vor den Loggien zu entwickeln.

metallbau: Beginnen wir im 8. Obergeschoss (OG) bei der Plaza. Dort fallen wellenartige Scheiben auf. Wie wurden diese Scheiben realisiert?

Lindenmaier: Die Plaza-Fassade im 8. OG wurde als Stahlkons-truktion mit Structural Glazing verklebten Verglasungen gebaut, die zum Teil mit planebenen oder gebogenen Scheiben ausgeführt wurden. Für die öffentlich zugängliche Plaza, die Schnittstelle zwischen Bestand und Neubau im 8. OG, wurden zwischen dem Hotel und dem Zugang zur Philharmonie s-förmig gebogene, raumhohe Ganzglasfassaden, sogenannte Windschotts realisiert. Die Scheiben sind 2,7 Meter breit und bis zu sechs Meter hoch. Diese gebogenen Windschottfassaden wurden zum Teil in ihrer größten Abmessung als drehbare Elemente, motorisch öffenbare Wendeflügel-Türelemente ausgeführt. So ermöglichen sie den Zugang zur Plaza.

metallbau: In den oberen Geschossen gibt es noch mehr Biegungen. Die Fassade zeigt sich dort ganz anders. Lebendig, ja!

Lindenmaier: Die Hauptfassade wurde aus 1.098 einzelnen Elementen mit mehrfach bedruckten Scheiben gebaut. Diese wurden als fertig verglaste Einheiten am Gebäude befestigt. In jedem Element wurden zwei Scheiben eingesetzt. Bei etwa 300 Elementen mit zum Teil nach außen oder nach innen gebogenen Verglasungen wurde zusätzlich in der Mitte orthogonal zum Element ein ovaler Schwenkflügel für eine natürliche Belüftung der dahinterliegenden Räumlichkeiten eingebaut. Die Aluminiumprofile der Fassadenelemente wurden zur Raumseite hin zum Teil mit spiegelpolierten Blechen verkleidet.

metallbau: Das sind aber nicht die einzigen Sonderformen. Es gibt noch sehr auffällige Formen, die fast wie Stimmgabeln im XXL-Format aussehen.

Lindenmaier: Wir nennen diese Elemente tatsächlich sogar Stimmgabeln. Diese haben wir 100 Mal in den Elementen mit Standardgröße und sechs Mal im Bereich der Philharmonie in Übergröße realisiert. Diese Elemente aus glasfaserverstärktem Kunststoff sind grundsätzlich vor einer Loggia angeordnet. Dahinter gibt es eine Ebene mit integrierten Schiebetüren als Zutritt zur Loggia. Auch die Void-Fassaden lassen sich zum Teil öffnen. Sie befinden sich zwischen dem Großen Saal und dem Hotel sowie vor einigen Wohnungen.

metallbau: Wie hat sich Gartner auf das Bauen an der Elbphilharmonie vorbereitet? Mussten neue Maschinen gekauft oder sogar neu entwickelt werden?

Lindenmaier: Gartner produziert auf computergesteuerten Maschinen und modernsten Fertigungsanlagen, wir mussten für den Bereich der Fertigung kein neues Equipment angeschaffen. Ganz anders hat sich die Situation für die geschuldeten Prüf-szenarien dargestellt.

metallbau: Inwiefern war die Situation für die Prüf­szenarien anders?

Lindenmaier: Als Gartner geeignete Institute für die anstehenden Tests beauftragen wollte, konnten von keinem anerkannten Prüfinstitut die erforderlichen, geeigneten Prüfstände zur Verfügung gestellt werden.

metallbau: Wenn nicht über Prüfinstitute wie dann sind Sie an geeignete Prüfstände gekommen?

Lindenmaier: Um den Nachweis für die Gebrauchstauglichkeit führen zu können, entwickelte Gartner in enger Zusammenarbeit mit dem Labor für Stahl und Leichtmetallbau an der Hochschule München einen Langzeittest, den wir anschließend auf unserem Werksgelände durchgeführt haben. Auf dieser Basis konnte bei den Behörden für die gebogenen Verglasungen eine Zustimmung im Einzelfall erwirkt werden. Außerdem haben wir gemeinsam eine Klimakammer mit den entsprechenden Dimensionen entwickelt und diese anschließend in Eigenregie gebaut. In dieser Klimakammer konnten die erforderlichen Tests und Nachweise über einen Zeitraum von einem Jahr hinweg geführt werden.

metallbau: Galt es, neben der Klimakammer weiteres Equipment zu entwickeln?

Lindenmaier: Ja. Denn auch für das Biegen der Scheiben konnte kein Standardofen verwendet werden, es wurde hierzu eigens ein Ofen mit den entsprechenden Dimensionen und den technischen Erfordernissen gebaut.

metallbau: Was war an diesem Projekt am spannensten?

Lindenmaier: Die Entwicklung der gebogenen Scheiben war eine der spannendsten Aufgaben, da diese in eine bestimmte, sehr schwierig herzustellende, exakt vorgegebene Form gebracht werden mussten. Dabei musste berücksichtig werden, dass die Scheiben ihre technischen Eigenschaften beibehalten.

Lesen Sie das Gespräch mit Herrn Lindenmaier online weiter!

metallbau: Die Scheiben mussten ja auch noch „auf den Punkt gebracht“ werden. Das war doch sicherlich auch keine einfache Aufgabe.

Lindenmaier: Das stimmt. Aber es war weniger das Aufbringen der Punkte als die technische Herausforderung, die Funktionen der Punkte auf den Scheiben zu erhalten. Bei den Punkten handelt es sich um Punktsiebdrucke auf den Scheiben. Sie bestehen zum Teil aus Chrom oder aus keramischer Farbe. Wenn die Scheiben gebogen werden, geschieht das im Heißbiegeverfahren. Wir mussten viele Versuche und Testreihen durchführen, um zu erreichen, dass die Hitze den Druck nicht beschädigt. Dasselbe Thema hatten wir übrigens auch bei der Sonnenschutzbeschichtung.

metallbau: Und offenbar ist das geglückt.

Lindenmaier: Ja. In enger Zusammenarbeit zwischen unseren Ingenieuren und den Spezialisten der Glashersteller und –bearbeiter ist es gelungen, sämtliche Drucke und Beschichtungen zu erhalten, obwohl sie sehr hohen Temperaturen beim Biegen ausgesetzt waren. Dafür bürgen entsprechende Nachweise.

metallbau: Im Januar 2017 öffnet die Elbphilharmonie ihre Tore für die Öffentlichkeit. Finden Sie Abschiedsworte von diesem langjährigen Projekt?

Lindenmaier: Da dieses Projekt lange in der Kritik stand, kann hier zur Freude aller nur der Satz gelten: ‚Ende gut, alles gut.‘ In meinem Berufsleben wird sich so eine Chance nicht allzu oft stellen, die Fassade eines Gebäudes mit solchen Anforderungen entwickeln und bauen zu dürfen. Auf all das, was uns gelungen ist, sind ich und mein gesamtes Team bei Gartner sehr stolz.⇥red ◊