Neue Geschäftsleitung bei Fein

„Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen.“

Mit Janek Jaspaert und Dr. Michael Fischer in der Geschäftsleitung hat sich Fein seit Februar 2016 verjüngt. Strategisch neu aufgestellt geht es um einen Kulturwandel des Familienunternehmens. Im Interview erläutern der Belgier und der Bayer, was Metallhandwerker in den D-A-CH-Ländern von ihnen erwarten dürfen.

metallbau: Herr Jaspaert, Herr Fischer, was hat Sie an der Aufgabe bei Fein gereizt?

Jaspaert: Ich bin seit 23 Jahren im Werkzeugbau — zuletzt bei Festool in Esslingen, für die ich international tätig war. Wie Festool, so ist auch Fein ein Familienunternehmen, das seine Potenziale noch nicht ausgereizt hat, insbesondere in den Bereichen der Metallbe- und -verarbeitung. Da wollte ich an vorderster Stelle dabei sein.

Fischer: Mir geht es ebenso. Und bei Fein stehen die Qualität und der Kunde im Vordergrund. Das hat mich gereizt.

metallbau: Wie gehen Sie an Ihre Aufgabe nun heran?

Jaspaert: Fein steht mit seiner 150-jährigen Geschichte heute auf zwei Säulen: Wir liefern Elektrowerkzeuge für den Profibereich im Innenausbau, also auch für Schreiner oder Elektriker, und für die Metallbranche. Wir reden jetzt nur über diese letztere Sparte, die international ein großes Potential bietet. Hier wollen wir als Premiumanbieter dabei und die Besten sein, Nischen besetzen und von den Menschen aus denken und handeln, die in diesen Nischen täglich arbeiten, einen tollen Job machen und jede Menge wissen.

metallbau: Wie sieht das konkret aus?

Fischer: Dieser Profi-Metallbauer, der sehr oft im Freien und in großen Höhen arbeitet, hat individuell völlig verschiedene Anforderungen, von denen wir oft noch gar nichts wissen. Und die sind komplett andere als etwa beim Schreiner, der in geschlossenen Räumen und mit Holz arbeitet. Deshalb trennen wir die Bereiche und fokussieren unseren Blick: Bei Über-Kopf-Arbeit muss das Gerät leicht sein, im Hochbau mit Akkus funktionieren und im Kesselbau braucht das Werkzeug spezielles Zubehör.

Jaspaert: Wir müssen die Kundenprobleme besser lösen als andere und jeder Metallbauer, der an Elektrowerkzeug und Intelligenz denkt, muss uns sofort im Kopf haben. Fein hat vor 150 Jahren die elektrische Handbohrmaschine erfunden und damit bewiesen, dass wir die DNA für Innovation im Blut haben. Das gilt für die Werkzeuge, die Digitalisierung der Geschäfts- und Serviceprozesse und den E-Commerce.

metallbau: Wie erreichen Sie dieses Ziel?

Jaspaert: Unsere Produktmanager sind ohnehin sehr viel beim Kunden. Und wir haben nun die Vorgabe eingeführt, dass jeder Außendienstmitarbeiter 40 Prozent seiner Zeit auch beim Kunden sein muss, der mit unseren Werkzeugen arbeitet. Wir haben  eingeführt, dass weltweit alle Kunden-Feedbacks erfasst und ausgewertet werden, gute wie schlechte, um daraus zu lernen. So rüsten wir auch jedes Gerät mit einem RFID-Chip aus, das in Schwäbisch Gmünd-Bargau produziert wird – mit Ausnahme des Fein ASCM 12.

metallbau: Was leistet dieser RFID-Chip?

Fischer: Durch diesen Chip kann die Seriennummer jeder Maschine ausgelesen werden, sodass wir die Geschichte eines jeden Werkzeugs seit seiner Entstehung – und wer das Gerät bei uns aus welcher Charge abgenommen hat –  zurückverfolgen können. Es gibt Ideen, diese Möglichkeit weiterzuentwickeln, sodass wir künftig Daten zur Betriebslaufzeit, Beschädigungen und so weiter sammeln und auswerten können. Das ist ein gutes Beispiel für unsere kundenorientierte Philosophie: Digital ist sehr viel möglich, aber wir realisieren nur Lösungen, die unsere Anwender wirklich brauchen.

metallbau: Digitalisierung ist ein gutes Stichwort: Welche Rolle spielt dabei mittelfristig noch der Handel?

Jaspaert: Digitalisierung macht nur Sinn, wenn sie dem Metallarbeiter mehr Nutzen stiftet und er sie annimmt. Unsere Branche und auch wir bei Fein sind erst am Anfang des Online-Geschäfts, zumal der Käufer das neue Gerät ausprobieren will. Wenn er aber Ersatz und Ergänzung braucht, reicht ihm die Online-Bestellung. Wir sehen das in anderen Branchen. Unser Ansatz ist Multi-Channel und dabei behalten die Händler ihre wichtige Bedeutung.

metallbau: Wie ist das Händlernetz strukturiert?

Fischer: Dazu sagen wir nichts. Das ist Philosophie des Hauses. Aber auch hier ist ein Umbruch in Gang, auch seitens der Händler, die sich ebenfalls neu organisieren. Und nicht jeder wird auf Dauer die Werkzeuge aller Hersteller im Portfolio haben.

metallbau: Welchen Part in der Multi-Channel-Strategie von Fein übernimmt künftig der Handel?

Jaspaert: Der Fachhandel ist ein wichtiger Multiplikator und Spiegel des Marktes. Und weil wir uns als Mittelständler fokussieren müssen und nicht alles leisten können, sind die Fachhändler für uns gute Informanten und Innovationstreiber. Sie sind mit ihrer Beratungskompetenz gefragt. Im Gegenzug liefern wir attraktive Produkte und Services, mit denen sich die Händler positionieren und differenzieren können im Wettbewerb. Über unsere Multi-Channel-Strategie fixen wir den Markt an, damit der potenzielle Kunde beim Händler nachfragt.

metallbau: Und worin liegt der Umbruch?

Fischer: Wir unterstützen die Händler aktiv bei der Digitalisierung, um Prozesse durchgängig zu machen. Auch bei deren Webgestaltung und Produktpräsentation im Netz. Denkbar sind auch regionale Newsletter und vieles mehr. Wichtig ist, dass der Händler Daten erfasst, sammelt und liefert. Je mehr desto besser, denn damit haben wir mehr Information, um den Kundennutzen zu treffen. Der Händler muss hierbei kooperieren und aktiv mitziehen. Er sollte diese neue Kultur leben.

metallbau: Um mehr über Ihre Kunden zu erfahren, haben Sie 2017 eine Kampagne gestartet. Worum ging es?

Jaspaert: Wir haben weltweit die Metallbranche eingeladen und Anfang des Jahres hatten wir in zehn Ländern 150 Teilnehmer ausgewählt, denen wir passend zu ihren Projekten unsere Magnet-Kernbohrmaschinen, Winkelschleifer oder Akku-Schrauber zur Verfügung stellten. Die kamen teils bei spektakulären Projekten zum Einsatz: In Österreich befestigten Profi-Tester mit Schraubern in mehreren hundert Metern Höhe eine Aussichtsplattform über einem Wasserfall. In Italien bauten Tester einen Skilift, in Frankreich eine BMX-Rampe und in Deutschland entstand eine eindrucksvolle Metallskulptur.

metallbau: Welche Bilanz konnten Sie ziehen?

Jaspaert: Wir haben jede Menge Rückmeldungen und neue Kontakte bekommen. Häufig lobten Tester – etwa die Firma Dietz, die seit 40 Jahren im Schaustellergewerbe mit unseren Werkzeugen arbeitet und auch 35 Jahre alte Geräte noch in Betrieb hat — unsere kompakte Bauart, die starke Leistung selbst bei dickem Stahl und das vielfältige QuickIN-Zubehör der Schrauber, das den schnellen Wechsel zwischen den Anwendungen ermöglicht. Die Roan Fabrication Ltd. im englischen Peterbourough meldete uns zurück, dass man sich nicht mehr mit der Gangwahl vertun könne und unser Werkzeug unkaputtbar sei. In Polen bohrte ein Tester mehr als 1.200 Löcher in einer Schicht mit unserer Magnet-Kernbohrmaschine und war beeindruckt von dieser Belastbarkeit.

metallbau: Wie entstehen bei Ihnen Innovationen?

Fischer: Wie gesagt aus dem engen Kontakt zum Anwender. Zugleich haben wir uns ein internationales Netzwerk von Experten aufgebaut, das uns bei Spezialthemen mit Wissen und Forschung unterstützt, und wir vergeben zunehmend Masterarbeiten an Studenten, um früh mit dem Nachwuchs in Kontakt zu kommen: Mit den Hochschulen am Standort in Schwäbisch Gmünd und in Magdeburg haben wir in den letzten Monaten besonders intensiv zusammengearbeitet.

metallbau: Gab es für diese enge Zusammenarbeit einen besonderen Grund?

Fischer: Wir haben an beiden Hochschulen einen Aufruf gestartet, künftige Anwendungen für unsere Werkzeuge zu kreieren, und haben die besten prämiert. Sieger waren eine Drohne, die selbständig in schwindelerregender Höhe an schwer zugänglichen Stellen wie Brücken, Hochhäusern oder Windkraftanlagen Löcher bohrt oder ein Smart-Koffer, der den Akku-Bohrschrauber während seines Transports auflädt und dem Benutzer mitteilt, wenn er ein Teil auswechseln muss. Ob die Entwürfe produziert werden, hängt von der Anwenderrelevanz ab.

metallbau: Wenn Sie sich so sehr für den Metallbereich engagieren: Welchen Umsatzanteil hat dieser heute und welchen soll er bekommen?

Fischer: Wir reden nicht über Zahlen. Aber gehen Sie mal von Fifty-Fifty aus. Und wenn Sie schreiben, dass Metall in drei Jahren 60 Prozent ausmachen soll, hören Sie mich nicht widersprechen.