„Privatbereich öffnet neue Märkte“

Im Gespräch mit Ralf Margout von Interkey
metallbau: Seit wann spielt die Mechatronik in der Beschlag- und Schließtechnik eine wichtige Rolle?

Ralf Margout: Der Trend der mechatronischen Sicherheitstechnik ist schon seit vielen Jahren absehbar. Bereits Anfang der 1980er-Jahre tauschten sich unsere Mitglieder über das Thema Schlosselektronik aus. Wir beobachten dabei seit Längerem die Entwicklung, dass die Welten sich immer mehr verknüpfen – also Mechanik, Mechatronik und Elektronik zusammenwachsen. Auf Wunsch lässt sich heute die gesamte Gebäudesicherheit zentral steuern, von der Zutrittskontrolle über Videoüberwachungen bis hin zu den Gefahrenmeldeanlagen und Fluchtwegsteuerungen.

metallbau: Was bedeutet das für die Unternehmen?

Margout: Für die Handwerker bedeutet das, dass sie – im ohnehin schon großen Spektrum der mechanischen Sicherheitstechnik – eine zusätzliche Produktwelt erschließen müssen. Aber viele Betriebe haben das ja bereits getan. Da diese Technik aber schnell voranschreitet, ist ständige Weiterbildung gefragt.

metallbau: Sind die Inhalte denn in den beruflichen Ausbildungen integriert oder sind die Hersteller in der Pflicht, spezielle Schulungen anzubieten?

Margout: In der Regel läuft das über die Hersteller. Man kann jetzt sagen, die gesamte Schließtechnik macht ja eigentlich dasselbe: Tür auf und Tür zu. Aber es ist natürlich deutlich komplexer. Wenn sich auch die Hardwareprodukte der Hersteller einander angenähert haben und mittlerweile etablierte Identmedien verwendet werden, so gibt es vor allem im Bereich der Software und der Programmieranwendungen Unterschiede. Wer diese Systeme installieren will, braucht dafür unbedingt Schulungen vom Hersteller oder von einem zertifizierten Partner. Der Branche fehlt ein spezielles Berufsbild in der Sicherheitstechnik, seit 1987 gibt es das nicht mehr.

metallbau: Sie haben eben angesprochen, dass der Wissensbedarf steigt. Braucht der Metallbauer jetzt einen eigenen IT-Fachmann oder einen Elektriker im Haus?

Margout: Das wäre natürlich ideal, aber nicht alle haben diese Möglichkeiten, und auch diese Mitarbeiter müssen in den Besonderheiten der Sicherheitstechnik geschult werden. Eigentlich benötigt man ein Konglomerat aus Metallbauern, Tischlern, Elektrikern, Mechatronikern, Sonnen- und Rollladenmechatronikern, Glasern und IT-Spezialisten bzw. von jedem Gewerk ein bisschen was. Das können die kleinen Betriebe natürlich nicht leisten.

metallbau: Aber Sie sagen, dass die Produkte einfacher werden. Die Hersteller werben damit, dass etwa eine Chipkarte als Türschlüssel schnell und einfach zu programmieren ist. Das sind ja für den Handwerker gute Nachrichten.

Margout: Das ist richtig. Die Software für private und kleinere Anwendungen macht es wirklich kinderleicht, solche Systeme zu bedienen. Das öffnet neue Märkte. Die Frage ist aber: Welche Rolle hat dann noch der Fachmonteur, wenn das System so einfach wird und vom Kunden selbst installiert und programmiert werden kann? Sie müssen aber unterscheiden, ob Sie eine einfache Lösung mit wenigen Türen haben oder ein komplexes System. Firmen brauchen gewisse Hierarchien. Das heißt: Ich habe nicht Zugang zu jedem Raum. Das abzubilden und umzusetzen ist dann schon deutlich schwieriger.

metallbau: Wie funktioniert das?

Margout: Im Prinzip ähnlich wie im mechanischen Bereich der Schließanlagen. Auch da gibt es einen Schließplan für die unterschiedlichen Türen. Nur dass dies digital abgebildet wird und die Programmierung der Hardware erfolgen muss, wobei die Daten dann auf Servern, im Identmedium, in Beschlägen und Schlössern oder in der Cloud verwaltet werden.

metallbau: Und was ist der Mehrwert der mechatronischen Anlage?

Margout: Denken Sie nur, was los ist, wenn Sie für so eine komplexe mechanische Schließanlage den Generalhauptschlüssel verlieren oder dieser gestohlen wird. Das war immer der worst case. Und aus der Praxiserfahrung weiß ich: Das kommt öfter vor, als man vermutet. In solchen Fällen ist es oft auch gar nicht so leicht, der Versicherung nach vielen Jahren zu belegen, dass die Anlage ansonsten noch komplett ist. Da dann einen Ersatz zu beschaffen, kann sehr teuer werden und kostet viel Zeit. Bei mechatronischen Systemen können Sie in kurzer Zeit durch Umprogrammieren die Sicherheit wiederherstellen.

metallbau: Gibt es noch andere Vorteile?

Margout: Es ist sehr bequem. Man führt das Medium – also die Schlüsselkarte, den Transponder oder einen mechatronischen Schlüssel – mit sich. Und die Anlagen können die Ein- und Austritte auch dokumentieren. Das muss natürlich mit dem Betriebsrat abgestimmt sein. Aber Sie haben die Möglichkeit, nach Vorfällen zu rekonstruieren, wer Zutritt hatte. Und die Systeme sind offen für andere Möglichkeiten, etwa die Abrechnung in der Kantine.

metallbau: Das klingt jetzt so, als wären solche Lösungen nur für Unternehmen sinnvoll. Was ist mit dem Privatbereich?

Margout: Dort werden sie auch immer beliebter. Die Industrie hat darauf reagiert und bietet hier spezielle Lösungen an, die leicht zu bedienen sind und nicht mehr so viel kosten. Der Trend geht zum sogenannten Smarthome, sodass zentrale technische Haussteuerungen via Smartphone-App gesteuert werden können.

metallbau: Gibt es einen klassischen Stolperstein für den Handwerker, der sich erstmals mit dieser Technik befasst?

Margout: Man sollte vorsichtig sein, wenn man an IT-Konfigurationen im Unternehmen ran muss, etwa an die Server oder das Firmennetzwerk. Die Unternehmen sind da aber in der Regel auch gut sensibilisiert. Wer nicht notwendige Kenntnisse mitbringt, sollte im Zweifel lieber die Finger davon lassen.