glasstec 2016

Das Glas und der Glasbau entwickeln sich rasant. Für die Verarbeitung der Scheiben muss passendes Werkzeug und spezielle Transportlogistik vorgehalten werden. Konstrukteure müssen sich über fortlaufende Änderungen der DIN 18008 auf dem Laufenden halten. Vom 20. bis 23. September bietet die glasstec in Düsseldorf ein umfassendes Branchenupdate.

Die Olympiade des U-Wertes ist zu Ende, es lebe die Olympiade des Scheibengewichts. Vor fünf Jahren, da konnten Metallbauer mit einer Scheibe, die über eine Tonne wog, Zuhörern schon ein Raunen entlocken. Inzwischen sind wir bei über 4 Tonnen angekommen, zugegeben: Da steht der Leichtmetallrahmen mit auf der Waage. Kürzlich hat ein Fassadenplaner sogar von 6,5 Tonnen berichtet – eine Verwaltungsbehörde in Katharinenburg hat sich wohl von Architekt Foster viel Licht und freie Sicht gewünscht. Die großformatigen Fenster werden teils in schwere Stahlprofile gefasst. Die steigenden Gewichte der Elemente sind eine Herausforderung für die Transportlogistik, die Schweißer, die Glas und Rahmen nicht mehr in der Werkstatt zum Element zusammenbauen können und auch für die Monteure, die diese Schwergewichte in die Fassadenkonstruktion einhängen und befestigen. Da muss nicht nur das Wetter passen.

In der Architektur sind Glasfassaden immer gefragter. Glas besticht mit vielseitigen Funktionen. Und die Erwartungen an den Ausbau weiterer Funktionen sowohl im Glas als auch der Fassade als solcher sind noch nicht zu Ende. „In der Zukunft werden weitere Funktionen dazukommen“, sagt der Stuttgarter Architekt Stefan Behnisch. Dazu zählt er Beleuchtungselemente, Wärmetauscher zur Produktion von Solarwärme sowie Elemente der mechanischen Be- und Entlüftung.

Wer mit Glas plant, muss darauf achten, dass es mit Zusatzfunktionen zur Verschattung und Klimasteuerung ausgestattet ist. Dies gilt umso mehr, als die Länder im Rahmen ihrer Klimaschutzziele immer weniger Emissionen erlauben. So haben sich die Mitgliedstaaten der Europäischen Union darauf verständigt, dass Neubauten ab 2020 fast keine Energie mehr für Heizung, Warmwasser, Lüftung und Kühlung benötigen und den restlichen Energiebedarf selbst decken sollen.

Die Flexibilisierung des g-Wertes

Neben dem U-Wert ist der g-Wert inzwischen stärker im Visier. Ein variabler g-Wert, mechanisch auch mit kurbelbaren Jalousien erreichbar, wird heute elegant und automatisiert mit elektrochromen Scheiben umgesetzt. Dass es das dimmbare Glas seit der Markteinführung vor 20 Jahren immer noch nicht zu einer wesentlichen Marktdurchdringung geschafft hat, liegt wohl am Preis von ca. 400 Euro pro Quadratmeter.

Gleichwohl, der Hersteller EControl-Glas berichtet, dass er in Europa bereits fünf Projekte der gleichen Größenordnung mit insgesamt 15.000 Quadratmetern schaltbarem Fensterglas ausgestattet hat. Und die Nachfrage steige. „Wir gehen davon aus, dass sich EControl-Glas nach durchschnittlich vier bis sechs Jahren rechnet“, sagt Geschäftsführer Dr. Hartmut Wittkopf. Sein Unternehmen ist nicht das einzige, das elektronisch tönbare Fassadenelemente anbietet. Auch Sage Saint-Gobain produziert diese Technik, die etwa von Schüco als dynamisches Glas vertrieben wird.

Der deutsche Wissenschafts- und Technologiekonzern Merck verfolgt eine andere Variante von schaltbarem Glas. Gemeinsam mit Industriepartnern erprobt er Fensterscheiben, die noch schneller auf Lichtveränderungen reagieren sollen als vergleichbare schaltbare Glaslösungen. Dazu verwendet Merck eine Mischung aus Flüssigkristallen, die auch in Displays von Fernsehern, Laptops oder Smartphones eingesetzt werden.

„Damit lässt sich die Intensität des einfallenden Tageslichts in Sekundenschnelle anpassen und eine höhere Farbenvielfalt erzielen“, erklärt Martin Zitto, Business Development Manager bei Merck. Auch wenn sich die technologische Basis von anderen schaltbaren Gläsern unterscheidet, ist die Funktionsweise von Flüssigkristallglas ähnlich: Die Mischung wird zwischen zwei miteinander verklebte Glasscheiben gefüllt. Durch Anlegen einer Spannung können die Kristalle in verschiedene Anordnungen gebracht werden. Je nach Anordnung fällt mehr oder weniger Licht durch die Schicht – die Fenster sind entweder durchsichtig oder undurchsichtig.

Zum Schlagwort Flexibilisierung des g-Wertes gilt als neue Referenz das 67 Meter hohe Gebäude der Firma Festo in Esslingen. Seine Glasfassade mit einer Gesamtfläche von 8.500 Quadratmetern ist als sogenannte Abluftfassade konzipiert, bei der die Luft zwischen dem inneren Blendschutz – dem ZIP-geführten Warema SecuTex-Gewebe A2 – den Aluminiumbauteilen der Elementfassade und der Verglasung permanent abgesaugt   wird. Dadurch kann Sommerhitze gar nicht erst bis in die Innenräume vordringen – der Kühlbedarf sinkt.

Ein Fachbericht über das bauphysikalische Konzept der Abluftfassade von Fassadenplaner Wolfgang Priedemann und Prof. Markus Pfeil wurde in der tab Septemberausgabe (Bauverlag) veröffentlicht. Ein Muster eines Fassadenelements präsentieren Warema und priedemann fassadenberatung im Rahmen der Sonderschau „glass technology live“ in Halle 11 (Stand D42).

In direkter Nachbarschaft zur „glass technology live“ finden Messebesucher das Kompetenzcenter Glas + Fassade. Es richtet sich an Fassadenplaner, Bauingenieure und Architekten. Das Kompetenzzentrum bietet Informationen von Instituten und Verbänden. Darunter sind der Bundesverband Flachglas e.V., der UBF (Unabhängige Berater für Fassadentechnik e.V.), die Hochschule Augsburg (Institut für Bauwesen und Immobilie), die Technische Universität Darmstadt (Institut für Werkstoffe und Mechanik im Bauwesen), die Gütegemeinschaft Mehrscheiben-Isolierglas e.V. sowie das ift Rosenheim. Das  oberbayerische Institut führt zudem bei der Sonderschau „Handwerk live“ in Halle 9 Glasprüfungen mit der eigens von der ift MessTec gefertigten Biegebruchmaschine und dem Pendelschlaggerät vor. Eine zweite interessante Vorführung im Zentrum des Handwerks dürfte der Bau einer Glasfassade sein. Darüber hinaus finden Vorträge zu kosteneffizienten Produkten und Verarbeitungstechnologien statt.

Mit der neuen Sonderschau Materia möchte die glasstec ein weiteres Highlight im Programm platzieren. Auf einer Fläche von insgesamt 240 m² (Halle 10, Stand C14-15) werden fantasievolle Werkstoffe präsentiert. Fliesen, die Regen sammeln, Pfosten aus recyceltem Leder, leuchtende Keramikverkleidungen, Raumteiler und Vorhänge aus Holzfaser. Oder stellen Sie sich einen Fußboden aus Kaffee vor, 3D-gedrucktes Holz oder Fassaden aus 100 % Recycling-Kunststoff.

Unter dem Motto „Future – Glass – Performance“ werden in Halle 11 spektakuläre Exponate und zukunftsorientierte Lösungen der nächsten 3 bis 5 Jahre präsentiert. Im Fokus dieser Ausstellung steht vor allem freiförmiges, ultradünnes, massives und informatives Glas. ⇥ma ◊

www.glasstec.de