ift-Brandschutzforum 2017

Standards für Europa

Zum internationalen ift-Brandschutzforum kamen knapp 300 Teilnehmer nach Rosenheim, um sich vor allem über die harmonisierten Regelungen rund um die CE-Kennzeichnung zu informieren und auszutauschen. Erste Praxiserfahrungen mit der neuen EN 16034 wurden bereits gemacht und präsentiert.

Am 21. und 22. Juni 2017 kamen knapp 300 Teilnehmer zum internationalen ift-Brandschutzforum nach Rosenheim. Viele von ihnen folgen schon seit vielen Jahren der Einladung des ift. Nicht nur, weil sie dort auf den neuesten Stand der Dinge in ihrem Fachbereich gebracht werden, sondern auch, weil man sich dort persönlich begegnet und auf Augenhöhe Erfahrungen austauschen kann. Wie zu erwarten, standen vor allem Sicherheit im Brandschutz „Made in ­Europe“ und damit einhergehend die harmonisierte Produktnorm EN 16034 im Fokus der beiden Vortragstage. Eine App zum Forum stand den Teilnehmern – hauptsächlich Hersteller – schon vor der Veranstaltung als Informations- und Austausch-Tool zur Verfügung, das besonders innerhalb der Vorträge von den Referenten für Live-Umfragen genutzt wurde. Die meisten Vorträge widmeten sich den Details aktueller Normen, Gesetze, Richtlinien und Regelungen. Das kurz vorher geschehene Unglück am Londoner Grenfell Tower würdigte Prof. Ulrich Sieberath nur am Rande seiner Begrüßungsrede, denn – so der Konsens – man wolle jedwede Energie darauf verwenden, Brände künftig zu vermeiden.

Brandschutz im Umbruch

Hierzu legte Kollege Dr. Gerhard Wackerbauer zum Auftakt einen Impulsvortrag über „Sicherheit im Brandschutz ‚Made in Europe’ – Konzepte, Nachweise, Umsetzung“ nach und präsentierte detaillierte Analysen der europäischen Nachweisverfahren. Unter anderem zeigte Wackerbauer anhand einer Statistik vom Deutschen Feuerwehrverband und vom Statistischen Bundesamt, dass sich die Zahl derer, die seit 1990 in Deutschland infolge von Bränden ums Leben gekommen sind, etwa halbiert hat. Trotzdem sterben nach wie vor jährlich etwa 400 Menschen in Deutschland an den Folgen eines Brandes. Das ist zwar im Vergleich zu den rund 4.000 Verkehrstoten wenig, aber „Jeder Tote und jeder Verletzte ist einer zu viel!“ und infolgedessen gilt es, das in Deutschland bisher erreichte Sicherheitsniveau mit neuen Produkten mindestens wieder zu erreichen. Das ist deshalb so erwähnenswert, da sich derzeit der Brandschutz im Umbruch befindet. Nicht nur die Produktnorm EN 16034 „­Fenster, Türen und Tore – mit Feuer-/Rauchschutzeigenschaften“ kann seit November 2016 zur CE-Kennzeichnung genutzt werden. Die sogenannte „Koexistenzphase“, in der sowohl die alten als auch die neuen Regeln gelten, läuft bereits und es wurden schon erste Erfahrungsberichte aus der Praxis mit Prüfungen, Zertifikaten und dem CE-Zeichen präsentiert und transparent gemacht, wie die neue EN 16034 am Markt angekommen ist. Wackerbauer schloss seinen Vortrag mit einer Live-Umfrage per App. Die Teilnehmer sollten darüber Auskunft geben, wer bereits auf das Ende der Koexistenzphase vorbereitet sei. Das Ergebnis: Etwas mehr als die Hälfte (55,6 %) gaben an, sie seien bis November 2019 mit den Vorbereitungen fertig. „Schon alles erledigt“ haben 22,2 % und ebenso wenige hoffen auf eine Verlängerung der Phase.

International

Alle weiteren Vorträge des ersten Veranstaltungstages waren diversen Themenblöcken zugeordnet. Allen voran stand der Block „International“. Viele Produkte, die für Sicherheit im Brandschutz für Europa verwendet werden, können auch außerhalb von Europa Verwendung finden. Die Kooperation des ift mit dem international tätigen Zertifizierer UL (Underwriter Laboratories) betrachten die Rosenheimer als Marktöffner, um europäischen Herstellern durch lokale Prüfmöglichkeiten den Schritt über die Landesgrenzen hinaus zu erleichtern, wo die Zertifikate von UL als Nachweis genutzt werden. Dies sind neben den USA und Kanada auch der Nahe Osten oder Asien. An dieser Stelle sei erwähnt, dass UL in direkter Nachbarschaft zum ift-Technologiezentrum aktuell ein Prüfzentrum mit Büros errichten lässt. UL stellte beim Forum mit Sean DeCrane und Dwayne Sloan zwei Referenten, die ihre Erfahrungen mit den amerikanischen Brandschutz-Regelungen teilten. Während sich die oben genannten Vorträge sehr nah am Thema Brandschutz orientierten, ­wagte Martin Langen vom Unternehmen „B+L Marktdaten“ ­einen großen Schritt weg von Regelwerken hinein in den internationalen Markt selbst. Sein Vortrag trug den Titel „Marktanalyse der Bauentwicklung als Treiber für den Brandschutz – Vergleich Europa, Asien und USA“. Langen präsentierte das Ergebnis einer Befragung zu Handwerkskapazitäten 2017 mit Vorlaufzeiten in ausgewählten Gewerken und demonstrierte am Ergebnis, dass der Brandschutz das „Nadelöhr“ im Bau sei. Metallbauer beispielsweise gaben bei der Befragung an, dass ihre Vorlaufzeiten von sechs bis neun sowie ein bis zwei Wochen bei 22,2 % liegen, Vorlaufzeiten von etwa drei bis fünf Wochen bei 55,6 %. Im Vergleich hat das Gewerk Brandschutz mit Abstand die längsten Vorlaufzeiten: 25 % bei über zehn Wochen, 9,9 % bei sechs bis neun Wochen, 62,5 % bei drei bis fünf Wochen und nur 12,5 % bei ein bis zwei Wochen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass vor allem der Holzbau den baulichen Brandschutz antreibt und, dass die Kaufkraft der Bürger eines Landes immer auch ein Indikator für Brandschutz-Auflagen ist. So gibt es beispielsweise in der Schweiz, in Süddeutschland sowie in Skandinavien – also in ­Ländern mit einer hohen Kaufkraft – höhere Brandschutz-Auflagen als in anderen Ländern.

Live-Brandprüfung

In Rosenheim gab es nicht nur Spannendes zu hören, sondern auch zu sehen: Nach allen Vorträgen des ersten Veranstaltungstags wurden die Teilnehmer Zeugen einer erfolgreichen Live-Brandprüfung einer Vorhangfassade mit Eckausbildungen verschiedener Winkel. Am riesigen, nämlich stattliche 8 x 5 ­Meter großen Ofen im jüngst fertiggestellten Technologiezentrum beobachteten die Teilnehmer über eine halbe Stunde lang die Brandprüfung nach EN 1364-3. ift-Prüfstellenleiterin Feuerwiderstand Anyke Aguirre Cano moderierte die Prüfung der Sonderfassade von Hueck, verwies auf die Kameras, die Verformungen messen, die Monitore und die Uhr, die für die Prüfungen und für Sicherheitsaspekte notwendig sind, und erläuterte die Zusammenhänge des Brandverhaltens von Profilen, Scheiben, Beschichtungen in Bezug auf den Zeitraum und die Temperatur im Ofen, die anfangs rund 500 °C, am Ende nahezu 800 °C betrug. Projektleiter Brandschutzfassaden Robert Vögele von Hueck schloss mit einigen Dankesworten den offiziellen Teil des ersten Tags. Am zweiten Tag stellte gleich zu Beginn Anyke Aguirre Cano als Einführung den ­Teilnehmern nochmals die Ergebnisse der Brandprüfung in ­wenigen Grafiken vor.

Erste Erfahrungen mit der EN 16034

Die letzten beiden Themenblöcke widmeten sich der „Zertifizierung von Türen“ sowie der „Nutzungssicherheit und Automation“. In erstgenanntem Block erfuhren die Teilnehmer von David Hepp (ift) einiges über die ersten Erfahrungen mit der EN 16034 und der damit einhergehenden Einführung der WPK (werkseigene Produktkontrolle), der CE-Kennzeichnung und der Leistungserklärung. Zwei Aspekte seien hier vorweggenommen: Durch das CE-Zeichen wird die Markteinführung neuer Tür- und Torsysteme für Hersteller einfacher, so wie bereits für Vorhangfassaden oder innere Trennwände. Zunächst gilt das für Tore und Außentüren nach EN 13241 beziehungsweise EN 14351-1, aber mit der Einführung der EN 14351-2 wird dies bald für Innentüren möglich. Während noch vor zwei Jahren Dipl.-Ing. (FH) Roland Meßmer in der metallbau-Kolumne „Am Puls. Wohin die Reise geht ...“ Metallbaubetriebe aufgerufen hat, sich mit der Norm und insbesondere den neuen Bezeichnungen sowie der CE‑Kennzeichnung für Feuerschutz- und Rauchschutzabschlüsse auseinanderzusetzen (siehe mb 7-8/2015), zeigte der Vortrag von David Hepp, dass derzeit vor allem noch die Hersteller zur Umsetzung der neuen Regeln und der CE-Kennzeichnung Unterstützung durch die NPZ (notifizierte Produktzertifizierungsstelle) und den Systeminhaber benötigen. Warum das so ist, erläuterte Hepp genauer: Mit dem Beginn der Koexistenzphase der DIN EN 16034 war klar, dass das Ü-Zeichen für Feuerschutzabschlüsse verschwinden wird und durch die CE-Kennzeichnung ersetzt wird. Das ift hat als NPZ Hersteller bei der Umsetzung begleitet und alle durchgeführten Audits ausgewertet — mit folgenden Ergebnissen beziehungsweise Schwerpunkten:

  • Die Hersteller haben Probleme, „passende“ WPK-Systeme aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
  • Es ist für die Hersteller schwierig, die wesentlichen technischen Parameter, Intervalle, Dokumentationssysteme auszuwählen und in die WPK aufzunehmen.
  • Die Umsetzung der Vorgaben aus dem Klassifizierungs-/EXAP-Bericht ist fehlerhaft.
  • Mitarbeiter sind lückenhaft geschult beziehungsweise qualifiziert.
  • Es fehlen Kenntnisse bezüglich Leistungserklärung und CE-Kennzeichnung.
  • Die handwerkliche Ausführung ist im Wesentlichen gut.

Hepp resümmierte seine Erfahrungen: Die Einführung und Anwendung der neuen Grundlagen und Regeln werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Noch ist dafür Zeit. Zum November 2019 läuft die Koexistenzphase aus.