Interview

Dr. Roland Leuschel & Günter Dolezel

„Wir sind eher fürs Ab- statt fürs Aufrüsten!“

Dr.-Ing. Roland Leuschel und Günter Dolezel sind Brandschutzexperten. Leuschel führt ein Ingenieurbüro in München, Dolezel ist als ö.b.u.v. Sachverständiger für das Metallbauerhandwerk sowie für den Bereich Brandschutz tätig.
Eine bayerische Universität hat die beiden mit der Begehung von 3.606 Türen und Toren in 91 Gebäuden beauftragt. Darunter waren sowohl neu errichtete Objekte als auch historische Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Es handelte sich um Ausbildungs- und Arbeitsstätten samt Forschungseinrichtungen. Drei Monate lang haben die beiden drei bis vier Tage in der Woche die Elemente mit Feuer- und Rauchschutz-, sowie Flucht- und Rettungswegfunktion geprüft und erfasst.

metallbau: Herr Dr. Leuschel, wie hat denn Ihr Auftrag für die Begehung gelautet?

Dr. Roland Leuschel: Die Beauftragung lautete Anlagenaufnahme von Türen und Toren. Wir haben den Ist-Zustand aller Durchtritte und Abschlüsse festgestellt, um nötige Wartungen und Instandsetzungen auszulösen. Weiter ging es darum, alle relevanten Türen zu erfassen und hinsichtlich ihrer Anforderungen zu priorisieren. Zugleich haben wir Schnittstellen für die Implementierung der Daten in 3-D-Gebäudemodelle und SAP-Applikationen geliefert.

metallbau: Und hat der Betreiber Ihre fachlichen Hinweise bereits umgesetzt?

Günter Dolezel: Nein, das wurde bislang nicht gemacht. Der Betreiber ist gerade dabei, ein umfängliches Paket zu schnüren. Seine Absicht ist erstmal einen vollständigen Überblick zu erhalten. Auf dieser Grundlage sollen nun langfristige Wartungsverträge ausgeschrieben und vorab die fälligen Instandsetzungssetzungen ausgeführt werden.

metallbau:  Haben Sie bei der Begehung Gefahr in Verzug melden müssen?

Dr. Leuschel: „Gefahr in Verzug“ ist eine sehr strapazierte Begrifflichkeit. Mitunter bezeichnen Kollegen schon eine Tür mit verlustiger Kennzeichnung als solche Gefahr – wir sehen das anders. Eine z.B. wegen Überhitzungsgefahr dauerhaft offenstehende Heizzentrale hingegen würde freilich eine konkrete Gefahr darstellen. Derartige Missstände wurden bei der Begehung jedoch nicht vorgefunden. Hätten wir gravierende Konzeptmängel vorgefunden, so wären diese unverzüglich gemeldet worden. Im Übrigen wurde uns der Auftrag auf Initiative des Betreibers vergeben, nicht etwa aufgrund von Mängelfeststellungen Dritter oder jüngster Vorkommnisse.

metallbau: In welchem Zustand haben Sie die ca. 3.400 Brandschutztüren vorgefunden?

Dr. Leuschel: Der Zustand der Türen ist Ordnung. In nur einigen wenigen Fällen empfehlen wir die Erneuerung in Verbindung mit einer Modernisierung. Für rund 15% der Türen sollte der Gebäudebetreiber eine Instandsetzung beauftragen; wobei wir jeweils von ca. einer Stunde Reparaturzeit ausgehen. Bei weiteren 15% der Türen haben wir kleinere Mängel festgestellt, die im Rahmen einer erweiterten Wartungstätigkeit behoben werden können.

metallbau: Was verstehen Sie unter kleineren Mängeln?

Dolezel: Beispielsweise waren in Laborräumen bei T90 Brandschutztüren die Obertürschließer ausgehängt, obwohl die Türen als selbstschließend gekennzeichnet sind. Wäre der Obertürschließer nicht ausgehängt, dann müssten die Nutzer immer den Schlüssel bei sich tragen für den Fall, dass der Riegel ins Schloss fällt. Um diese nervige Situation zu umgehen, wird gerne der Obertürschließer ausgehängt. Die Funktion Brandschutz ist dann allerdings nicht mehr gegeben. Für solche Missstände ist der Betreiber formal in der Verantwortung.

metallbau: Auf welche Ursachen lassen sich die vorgefundenen Mängel zurückführen?

Dolezel:  Die Mängel sind in erster Linie auf intensive Nutzung, fehlende Wartung und falsche Handhabung zurückzuführen. Die Idee unserer Auftraggeber, eine Begehung aller Brandschutzelemente auf dem Universitätsgelände anzuordnen, war sehr sinnvoll. Es waren Türen mit Einbaujahr 1955 darunter, die längere Zeit nicht gewartet wurden.

metallbau: Herr Dolezel, hätte eine Aufsicht, die die Türen nach den Vorgaben der Arbeitsstättenrichtlinie geprüft hätte, Bußgelder verhängt?

Dolezel: Darauf antworte ich als Gutachter: Nein, für Bußgelder sind mir keine rechtlichen Grundlagen bekannt. Wenn etwas geahndet wird nach der Arbeitsstättenverordnung, dann höchstens, wenn Fluchttüren nicht nach außen aufgehen. Bei Brandschutzseminaren wird vor allem Angst verbreitet und mit dem Damoklesschwert der persönlichen Haftung gedroht. Das geht manchmal so weit, dass die Monteure keine Brandschutzelemente mehr installieren möchten. Die Verantwortung erscheint ihnen allzu groß, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Ich kenne kein Urteil, nach dem jemand, der eine Brandschutztüre falsch montiert hatte oder eine Wartung fehlerhaft ausgeführt hatte, bestraft worden wäre.

metallbau:  Ihrer Ansicht nach wird also wegen irrationaler Befürchtungen die bauliche Brandschutzprophylaxe übertrieben?

Dolezel: Ja, bei vielen Weiterbildungen wird referiert, dass Betreiber und Errichter bereits mit einem Bein im Gefängnis stehen. Viele Maßnahmen resultieren aus dieser Bedrohung heraus und nicht aus einer sinnvollen, sachlichen Adäquanz.

metallbau: Herr Dr. Leuschel, könnten Sie erläutern, wann ein baulicher Brandschutz notwendig ist?

Dr. Leuschel: Der Begriff „notwendig“ bezieht sich auf Treppenräume und Flure, wenn diese als Fluchtwege gelten. Meist handelt es sich dabei gleichzeitig um Verkehrswege der alltäglichen Nutzung. Die Türen haben zwei Funktionen: Im Brandfall sollen Gebäudeabschnitte abgeschottet werden und die Menschen in den Gebäuden sollen fliehen können. Die Brandentstehung ist heutzutage gut reduziert z.B. durch FI-Schalter. Der Einbau von Paniköffnungen und Rauchmelder haben Flucht und Reaktionsmöglichkeiten optimiert.

metallbau: Wie oft hat es denn in den Gebäuden der Universität in den vergangenen Jahren gebrannt?

Dr. Leuschel: Es gab keine Vorfälle, die Werksfeuerwehr hatte es lediglich mit ein paar Bagatellfällen zu tun. Aber auch wenn wir alle Universitäten, Schulen und Bildungseinrichtungen in Deutschland zusammennehmen, hat es in den vergangenen 20 Jahren, gemäß den Erhebungen des statistischen Bundesamtes keinen Todesfall durch Brand gegeben. Gehen wir auf 40 Jahre zurück, gab es deutschlandweit insgesamt vier Todesfälle durch Brand in Bildungseinrichtungen. Unfalltote z.B. im Verkehr, im häuslichen Bereich und in der Freizeit gab es hingegen 1,1 Mio. in den letzten 40 Jahren. Davon etwa 60 % durch Sturz – Tendenz steigend.

metallbau: Herr Dr. Leuschel, könnten Sie an einem Beispiel deutlich machen, inwiefern die Brandschutzprophylaxe an der Universität  übertrieben wurde?

Dr. Leuschel: Beispielsweise gibt es auf dem Universitätsgelände ein Mustergebäude mit ca. 9.000 m² und 100 Brandschutztüren; es kommt also auf je ca. 100 m² eine Türe. Das ist meiner Ansicht nach ein guter Verteilungsschlüssel. Andererseits haben wir Gebäude mit dem Faktor 4 – dort wurde also alle 25 m² eine Brandschutztüre eingebaut, das heißt, fast jede Büro- bzw. Toilettentüre hat eine Brandschutzfunktion, obwohl es nicht nötig wäre. Und dann gibt es Gebäude mit dem Faktor 0,5; das heißt, nur alle 200 m² ist eine Brandschutztüre installiert. Der Grund für diese unterschiedlichen Verteilungsschlüssel pro Quadratmeter bis zu Faktor 8 hat sich uns bei der Begehung nicht unbedingt erschlossen.

metallbau: Wie war es um die Dokumentationen der Brandschutzelemente bestellt?

Dr. Leuschel: Ich nenne mal den Idealfall: Wir haben vollständige Pläne, in denen die Türen eingezeichnet sind, und zweitens haben wir Errichterdokumente für jede einzelne Türe. Wir hatten weder noch. Wir hatten Pläne, die in der Erstellung waren; die Türen waren in den allerwenigsten Fällen eingezeichnet.

metallbau: Wie haben Sie darauf reagiert?

Dr. Leuschel: Wir haben unseren Auftraggebern angeboten, dass wir zu 2.600 Türen die Zulassungen besorgen. Dabei konnten wir viele Zulassungen mehrfach einbringen.

Dolezel:  Der Missstand bei Dokumentationen liegt bei vielen Gebäuden vor. Den Betreibern liegen nur selten die Zulassungen und Montageanleitungen ihrer Brandschutztüren vor, auch wenn sie diese vorhalten müssen. Es findet nur selten eine Abnahme mit Einweisung und Übergabe der Dokumente statt.

metallbau: Sie haben die Dokumentation für die Brandschutztüren neu geordnet?

Dr. Leuschel: Alle Türen sind mit einem QR-Code versehen worden. Und es wurden für alle Türen die Geodaten mit Höhe (Stockwerke) eingegeben. Damit sind die Türen digital für 3D-Pläne vorbereitet. Die Universität möchte die Türanlagen ins SAP-System integrieren, zusätzlich können wir ein digitales Sprachprotokoll zu jeder Türe vorhalten.

metallbau: Welche Daten können denn auf dem QR-Code nachgelesen werden?

Dr. Leuschel: Auf dem QR-Code ist nur die Türnummer hinterlegt. In der Excelliste finden sich dann weitere Parameter zur jeweiligen Türnummer. Für Sachkundige, die die Türen warten, ist geplant, dass sie sich über den QR-Code einchecken und ihre Tätigkeiten / Feststellung mittels Wartungssoftware dokumentieren.

metallbau: In welchem zeitlichen Abstand sollten Brandschutztüren geprüft werden. Wie lauten Ihre Empfehlungen?

Dr. Leuschel: Für Türen in Verkehrswegen sollten die Tätigkeiten umfänglicher erfolgen, das gilt besonders für Türen in Hauptverkehrswegen. Darunter fallen z.B. Haupteingangstüren, die neben hoher Frequentierung auch jährlichen Witterungsschwankungen unterliegen. An Technikraumtüren, die sporadisch und noch dazu nur von eingewiesenem Personal betätigt werden, können die Wartungen weniger umfänglich erfolgen.

metallbau: Aber empfehlen nicht die meisten Hersteller pauschal eine jährliche Wartung?

Dr. Leuschel: Ja, dieser Grundsatz besteht, der bauleitende Architekt oder der Objektverantwortliche könnte jedoch differenzierte Wartungsvorgaben für Brandschutztüren und Eingangstüren vorgeben.

Dolezel: Die fachspezifische Kompetenz dafür hat dieser meist nicht. Deshalb werden die nutzungsspezifischen Wartungszyklen häufig erst dann sinnhaft festgelegt, wenn es mal Probleme mit der Türe gibt. Für eine Eingangstüre an einer Schule mit über 1.300 S chülern sollte der Hausmeister geschult sein, die Türen täglich zu überprüfen. Normalerweise sind die Zubehörteile wie Panikschlösser und -beschläge, Obentürschließer, Elektrotüröffner und Türbänder für solche Türen von den jeweiligen Herstellern nur auf 25.000 bis 500.000 Zyklen geprüft. Rechnen Sie mal kurz, wann die bei 1.300 Schülern erreicht sind. Die Prüfungen finden nur unter Laborbedingungen statt, die aber nicht mit der Realität vergleichbar sind.

metallbau: Welche Türen haben sich bei Ihrer Begehung als besonders robust erwiesen?

Dolezel: Im Innenbereich sicher Holzbrandschutztüren, aber diese werden weniger in Verkehrswegen eingebaut. Dort werden wegen erhöhter Anforderungen vor allem Profilrahmentüren mit Glas eingesetzt. Diese hatten die meisten Mängel resultierend aus der wesentlich höheren Nutzungsfrequenz. Aluminiumelemente sind nicht so haltbar wie Stahl.

metallbau:  Wie bewerten Sie Stahlblechtüren?

Dr. Leuschel: Stahlblechtüren sind hervorragend, wenn es nicht auf die Optik ankommt, beispielsweise beim Einsatz für Technikräume. Stahlblechtüren sind wesentlich günstiger als Stahl-, Aluminium-, Holztüren.

Dolezel: Wobei für Stahlblechtüren gilt: Die Türen älteren Baujahres wurden mit dickerem Stahlblech gebaut und sind deshalb robuster als die ab Baujahr 1990, bei denen die meisten mit 0,7 mm Blech gefertigt sind. Stahlrohrrahmentüren mit Verglasung sind robuster.

metallbau: Dass die Hersteller der Brandschutztüren und Komponenten die Vorgaben des DIBt beachten, ist selbstverständlich?

Dolezel: Nein, beispielsweise gibt es eine DIBt-Vorgabe, dass ein elektronischer Beschlag eine Zulassung haben muss, die über den Zulieferer an den Türbauer mit dem Auftrag weitergereicht wird, dass diese als Anlage bei der Inbetriebnahme mit an die Tür gehängt werden soll. Aber die Türe wird mit einem FS-Standardbeschlag- und --schloss ausgeliefert. Damit ist die Zulassung der Türe erfüllt. Der Türhersteller macht nur die Bohrungen für den Elektronikbeschlag. Die Funktion des E-Beschlages wird nicht geprüft.

metallbau: Konkret heißt das, der Türbauer/Errichter ist verantwortlich für den Einbau unzulässiger Beschläge, die ihm vom Hersteller als falsches Zubehör mit der richtigen DIBt-Zulassung mitgeliefert werden.

Dolezel: Ja, schlussendlich ist der Türbauer in der Haftung. Er muss die Fachkunde vorhalten, Fehler der Türhersteller zu identifizieren und zu korrigieren. Das ausführende Geschäft ist aber derart unter Druck, dass viele Monteure weder die Zeit noch die Fachkenntnisse aufbringen, Fehler der Hersteller zu bemerken, im Gespräch zu klären und dann in einem neuerlichen Anlauf die Tür entsprechend den Vorgaben zu installieren.

metallbau: Wie ist das mit nachträglichen Änderungen an den Türen, dafür gibt es doch im Brandschutz Vorgaben?

Dolezel: Es gibt allgemeine Vorgaben vom DIBt, aber schlussendlich geht es um eine Absprache mit dem Zulieferer der Systemtüre. Er kann jederzeit in persönlicher Absprache schriftlich individuelle Änderungen genehmigen. Als Alternative würde meist nur der Einbau einer neuen Türe bleiben – das empfiehlt natürlich der Vertrieb.

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 03/2021 Interview

Günter Dolezel, Sachverständiger

„Corona ist kein Nachteil für Beschuldigte!“

metallbau: Wie beeinflusst die Corona-Krise Ihre Arbeit als Sachverständiger? Günter Dolezel: Ich arbeite hauptsächlich für Staatsanwaltschaften und Gerichte. Diese Arbeit ist geprägt von...

mehr
Ausgabe 5/2016

Der ganz normale Wahnsinn

Gutachter bilanziert Leistungsverzeichnis

Bei der Ausschreibung mit Leistungsverzeichnis geht es um den Auftrag „Instandsetzung von Brandschutztüren“ in der Stadtwerkszentrale München. Der Bauherr, die Stadtwerke München, ermöglichte...

mehr
Ausgabe 03/2024

Whistleblower-Gesetz 

„Was ist das denn?“ Das hat mich unlängst ein Metallbauer gefragt, der 77 Mitarbeiter beschäftigt. „Schon wieder etwas Neues?“ Ja, seit Dezember 2023 ist das Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG)...

mehr
Ausgabe 06/2013 Hohe Verantwortung für Sicherheit

Vorsicht Brandschutzelemente

Die Notwendigkeit von Brandschutzelementen hat sich besonders deutlich bei der Feuerkatastrophe auf dem Düsseldorfer Flughafen 1996 gezeigt. Durch verschiedene Fehler und Nachlässigkeiten, unter...

mehr
Ausgabe 11/2014

Elemente für Zutrittskontrollsysteme

Motorschlösser werden in Verbindung mit Drehtürantrieben meist in öffentlichen Gebäuden oder an Eingangstüren verwendet. Die Fallenriegel der selbstverriegelnden Motorschlösser für ein- und...

mehr