Ein Statement zur Zeitenwende

von Thomas Wurst (Teil II)

Der Stahlbauunternehmer aus Bersenbrück gibt die Energiewende angesichts von drohender Rezession oder Ukraine-Krise nicht verloren, sondern sieht sie stärker denn je in den Händen von Investoren und Unternehmen. Angesichts steigender Preise und sinkender Gewinne werden jedoch die Hürden, um die Klimaziele zu erreichen, immer höher. Erschwerend kommt hinzu, dass die finanziellen Rahmenbedingungen die alten sind.

Nach wie vor sind Unternehmen gezwungen, Gewinne zu machen: Profit, koste es, was es wolle. Bei den Banken zählt nur Wachstum und Gewinn – kurzfristiges Gewinnstreben wird mit günstigen Rating-Konditionen belohnt.

Für ein adäquates Management der Klimarisiken im Kreditportfolio sind Klimaaspekte im Kreditvergabeprozess zu berücksichtigen, die dann auch Grundlage für Anpassungen im Management des Kreditportfolios / des Intergrated Risk Management sein können. Dies ist eine offene Flanke, die bislang von den meisten Kreditinstituten weder als Problem wahrgenommen noch angegangen wurde. Werden aber bei der Bewertung der Bonität eines Unternehmens Klimarisiken nicht (adäquat) berücksichtigt, können diese in der abschließenden Einschätzung ihrer Zahlungsfähigkeit / Ausfallrisikoklasse nicht einfließen.

Unternehmen erhalten also systemisch bedingt bessere Ratingnoten als bei Einbezug von klimabezogenen Risiken. Langfristig wird sich dieses durchschnittlich zu gering eingeschätzte Risiko bemerkbar machen, indem stärker, als statistisch zu erwarten wäre, Kreditausfälle und/oder Wertverluste bei Kreditsicherheiten beobachtet werden. Bei signifi­kanten klimabezogenen Ereignissen (z. B. Wetterextrema) können sich darüber hinaus Klumpenrisiken bemerkbar machen, die im gesamten Finanzmarkt zu einer Destabilisierung führen. Zudem finden Investitionen gegen Klimarisiken bislang überhaupt keinen adäquaten Eingang in die Bewertung.
Damit nicht genug: Die ersten Investoren und Fondsmanager, die jetzt nachhaltige Anlagen für sich entdecken, können überhaupt nicht angemessen beurteilen, ob ein Unternehmen klimafreundlich oder nachhaltig handelt. Die Unternehmen wissen oft selbst nicht einmal, wie hoch ihre CO2-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette sind. „Wir stehen alle noch am Anfang. Tatsächlich ist momentan mehr Geld als Wissen im Markt“, sagt James Hulse, Gründer des weltweit ersten Klimawandel-Hedgefonds.

Thomas Wurst meint, mit den bisherigen Glaubenssätzen zu Gewinn und Wachstum sei die Zeitenwende nicht zu schaffen. Er plädiert für ein anderes Verständnis von Wirtschaft, und zwar jetzt sofort. So richtet sich das Unternehmen Wurst Stahlbau bereits am Modell ökologisch-soziale Marktwirtschaft aus. „Das althergebrachte System der Unternehmensbewertung muss sich von einem finanzgetriebenen, profitzentrierten Zahlenwerk zu einem Total-Value-Ansatz wandeln, der gesellschaftliche und ökologische Faktoren einrechnet“, sagt Thomas Wurst, der zusammen mit seinen Brüdern Michael und Christian das Unternehmen mit 250 Mitarbeitern führt.

In Konsequenz müssen alte Paradigmen umfassenden Reformen weichen; neue Glaubenssätze in die Köpfe Eingang finden. Die Arbeit am Mindset sieht er als grundlegende Voraussetzung dafür, dass die Zeitenwende gelingt. Wurst fordert zunächst den Abschied von vier traditionellen Glaubenssätzen, die nach Ansicht der drei Unternehmer-Brüder fatale Folgen haben und die drängende Zeitenwende blockieren.

1. Glaubenssatz: Das größte unternehmerische Ziel ist das Streben nach Gewinnmaximierung. Wachstum im Sinne von immer mehr ist der Motor der Wirtschaft. Das ist nicht nur old school, sondern angesichts des Klimawandels und der katastrophalen Auswirkungen des russischen Angriffskrieges unverantwortlich. Die Mär vom nie endenden Wachstum hat den Klimawandel und die damit verbundenen Aggressionen erst hervorgebracht.

Ein Unternehmen, das „nur“ die CO2-Emissionen herunterfährt, aber das Lohngefälle in Schwellenländern gnadenlos ausnutzt, hat vielleicht eine gute Umweltbilanz, aber ist es auch menschlich? Profit auf Kosten anderer — gehe gar nicht. Wie wäre es mit einer schwarzen Null?!

„Gewinn ist, wie jedes Partikularinteresse, der Gegenstand der ethischen Abwägung, nicht die Maßgabe, nach der konfligierende Ansprüche zu berücksichtigen wären. Darum ist es falsch, Gewinn zum Prinzip des Handelns zu erheben [...]).“ (Thielemann/Weibler 2007a, 185).

2. Glaubenssatz: Mehr bringt mehr: Die Mär von der Stückkostendegression. Das Gesetz der Massenproduktion von 1910 besagt, dass bei zunehmender Produktionsmenge die Kosten pro Stück sinken, weil sich die fixen Kosten auf eine größere Stückzahl verteilen.

Die Fixkostendegression — legendär durch die „Billig“-produktion der „Thin Lizzy“ am Band (Fordismus) — ist heute der Grund für die Überkapazitäten und die daraus resultierenden Rabattschlachten — auch in der Stahlbranche. Die Stückkostendegression hat in übersättigten Märkten längst abgewirtschaftet. Produktionssteigerung um jeden Preis — dieser Zwang zu immer mehr kann mittels Digitalisierung ausgehebelt werden.

Der Stückkostendegressionseffekt (Economie of Scale) spielt bei einer digital gesteuerten Fertigung unter Einsatz von KI keine Rolle mehr. Die Entwicklung digitaler Güter zeichnet sich zwar durch hohe Entwicklungskosten aus, ermöglicht aber eine Abkehr vom skaleneffektbasierten Zwang zu einem hohen Produktionsausstoß. KI ermöglicht eine wirtschaftliche, effiziente Produktion ab Losgröße eins. Wurst Stahlbau hebelt das Gesetz der Massenproduktion dort bereits mittels KI aus – es müssen keine hohen Stückzahlen mehr produziert werden, um Skaleneffekte (Stückkostendegression) zu erreichen. Der ökonomische Zwang zu hohen Stückzahlen ist somit Geschichte. Die effiziente Zusammenarbeit von Menschen und intelligenter Maschine werden das Dilemma der Stückkostendegression auflösen.

Von welchen traditionellen Glaubenssätzen sich Unternehmer noch distanzieren sollten, lesen Sie in metallbau 11/2022.

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