Interview

Bernhard Mensen, Architekt

Zur Kooperation von Architekt und Metallbauer

Traditionell ist die Zusammenarbeit von Architekten mit Handwerkern und ausführenden Betrieben von diversen Ressentiments und Vorbehalten geprägt. Die Redaktion metallbau hat einmal die Seiten gewechselt und den Architekten Bernhard Mensen nach seiner Einschätzung befragt.

metallbau: Herr Mensen, beginnt Ihrer Einschätzung nach eine Kooperation zwischen Metallbauunternehmen und Architekten erst mit der Vergabe oder gehen dieser oft informelle Vorgespräche voraus?

Bernhard Mensen: Das hängt stark von den Anforderungen der Baumaßnahme ab! Wenn die Aufgaben sehr komplex und schwierig werden, differiert das stark! Wir als Planungsbüro müssen uns natürlich mit allen Projektdetails beschäftigen, von der Kellergründung über Toilettenschüsseln bis hin zur Dachpfanne. Und natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen ein spezifisches Gewerk deutlich mehr Fachkenntnis hat, als wir selber! Logischer Schluss ist, dass wir immer dann, wenn außergewöhnliche Aufgaben zu lösen sind, die entsprechenden Fachleute befragen. Das sind für uns in erster Linie qualifizierte Handwerker. Dabei schätzen wir besonders die erfahrenen Generalisten, die in der Lage sind, über den Tellerrand ihres eignen Gewerkes hinauszuschauen.

metallbau: Wie eng ist die konstruktive Lösung beispielsweise einer Fassade mit der Auswahl eines konkreten Produkts verquickt?

Mensen: Wir als Planungsbüro suchen erst einmal nach einer optimalen, konstruktiven Lösung für das bauliche Problem und sehen uns erst dann nach Herstellern oder Produkten um! Wir präferieren keine Marken oder Produkte. Zudem sprechen Sie gerade einen Architekten an, der immer wieder Dinge neu entwickelt gerade beim Stahlbau! In Ihrem Fachmagazin sind im letzten Jahr zwei Artikel über unsere Arbeit erschienen, die jeweils über lange Zeiträume gingen und diesen Planungsansatz gut verdeutlichen:  Über den Turmspitzenersatz am Sendener Wasserschloss (Ausgabe 12/2019) und über die Rekonstruktion der historischen Stahlfenster am LWL Landeshaus in Münster (Ausgabe 3-4/2019). Insbesondere zu Letzteren sind viele Details und spezifische technische Lösungen in direkter Zusammenarbeit mit dem Entwicklungslabor des Stahlfensterbauers Jansen entwickelt worden. Sie wurden zunächst als Mock-up 1:1 gebaut und gingen erst danach in die Produktion. Zugrunde lag dem eine sehr intensive Auseinandersetzung mit den technischen Möglichkeiten, um auszuloten, was möglich ist und was nicht! Wir kommen oft an die Schnittstelle, wo wir uns zuerst den Rat holen von Fachberatern, von Stahlbauern, von Fassadenbauern und auch von Schmieden, um dann weiterzuplanen und so zu guten Lösungen zu kommen. Und diese Beratungen haben natürlich auch immer etwas mit der Qualifikation der jeweiligen Fachhandwerker und Fachbetriebe zu tun!

metallbau: Wie unterscheidet sich der Grad der planerischen Detaillierung bei einzelnen Projekten, insbesondere zwischen öffentlichen und privaten?

Mensen: Die Planungstiefe hängt stark von den jeweiligen Anforderungen ab, die eine unterschiedliche Detaillierung erfordern. Wie erwähnt, arbeiten wir häufig bei Projekten mit 1:1-Modellen. Zum privaten Bereich kann ich nichts sagen, die haben wir nur sehr selten im Portfolio.

metallbau: Sie entwickeln mit einem Metallbauer jeweils ein Mock-up und entscheiden gemeinsam, wie man es machen kann?

Mensen: Genau! Das machen wir sehr häufig. Wir bauen aber nicht nur Schlüsseldetails, sondern vorzugsweise ganze Musterachsen! In dieser liegen dann beispielhafte Fenster, Türen und auch Tore, aber auch zu sanierendes Mauerwerk, neue Putzflächen und Fußböden: Und das macht Sinn! So wissen alle im Bauverlauf, wohin die Reise geht und jeder Handwerker kann beliebig oft zwischendurch nachschauen, um sich an den dort festgelegten Zielmarken zu orientieren. Das hat den Vorteil, dass damit der Interpretationsspielraum der Ausführung deutlich einschränkt wird. Etwas, was gerade bei öffentlichen Projekten ein riesiges Problem darstellt! Und weil jeder sieht, was für ein Ergebnis angestrebt ist, verliert man auch weniger Zeit, etwas zu monieren oder nachzuarbeiten. Eine Terminpünktlichkeit sowie Preissicherheit wird damit deutlich erhöht.

metallbau: Haben Sie festgestellt, dass gerade im Fassadenbau öfters Fristen gesetzt werden müssen als in anderen Gewerken?

Mensen: Terminplanung ist aktuell in allen Gewerken sehr schwierig! Derzeit ist es so, dass eigentlich vieles im Zusammenhang mit China oder Fernost steht. Und durch die Corona-Pandemie sind die weltweiten Lieferketten einfach unter- bzw. zusammengebrochen. Da fehlen auf einmal Bauteile von Wärmepumpen, von Solartechnik, von Schalterprogrammen − von allem Möglichen! Damit entstehen riesige Terminengpässe!

metallbau: Gibt es langfristige Kooperationen, auf die man als Architekt immer wieder gerne zurückkommt? Oder wählen Sie immer wieder neu aus?

Mensen: Natürlich gibt es langfristige Kooperationen, die auf gemeinsamen guten Erfahrungen beruhen! Wir haben sehr viele Projekte im Bereich Denkmalschutz, mit häufig sehr spezifischen und sehr hohen Anforderungen. Hier spielt es eine erhebliche Rolle, dass wir Firmen bekommen, die personell und vom Können her in der Lage sind, die jeweiligen Aufgaben umzusetzen  − und nicht erst auf der Baustelle anfangen zu experimentieren, ob und wie sie es dann irgendwie wohl hinkriegen!

Insofern arbeiten wir mit sehr vielen kompetenten, versierten und erfahrenen Firmen immer wieder gerne zusammen. Aber feste Bindungen gibt es gar nicht: Wir sind freie Architekten und legen großen Wert auf unsere Unabhängigkeit! Es gibt Firmen, die wir im Rahmen einer Direktvergabe oder bei beschränkten Ausschreibungsverfahren empfehlen würden, aber das ist bei öffentlichen Ausschreibungen  so nicht möglich, da hier nur der Preis zählt und die Qualität allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Wenn bei öffentlichen Ausschreibungen eine Vorauswahl mittels Referenzen zur Qualität der Firmen und deren Arbeit eingeführt werden könnte, so wäre das ein erster wesentlicher und sehr wirkmächtiger Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit und zu deutlich mehr Qualität.

metallbau: Was macht denn für Sie eine gute Erfahrung mit einem Metallbauunternehmen aus?

Mensen: Das fängt damit an, dass für uns erkennbar wird, dass jemand mit einer großen Leidenschaft sein Gewerk betreibt. Wenn dann nicht nur die Leidenschaft zu sehen ist, sondern seine fach- und materialtechnische Kompetenz erkennbar ist: perfekt!

Diese Haltung ist uns deutlich sympathischer, als wenn jemand versucht, uns irgendwelche Produkte anzupreisen, die dann in fragwürdige Lösungskonzepte hineinquält werden sollen. Ohne ausgewiesene Fachleute werden auch erfahrene Architekten kein bautechnisches Problem nachhaltig lösen können! Kompetenz erkennt man schon nach den ersten Gesprächen. Man spürt, ob da Substanz ist, ob es eine Arbeitsgrundlage gibt, auf der man gemeinsam Dinge weiterentwickeln kann!

metallbau: Gibt es auf der anderen Seite eine typische Metallbauerkrankheit? Dinge, die ein Metallbauer optimieren könnte, damit eine Kooperation mit Architekten noch besser läuft?

Mensen: Eine typische „Metallbauerkrankheit“ ist die Genauigkeitsschleife, in der dieses Gewerk arbeitet, arbeiten muss. Die ist aber bezogen auf das gesamte Objekt und im Zusammenspiel mit anderen Gewerken nur sehr schwer durchzuhalten. Ein Metallbauer arbeitet in einer Genauigkeit unter einem Millimeter, während viele andere auf dem Bau noch nicht einmal wissen, was ein Zentimeter ist: Aus dem mangelnden gegenseitigen Verständnis für die jeweilige Arbeit der anderen erwachsen regelmäßig Probleme in der Zusammenarbeit!

metallbau: Es ist aber in der Verantwortung eines Architekten, irgendwelche Ausgleichsmöglichkeiten oder Toleranzen zu berücksichtigen und einzuplanen, oder?!

Mensen: Genau! Das ist ja auch eine zentrale Aufgabe von Architektur und Ausführungsplanung. Es gilt nicht nur die einzelnen Befähigungen, sondern auch die individuellen Befindlichkeiten zusammenzuführen! Das fängt in der Erde an und hört beim letzten Dachziegel auf!

metallbau: In welchen Bereichen können Metallbauer und Architekten auf Augenhöhe arbeiten und wo geht das gar nicht?

Mensen: Das kann ich so gar nicht beantworten! Ich finde, wenn man die einzelnen Fachkompetenzen sieht, sich gegenseitig respektiert und damit umgeht, dann kann eine Zusammenarbeit eigentlich immer nur gut und fruchtbar sein!

metallbau: Man könnte auch sagen, was zählt, ist der gegenseitige Respekt vor der Arbeit des anderen?!

Mensen: Ja! Allerdings muss man manchmal auch feststellen, dass eine Kommunikation zwischen Handwerkern, Ingenieuren und Architekten vorgeschädigt ist! Das lässt sich oftmals lösen, wenn man an einem konkreten Projekt gemeinsam arbeitet, Dinge gemeinsam entwickelt und es dann gemeinsam umsetzt! Man kann aus dem gegenseitigen und fachübergreifenden Respekt aber nicht einfach eine Regel machen! Entscheidend sind vielmehr die Umgangsformen, der gegenseitige Respekt und die Anerkennung durch den anderen. Es ist mehr eine Frage einer gemeinsamen Arbeitsauffassung, der gegenseitigen Wertschätzung und vor allem ist es eine Frage der Haltung.

Info & Kontakte

Architekt Bernhard Mensen vom Büro Mensen + Zora in Münster hat zum Beispiel mit dem Betrieb Lindenschmidt Stahl- und Metallbau die Turmspitze vom denkmalgeschützten Schloss Senden saniert. Es handelt sich um eines der zahlreichen Wasserschlösser im Münsterland.
www.schloss-senden.de

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