Digitalisierung

Jede CAD-Datei in 3D

Schumacher setzt auf Digitalisierung

Die Schlosserei Schumacher aus der Pfalz ist ein Paradebeispiel für einen digitalen Handwerksbetrieb. Jedes noch so kleine Bauteil wird als CAD-Datei digital in 3D angelegt. Die Verwaltung wanderte längst in die Cloud. Ein ziemlicher Aufwand, der sich aber nicht erst seit Corona auszahlt.

So wie Christian Schumacher geht es wahrscheinlich vielen Söhnen, die in den väterlichen Betrieb einsteigen. Irgendwann beginnen sie darüber nachzudenken, was man vielleicht einmal besser machen könnte als der Senior. Für  Schumacher, der schon mit 16 im kleinen Schlossereibetrieb seines Vaters Bruno anfing, war es spätestens während der Ausbildung zum Metallbauer soweit. Dann lernte er am PC per Software zu konstruieren. „Mein Vater ist natürlich schon lange aktiv, der arbeitete noch ganz klassisch mit Papier und Stift”, sagt er.

„Da ich aber mit digitalen Medien und Werkzeugen aufwuchs, sah ich natürlich sofort die Vorteile, die eine CAD-Datei gegenüber klassischen Plänen bietet.” Große Argumente waren für Schumacher die besseren Möglichkeiten zur Dokumentation von Aufträgen und die daraus folgende höhere Nachverfolgbarkeit, was potenziell komplexere Projekte ermöglicht. Also wagte Schumacher, inzwischen ausgestattet mit seinem Meistertitel, vor vier Jahren einen Vorstoß, um die Schlosserei Schumacher für die digitale Konstruktion zu öffnen. Zum Glück stieß er auf offene Ohren. „Mein Vater ist da total uneitel”, erzählt er. „Er hat mir sofort geglaubt, dass das eine gute Idee wäre. Und da er selbst zugibt, von Computern keine Ahnung zu haben, ließ er mich einfach machen.”

Schritt für Schritt in die digitale Welt

Schumachers erste Anschaffungen: eine 2D-CAD-Software für die Konstruktion sowie ein Programm für die Angebotserstellung. Als einziger Digital Native im Betrieb übernahm er die komplette Handhabe. Der Erfolg sprach schnell für sich. „Alle sahen, dass das unsere Abläufe deutlich beschleunigte”, erinnert sich Schumacher. „Auch wenn die Übertragung von Plänen in CAD zum Projektstart etwas Zeit kostet, erweist sich mit dem niedrigeren Verwaltungsaufwand im Anschluss dieses Investment als sehr rentabel.” Die Folge: Die Schlosserei Schumacher konnte mehr Aufträge annehmen, die zugleich komplexer waren − gut für den Umsatz.

Allerdings reichte für derartige Projekte die 2D-Software bald nicht mehr aus, sodass Schumacher schnell auf die 3D-Lösung HiCAD umstieg. Was allerdings nur zur Folge hatte, dass noch mehr, noch komplexere Aufträge hereinkamen. Der Kundenstamm erweiterte sich stetig um Industrieunternehmen, Gemeinden, Architekten und auch Privatpersonen − die Aufträge waren immer breiter gefächert. Das Auftragsvolumen erreichte schon 2017 Ausmaße, die Schumacher nicht mehr allein bewältigen konnte. Die Schlosserei musste sich vergrößern, vor allem mit Menschen, die CAD-Programme beherrschten.

Vom Schlosser zum Projektleiter

Léon Kriebel war der erste Mitarbeiter der Schlosserei Schumacher, der vor allem wegen seiner digitalen Kompetenz angestellt wurde. Eine Sportverletzung hatte seiner Fußballerkarriere einen Riegel vorgeschoben, die freigewordene Energie hatte er genutzt, um sich das von Schumacher dringend benötigte Konstruktionswissen zu erarbeiten.

„Eigentlich wollte ich mich zwei, drei Tage in der Woche um die CAD-Dateien kümmern und sonst selbst in der Produktion tätig werden”, erinnert er sich. Doch daraus wurde nichts. „Ich war schon bald Vollzeit-Konstrukteur.”

Ein typisches Beispiel für seine Tätigkeit ist eine zweistöckige Balkonanlage, die er kürzlich umsetzte. Fünf Tonnen Gesamtgewicht trafen hier auf eine Unzahl von Anschlusspunkten, Konsolen, Bohrungen und Stegblechen. „So etwas ließ sich früher gar nicht im Voraus planen”, sagt Kriebel. „Da musste ein Betrieb wie wir teilweise spontan entscheiden, wie sich Baupläne in die Realität umsetzen lassen. Das sorgte natürlich für viel Unsicherheit, die mitunter zu Baufehlern führte oder die Kosten explodieren ließ.” All das verhinderte Kriebel durch seine CAD-Zeichnungen. Mechanische Ungereimtheiten sah er sofort, Arbeitszeiten und Materialbedarf konnte er passgenau planen.

Schumacher versteht nicht, warum nicht längst jeder Betrieb mit 3D-CAD-Programmen arbeitet. „Ich glaube, viele scheuen sich vor dem Aufwand für den Start, bevor auch nur ein Loch gebohrt wird”, vermutet er. „Aber wir sehen einfach, dass unsere Kunden es schätzen und unsere Angebote in ihrer Größenordnung genau zu den geleisteten Arbeiten passen.” Trotz aller digitalen Abläufe gehört zur eigentlichen Auftragsabwicklung natürlich allerhand analoges Gerät − aber auch das kann sich im Falle der Schlosserei Schumacher sehen lassen. Auf der hauseigenen Plasmaanlage schneidet Kriebel auch Brennteile von sechs auf zwei Metern aus. Und trotzdem, ein Prozessschritt bremste regelmäßig: Für manche Bauteile benötigten Kriebel und Co. blechbearbeitende Zulieferer und konnten sich in diesen Fällen nicht mehr nur auf die eigene Kompetenz verlassen.

Schlosserei trifft Start-up

Der externe Zukauf von Bauteilen war ein Prozess, der Kriebel keinen Spaß machte: „Dieses ganze manuelle Dateiverschicken und die anschließende Warterei aufs Angebot hat nicht dazu gepasst, wie wir gerne arbeiten.” Aber auch dafür fanden die findigen Schlosser eine neue, innovative Lösung. Sie stammte ausgerechnet aus einer Welt, die auf den ersten Blick nichts mit dem traditionellen Schlosserei-Gewerbe zu tun hat: der schnelllebigen Start-up-Szene. Fündig wurde Kriebel passenderweise auf Instagram, eigentlich doch eher die Heimat von Fitnessmodels und Lifestyle-Influencern statt des Metallbaus. Beim alltäglichen Durchscrollen blieb Kriebel beim Beitrag des Unternehmens Laserhub hängen.

Das Stuttgarter Start-up betreibt eine sogenannte Beschaffungsplattform, also ein Internetportal, auf dem es die Leistungen mehrerer Dutzend Metallbearbeiter in Deutschland und Österreich bündelt. Ein schlauer Algorithmus sucht für jede Anfrage für Laser-, Biege- und Rohrteile den passenden Produzenten heraus. Kriterien sind die Vertrautheit mit Material und Bearbeitungsverfahren, vorhandene Maschinenkapazität und auch örtliche Nähe für einen möglichst geringen Logistikaufwand. Um diesen Service zu nutzen, müssen Auftraggeber lediglich die entsprechenden CAD-Dateien vorweisen können. Also geradezu Vorhersehung für die Schlosserei Schumacher.

„Ich habe das dann einfach mal selbst ausprobiert. Und ja, der Workflow passte einfach perfekt zu uns. Ich wusste in wenigen Sekunden, was meine Teile kosten würden und wann ich sie geliefert bekommen könnte”, sagt Kriebel. Diese Kalkulationen nutzte Schumacher für seine Angebote, die so noch einmal eine Stufe präziser wurden. Und da die Qualität der ersten Lieferungen stimmte, deckt Kriebel mittlerweile seinen gesamten externen Blechbedarf über die Laserhub-Plattform. „Gerade Aluminium schneiden wir selbst nicht gerne, das gebe ich jetzt mit gutem Gewissen nach draußen.” Er schätzt, dass er im Monat gut 15 Stunden Arbeit auf diese Weise spart. Und eines haben wir gelernt, wenn es um die Schlosserei Schumacher geht: Mehr Effizienz bedeutet auch mehr Arbeit. Deswegen hat Kriebel (mittlerweile trägt er den Titel des Projektleiters) dieses Jahr einen neuen Kollegen bekommen. Jetzt kümmert sich Ricardo Ganster um das Thema Konstruktion.

Die Cloud auf der Baustelle

Christian Schumacher, der Junior-Chef, widmet sich mittlerweile vor allem den betriebswirtschaftlichen Abläufen. Mit ebenfalls digitalen Folgen. Zum Beispiel liegen alle Auftragsdokumente mittlerweile nicht nur auf der lokalen Festplatte, sondern auch in der Cloud.

„Statt eines Waschkorbs voller Leitz-Ordner genügt mir deshalb ein Tablet, das ich mit zu Terminen auf der Baustelle nehme”, sagt er. „So habe ich durch unsere gut organisierte Ablage sofort alle Informationen zur Hand, wenn Fragen entstehen.” Noch ein Faktor mehr, der dazu führte, dass Schumacher mit gefülltem Auftragsbuch gut gerüstet war für die Corona-Zeit. “Bislang hat unser Betrieb die Entwicklungen sehr gut überstanden”, beschreibt er. „Wir bekommen auch weiterhin ausreichend Aufträge rein. „Es zahlt sich aus, wenn sich herumgesprochen hat, dass wir Aufträge schnell und unkompliziert ausführen. Das gilt jetzt, wo wirklich jeder sparen muss, mehr denn je.“

Das Unternehmen

Die Schlosserei Schumacher wurde 1988 im pfälzischen Hauenstein von Bruno Schumacher gegründet. Mittlerweile zählt das Unternehmen zwölf Mitarbeiter und verantwortet Stahl- und Metallbauprojekte in diversen Größen. Nicht zuletzt durch den Einstieg von Sohn Christian Schumacher als Geschäftsführer ist der Betrieb konsequent den Weg der Modernisierung gegangen. Sowohl in der Verwaltung als auch in der Fertigung wird mit modernen Werkzeugen und Methoden gearbeitet. ⇥red◊

www.schlosserei-schumacher.de

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 10/2014

Glas Marte

Martin Feigl und Ing. Bernhard Feigl, Geschäftsführende Gesellschafter Glas Marte, Bregenz: „Wir beschäftigen am Standort Bregenz 300 Mitarbeiter. Unsere relevanten Produkte für den Metallbau...

mehr