Interview

Manuel Demel, ift Rosenheim

„Hybride Lüftungssysteme sind die Zukunft.“

Eine richtige Belüftung und eine sinnvolle Klimatisierung sind anspruchsvoller, als man zunächst denkt. Eine nutzerunabhängige Zwangslüftung heißt weit mehr, als ein paar Fensterfalzlüfter einzubauen. Die optimale Auslegung von Lüftungsgeräten und -systemen erfordert Fachwissen. Das ift Rosenheim veranstaltet dazu Schulungen, gibt die ift-Richtlinien LU-01 und LU-02 zu Fensterlüftern heraus und veröffentlichte vor Kurzem den ift-Lüftungsplaner.

metallbau: Wie findet der Fensterbauer die zum Raum bzw. Gebäude passenden Lüftungselemente?

Manuel Demel: Bei einer nutzerunabhängigen Zwangslüftung nach DIN 1946-6 wird zwischen ventilator-gestützter und freier Lüftung, zum Beispiel durch Fensterfalzlüfter, unterschieden. Dabei können sowohl zentrale oder dezentrale Systeme als auch kombinierte Lüftungssysteme sowie hybride Lösungen geplant und umgesetzt werden. Wichtig ist vor allem, den notwendigen Luftvolumenstrom im Blick zu haben.

metallbau: Wie wird dieser ermittelt?

Demel: Der Volumenluftstrom muss gemäß EnEV/GEG mindestens der Feuchteschutzlüftung entsprechen und wird vom Architekten oder Planer im Rahmen eines Lüftungskonzeptes ermittelt. Bei kleineren Projekten muss das eventuell der Fensterbauer übernehmen, also auch der Metallbauer oder Schreiner. Das hierfür nötige Fachwissen vermittelt das ift Rosenheim im Rahmen der Fortbildung zum Lüftungsplaner. Die Weiterbildung ist sehr praxisnah mit Übungen und Rechenbeispielen. Sie findet einmal pro Jahr statt, derzeit auch als Online-Seminar. Außerdem wird die ift-Lüfterrichtlinie LU-02 gerade überarbeitet und in Kürze erscheint ein elektronischer Lüftungsplaner als Ergänzung zur ift-Richtlinie.

metallbau: Das heißt, die lüftungstechnischen Maßnahmen können praxisnah ermittelt werden. Braucht das Fenster der Zukunft also gar nicht mehr öffenbar zu sein?

Demel: Nein, das glaube ich nicht. Jede Lüftungsstufe, ob als freie oder ventilatorgestütze Lüftung ausgeführt, wird immer von einer manuellen Lüftung durch das Fensteröffnen unterstützt werden müssen, um für eine entsprechende Luftqualität zu sorgen, insbesondere wenn sich viele Personen zur selben Zeit in einem Raum aufhalten.

metallbau: Warum sollte die ventilatorgestützte Lüftung nicht ausreichend sein?

Demel: Die Auslegung eines Lüftungssystems nach DIN 1946-6 basiert auf typischen Randbedingungen und muss genau bilanziert werden. Sonst kann es schnell unter- oder überdimensioniert sein. Es hängt vom regionalen Klima, kurzfristigen Wetterschwankungen oder Windereignissen genauso ab wie von der Raumnutzung und den Anforderungen an den Schallschutz. Auch die Einbausituation der Fensterlüfter und die Verteilung auf die Fassade sind Kriterien, die Energieeffizienz kommt als ressourcenschonendes Ziel dazu. Diese Merkmale beeinflussen wesentlich die Luftqualität, die Raumfeuchte und das Zugluftrisiko. Im Fokus der Planung sollte aber aus meiner Sicht als Bauphysiker auch der Mensch im Gebäude sein. Deshalb muss es zwischen den genannten Faktoren zu einem Gleichgewicht kommen und kann nicht allein durch Sensorik und Gebäudeautomation gesteuert werden. Bei einem modernen Auto greifen wir doch auch oft in die Technik ein und überlassen nicht alles der Klimaautomatik.

metallbau: Worauf wird es bei der sachgemäßen Lüftung in Zukunft also vor allem ankommen?

Demel: Wir haben zwar hochgedämmte, energieeffiziente Häuser, aber das Nutzerverhalten ist oftmals noch traditionell geprägt. So, als hätten wir nach wie vor undichte Fenster und Türen, die für einen ausreichenden Luftwechsel sorgen. Aber es ist falsch, die Lüftung allein voreingestellten Automatismen zu überlassen und das Fenster niemals per Hand zu öffnen. Im Fokus muss das Wohlbefinden des Menschen stehen.

metallbau: Welche Rolle spielen dabei beispielsweise Fensterfalzlüfter?

Demel: Sie haben eine Daseinsberechtigung, aber der Anwendungsbereich ist schmal. Es sind die Anwendbarkeit im System und die Wechselwirkungen zum Beispiel bei Zuluft und/oder Abluft zu bewerten. Feuchtwarme Raumluft kann man mit ihnen aber schwer nach außen bringen, insbesondere kann es zu Tauwasser, Verschmutzungen oder sogar Schimmelpilzbildung kommen. Fensterfalzlüfter machen in Kombination mit ventilatorgesteuerten Systemen Sinn und können sich als hybride Lüftungssysteme gut ergänzen.

metallbau: Wo geht Ihrer Meinung nach die Entwicklung hin?

Demel: Es gab in letzter Zeit keine bahnbrechenden Neuerungen, aber die Lüftungselemente und -systeme werden zunehmend in die Fenster integriert, das heißt, die Anzahl steigt, um höhere Volumenströme zu erreichen. Bei der Auswahl der passenden Systeme gilt es zu beachten, dass der Volumenluftstrom einen entsprechenden Auslegungsdifferenzdruck braucht. Ein niedriger Auslegungsdifferenzdruck führt bei hohen Luftwechseln schnell zu Grenzen und eventuellen Folgeschäden. Erforderlich wird ein Mix aus verschiedenen Lüftungsgeräten sein, der individuell zu den Randbedingungen passen muss. Also hybride Systeme mit der Zukunftsaussicht von sich selbst regelnden Gebäuden.

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