Verdeckt liegende Beschläge

Klare Sache – oder nicht?

Verdeckt liegende Beschläge sind der absolute Trend, sagen die Hersteller. Der Betrieb Gross Metallbau hat auch kritische Anmerkungen zu diesem trendigen Bauteil. Wir haben bei den Anbietern nachgefragt, wie der Stand der Technik ist und wie sich dieser in der Praxis abbildet.

Konsens ist, dass VL-Beschläge mittlerweile in allen Öffnungsarten zu finden sind – von der Eingangstür über Fenster bis hin zu Schiebetüren – und dass sie, wie Matthias Nagat, Leiter Produktanpassung/Sortimentsvermarktung bei Roto Aluvision sagt, den „Stand der Technik“ abbilden. So sind etwa Hebe-Schiebebeschläge oder einfache Schiebebeschläge in der Regel bis auf das Griffbedienelement grundsätzlich verdeckt liegend integriert, die Beschlagtechnik am geschlossenen Schiebeelement nicht sichtbar. Für Türen existieren verdeckt liegende Beschläge, neben den Türbändern, auch als Obentürschließer. Im Alufenster gibt es sie für die Öffnungsarten Drehkipp, Kippdreh und Kipp, für Stulpelemente, Klapp-, Senkklapp- und Parallel-Abstellflügel (Friktionsschere). In Oberlichtfenstern können verdeckt liegende Bänder ebenfalls zum Einsatz kommen, etwa in Verbindung mit dem für Dreh-Kipp- und Drehfenster konzipierten Roto AL Designo oder dem Ventus Oberlichtöffner von Gretsch-Unitas. Verdeckt liegende Bänder bei Rundbogen- und Schrägfenstern sind hingegen noch kein Thema. Dies liegt, sagt der G-U Produktmanager Paul Prunty, an der geringen Nachfrage und weil die Realisierung aufwändig und entsprechend teuer wäre. So gibt es schlichtweg noch keine VL-Bänder für Rund-/Schrägfenster am Markt.

Und auch für sogenannte Parallel-Kipp-Schiebesysteme gibt es nach Aussagen des Roto-Produktionsleiters aufgrund der komplexen Funktionsweise keine standardisierte verdeckt liegende Beschlagtechnik im Markt. „In öffentlichen Ausschreibungen ist ein verdeckt liegender Beschlag für Fenster und Schiebetüren nahezu schon ‘Gesetz‘ und zum Großteil vorgeschrieben. An Eingangstüren herrschen immer noch Rollenbänder vor“, führt er fort. „Große Objekte und öffentliche Neubauten sehen in der D/A/CH-Region, aber auch in Belgien und Polen für Aluminiumfenster fast ausschließlich nur noch verdeckt liegende Beschläge vor. Im Privatsektor gestaltet sich das zurückhaltender. Private Endnutzer auf den Mehrwert eines verdeckt liegenden Beschlags im Fenster aufmerksam zu machen, erfordert Beratung, die die Fensterhersteller oder die Fensterhändler vornehmen müssen.“

„Setzt sich langfristig durch“

Marvin König Castro, Produktmanager Beschlagsysteme bei Schüco International, geht „grundlegend davon aus, dass sich der verdeckt liegende Beschlag langfristig durchsetzen wird“. Seine Firma bietet deshalb schon jetzt die Dreh-Kipp-Fensterbeschläge ausschließlich verdeckt liegend an; bei Schiebetüren seien verdeckt liegende Beschläge bereits seitlangem Standard im Markt. Geringer sei, so König Castro, hingegen das Angebot an Beschlägen unter anderem in den Bereichen der (Hoch-)Sicherheitstechnik, bei Elementen mit hohen Gewichten und für außenöffnende Fenstertüren. Seiner Meinung nach liegt das jedoch eher am „Rückgriff auf vertraute technische Prinzipien, um ein ausgewogenes Kosten-Nutzen-Verhältnis zu erreichen“. Dass es aber technisch und wirtschaftlich möglich ist, Leistungssteigerungen zu erzielen, hat der Anbieter mit der Verschiebung der Lastgrenze von 160 kg auf 250 kg für seine verdeckt liegenden innenöffnenden Beschläge unter Beweis gestellt. Die Tatsache, dass bei dem Anbieter Profil- und Beschlagtechnik aus einer Hand kommen, spielt in diesem Zusammenhang sicherlich eine wichtige Rolle.

Warum verdeckt liegend?

Die Tendenz immer verringerter Ansichtsbreiten der Blendrahmenprofile führt dazu, dass in den Anschlussbereichen zwischen Öffnungselementen und angrenzenden Wandkonstruktionen immer weniger Platz vorhanden ist, um aufliegende Beschläge auf dem Profil befestigen zu können. Zusätzlich kommt es wegen der steigenden Anforderungen an Wärmedämmung zu größeren Bautiefen. „Insbesondere bei Fenstern verlagert sich der Schwerpunkt dadurch negativ zur Kipp-Drehachse. Ergebnis sind zu hohe Bedienkräfte, bzw. die Fenster fallen bei geringsten Luftbewegungen selbstständig zu“, erklärt der Schüco Produktmanager. Darum seien verdeckt liegend integrierte Beschläge durch die positivere Kipp-Drehachsen-Lage gegenüber den aufliegenden Lösungen im Vorteil, was heißt: Es lassen sich einfacher geringe Bedienkräfte und Barrierefreiheit realisieren als mit aufliegenden Lösungen. Der wesentliche Grund, sich für verdeckt liegende Beschläge zu entscheiden, ist aber gegenüber aufliegenden Beschlägen – und da sind sich Hersteller, Verarbeiter und Kunden einig – der optische Aspekt. König Castro: „Der Wunsch nach schlankem und ästhetisch ansprechendem Profildesign mit integrierten Funktionen ist ein wesentlicher Treiber für verdeckt liegende Beschläge.“

„Weniger Blendrahmenfreimaß“

G-U Produktmanager Paul Prunty begründet die Anwendung von verdeckt liegenden Bändern so: „Bei verdeckt liegenden Bändern braucht man weniger Blendrahmenfreimaß. Dadurch kann der Blendrahmen schmäler ausgeführt werden, was wiederum Kosten einspart, und für den Endkunden eine größere Glasfläche und somit mehr Lichteinfall bedeutet. Außerdem hat man bei einer verdeckt liegenden Bandseite bessere thermische Werte und, aufgrund der ununterbrochenen Dichtungsebene, eine höhere Dichtigkeit. Aus gestalterischer Sicht ist zudem bedeutend, dass die farbliche Anpassung der Bänder an das Fensterprofil entfällt.“ Dies wiederum habe für den Verarbeiter den positiven Effekt, dass keine Sonderfarben produziert und gelagert werden müssen – ein zusätzlicher Aufwand, der im Fall von sichtbaren Bändern gerade bei geringen Losgrößen negativ zu Buche schlägt. Außerdem seien verdeckt liegende Bandseiten durch das Ecklager-Paket gegenüber aufliegenden Bändern robuster. Ein wichtiger Vorteil für den Verarbeiter sei auch, dass VL-Bänder generell überschlagbreite- und banddurchgang-unabhängig sind. Auf das verdeckt liegende Band des Zentralverschlusses Alu-Jet CC610 bezogen, kann Prunty noch einen weiteren positiven Punkt benennen: So funktioniert das Einhängen des Flügels werkzeuglos und nur mit einer Person. Ein anschauliches Video hierzu ist auf YouTube (https://www.youtube.com/watch?v=OgtYh1tFSdk) anzusehen.

Die Firma, die für flächenbündige Aluminiumtüren ein nach eigenen Angaben weltweit erstes 180° öffnendes VL-Band entwickelt hat, ist Dr. Hahn. Falk Füllgraf, Leiter Anwendungstechnik, meint: „Für verdeckt liegende Bänder spricht neben dem Design, dass sie vandalismussicher im Inneren der Tür verbogen sind. Sie sind unanfällig gegenüber Umwelteinflüssen und können je nach Profil- und Bandausführung Lasten bis 180 kg abtragen. Alle anderen Anforderungen, zum Beispiel an die Justierbarkeit, stehen denen der Aufschraub- und Rollenbänder nicht nach.“

Montage

„Im Gegensatz zur aufliegenden Bandseite muss die Überschlagsdichtung bei verdeckt liegender Bandtechnik im Dreh-Kipp-Fenster vieler Profilgeometrien nicht mehr ausgeklingt werden“, meint Matthias Nagat. Damit entfällt ein Produktionsschritt in der Fensterherstellung. Und es bedeutet auch einen Mehrwert für den Fensternutzer, indem die Dichtung an keiner Stelle mehr unterbrochen wird. Wenn keine Bandtechnik aufliegt, kann auch keine Bandtechnik an ihrer Oberfläche zerkratzen oder durch Verstauben, Bruch und Verlust einer Abdeckkappe zum visuellen Ärgernis werden.

Allerdings müssen Monteure gesondert auf VL-Beschläge eingeschult werden. Zwingend gründlich kontrolliert werden muss nach jeder Montage auch, so der Produktionsleiter, dass Axer und Scherenführung vorschriftsmäßig miteinander verbunden sind. Denn im Gegensatz zur aufliegenden Bandtechnik ist eine fehlerhafte Bauteilanordnung bei geschlossenem Bauelement – eben aufgrund der nicht sichtbaren Beschlagtechnik – nicht erkennbar.

VL-Beschläge an Türen

Die wesentlichste Anforderung zum Einsatz eines verdeckt liegenden Bandes an Türen ist laut Falk Füllgraf der zur Verfügung stehende Bauraum im Inneren der Profile. Weiter sagt er: „Damit das Band in das Profil einschwenken kann, ist eine Bautiefe von mindestens 60 mm erforderlich. Da die Profilsysteme aktuell mit Bautiefen bis 90 mm arbeiten, ist das allerdings keine Hürde mehr. Alle anderen Anforderungen ergeben sich aus der Art des Systemprofils, denn jede Bandausführung ist immer systemangepasst und eine eigenständige Variante, die die Geometrie des Profils berücksichtigt. Jeder, der schon einmal ein dreiteiliges Band verbaut hat, kommt mit einem VL-Band zurecht. Bei manchen Ausführungen ist das Einhängen des Flügels beim VL-Band so konzipiert, dass es sogar noch komfortabler ist. Alle Bänder lassen sich in den erforderlichen Dimensionen am eingehängten Flügel durch eine Person verstellen. Für den Fachhandwerker ist der Einsatz von VL-Bändern unproblematisch.“

Lebenszyklus und Funktionen

In Dauerlaufeigenschaft und Korrosionsbeständigkeit unterscheiden sich VL-Beschläge ebenfalls nicht von denen aufliegender Beschläge, und das herstellerunabhängig. Als Qualitätsmerkmal gilt hier die Klassifizierung QM 328. Außerdem sind bei allen Beschlagherstellern verdeckt liegende Beschläge im Aluminium-Fenstersortiment mit denselben Funktionen ausrüstbar, also von RC1 bis RC3, im Sonderfall sogar bis RC4 (Schüco in Zusammenarbeit mit der Firma Sälzer). Und auch die Kombination mit Mechatronik stellt im Bereich verdeckt liegender Beschläge keine größere Herausforderung als bei aufliegenden Beschlagvarianten dar, wie die Anbieter versichern.

Sicht eines Verarbeiters

„Der einzige Vorteil ist für mich der optische Effekt. Ansonsten sehe ich nur Nachteile: Erst einmal sind verdeckt liegende Beschläge teurer als außen sichtbare. Zum anderen handelt es sich dabei ja lediglich um ein Blech und nicht um ein Gussteil. Dementsprechend sind verdeckt liegende Beschläge reparaturanfällig und wartungsintensiv. Man kann das Fenster maximal 95 Grad öffnen, Fenster mit sichtbaren Beschlägen weitaus mehr. Viele Anwender versuchen aber, das Fenster weiter aufzudrücken und reißen dann den Beschlag kaputt. Das ist schon ein großes Manko“, sagt Werner Sommer von VFF-Mitglied Gross Metallbau . Als Beispiel eines öffentlichen Bauvorhabens erzählt er, wie sich der Architekt unbedingt nicht sichtbar liegende Beschläge wünschte. Ihm als Verarbeiter hat dies aber „nichts als Ärger“ eingebracht: „Es vergeht kaum ein Monat, in dem ich nicht wegen Reparatur oder Austausch zum Objekt fahren muss.“ Neben der Reparaturanfälligkeit bemängelt Sommer auch, dass aufgrund der schweren Zugänglichkeit im Profil die Montage und insbesondere die Reparatur länger dauere als bei von außen liegenden Beschlägen. Für die Reparatur brauche man zwei Personen zum Aushängen der Fenster. Einen Trend hin zu verdeckt liegenden Beschlägen würde der Fensterbauer daher jedenfalls nicht begrüßen und kann auch keinen solchen erkennen.

Fazit

VL-Beschläge existieren mittlerweile für so gut wie alle Öffnungsarten. Aufgrund ihrer reduzierten Optik sind sie vor allem im hochpreisigen Objektbau gängig. Die Punkte Leistungsfähigkeit und Montage lassen jedoch gewisse Fragen offen – in diesen Bereichen könnten für Verarbeiter und Endkunde Verbesserungen angestrebt werden. Auch wenn die Nachfrage nach VL-Lösungen laut Hersteller steigt, werden aufliegende Beschläge gewiss nicht aus dem Markt verdrängt.

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