„Enkelgerecht bauen“

Nachhaltigkeit bestimmt Rosenheimer Fenstertage

Nachhaltigkeit heißt, enkelgerecht zu bauen. Hinter allem steht die Frage der Nachhaltigkeit. Diese Kernsätze ziehen sich wie ein roter Faden durch die Expertendialoge auf den Rosenheimer Fenstertagen 2010.

Mehr als 1000 Teilnehmer aus 25 Ländern haben sich in Oberbayern zum europaweit größten Branchentreff eingefunden. Vor dem Hintergrund, dass die europäische Gesetzgebung auf energieeffizientes Bauen setzt, weist Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabi Bauer in ihrer Begrüßungsansprache auf den hohen Stellenwert von Energieeinsparen und Umweltschutz hin. Ab 2019 sollen nach EU-Übereinkunft alle neuen Gebäude die von ihnen gebrauchte Energie vor Ort selbst erzeugen. Das Energy-Label gilt innerhalb der EU zwar längst als beschlossen - ähnlich der bereits eingeführten Deklaration bei Haushaltsgeräten -, umstritten sind allerdings noch „die Ansätze zur richtigen Bewertung“.  
Green Windows. Ulrich Sieberath, Chef des veranstaltenden ift Rosenheim, stellt in seinem Eröffnungsvortrag klar: Die Zukunft gehört nachhaltigem Wirtschaften und nachhaltigen Produkten. Dabei geht es in der Gesamtbetrachtung von „Green Windows“ vor allem um das Verwenden sauberer Energien, das Fördern rationeller,  sauberer Herstellungs- und Planungsprozesse und nicht zuletzt um das Vermeiden unnötiger Transportwege und Materialflüsse. Sieberath appelliert eindringlich an Hersteller von Fenstern und Fassaden, Umweltdeklarationen sorgfältig zu erarbeiten. Das ift werde schon zur BAU 2011 notwendige Unterstützung leisten können. Gemeint sind
* einfache Modelle und Vorlagen zur Erstellung der künftig notwendigen Umweltproduktdeklarationen;
* nachvollziehbare Kriteriensteckbriefe zur objektiven und richtigen Leistungsbewertung der jeweiligen Produkte;
* datenbankgestützte Hilfsmittel zur Erleichterung der Deklaration, die die Produktvielfalt der Branche abbilden.
Damit will das ift, das nach eigenen Angaben europaweit führende Prüf- und Zertifizierungsinstitut, ein wenig dazu beitragen, dass das Klima wieder ins Gleichgewicht kommt.
 
Faktor Bestandsbau. Wie u.a. die Fraunhofer-Allianz BAU betont, liegt der größte Hebel für mehr Nachhaltigkeit derzeit im Bestandsbau sowie bei der Bauwirtschaft. So würden Gebäude in Industrienationen 70% der gesamten Elektrizität verbrauchen, 37% der Energie, 28% des Wassers sowie 30% von Holz und Material. Dabei produziert die Baubranche 35% des Deponieabfalls und verursacht weltweit 36% der CO2-Emissionen und 10% der Feinstaubemissionen.
 
Gleichberechtigt. Im Rahmen der 30 Fachvorträge und Workshops beeindruckt bei den Fenstertagen Ministerialrat Hans-Dieter Hegner aus dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, mit seinem Vortrag über „Nachhaltigkeitskonzepte für die Zukunft – Aufgaben und Chancen für die Branche“ ein großes Publikum im Bayern-Saal des Rosenheimer Kongresszentrums. Der erfahrene Diplom-Ingenieur betont mit Blick auf bereits international eingeführte Systeme wie z.B. das amerikanische Zertifizierungssystem Leed, das Bewertungssystem „Nachhaltiges Bauen“ seines Ministeriums behandle ökonomische, ökologische und soziokulturelle Aspekte als gleichberechtigt. Das Ministerium werde die Nachhaltigkeitsregeln operativ nur an eigenen Gebäuden anwenden. Die sonstige Anwendung obliege privaten Organisationen wie etwa der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB).
 
KfW-Förderung. Auch mit Hinweis auf die gute Konjunktur in der Fenster- und Fassadenbranche gibt sich Hegner zuversichtlich: „Die Förderprogramme der KfW helfen dabei, bereits heute die Standards der Zukunft zu bauen oder durch Modernisierungen den Bestand darauf abzustellen.“ Im ersten Halbjahr 2010 hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau fünf Milliarden Euro für energetische Sanierungen ausgegeben – 1,3 Milliarden mehr als im Vorjahreszeitraum, weit mehr als erwartet. Auch Ulrich Sieberath begrüßt dies: „Jeder Cent ist richtig und zukunftsorientiert investiert und wird von den Bürgern mit Eigenkapital vervielfacht.“ Im gleichen Atemzug appelliert Sieberath an die Bundesregierung, „weiterhin Geld für die Gebäudesanierung locker zu machen“.
 
Solarkraftwerk. In seinem fundierten Vortrag „Fenster und Fassaden als Solarkraftwerk“ gibt der Diplomphysiker Michael Rossa vom ift-Institut Grundsätzliches zu bedenken. Die Nutzung solarer Gewinne für Gebäude müsse gut überlegt und geplant werden. Eine reine Ug- und g-Wert-Betrachtung sei nicht ausreichend. Rossa wörtlich: „Nur eine ganzheitliche Betrachtung des Gebäudes unter Berücksichtigung der Nutzung des solaren Gewinnes, des erforderlichen Sonnenschutzes, des Tageslichtangebotes und gegebenenfalls eines Blendschutzes schafft ein für den Nutzer in jeder Hinsicht befriedigendes Umfeld.“
 
Konjunkturprogramm. Auf den volkswirtschaftlichen Nutzen der Sanierung von Fenstern und Fassaden macht der angesehene Klimaforscher Prof. Dr. habil. Wolfgang Sailer vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung (IMK-IFU) aufmerksam. Nach seinen Worten geht man davon aus, dass zur Erreichung des von der Bundesregierung gesteckten Klimaschutzzieles im Gebäudebereich Mittel in Höhe von zehn Milliarden Euro pro Jahr aufgewendet werden müssen. Diese wiederum würden Nachfolgeinvestitionen mit einem Volumen von mehr als 70 Milliarden Euro auslösen. Ein Sanierungsprogramm sei damit auch gleichzeitig das beste Konjunkturprogramm.
Dank des verringerten Energieverbrauches und einer zunehmenden Bereitstellung regenerativer Energien reduziert sich nach Sailers Überzeugung zudem die politische Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Energiequellen in vielfach instabilen Förderländern. Zugleich erhöht sich die Wertschöpfung im eigenen Land. Der Wissenschaftler hebt hervor: „Diese Wertschöpfung wurde kürzlich vom Institut für ökologische Wirtschaftsförderung auf etwa sieben Milliarden Euro pro Jahr allein durch die Nutzung erneuerbarer Energien berechnet.“
Der Megatrend Energieeffizienz und Nachhaltigkeit als Konjunkturmotor: Ein Trend, bei dem die Gebäudehülle mit Fenstern, Fassaden und Glas einen gewichtigen Anteil hat. Ernst zu nehmende Experten sehen dabei neben der passiven Solarnutzung die Stromgewinnung an Gebäudefassaden als wesentlich für die erwartete Elektro-Mobilität an. Viele Fachleute sind sich einig: Auch in diesem Bereich haben die Rosenheimer Fenstertage wieder einmal entscheidende Impulse für die gesamte Branche vermittelt.
 

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