Freizeitpark der Superlative in der Wüste

Hightech-Fassaden

Kürzlich hat in Abu Dhabi mit der Ferrari World ein Freizeitpark der Superlative eröffnet. Am Bau eines der spektakulärsten Projekte der letzten Jahre waren Reynaers Aluminium und Interpane Glas Industrie mit ihren Produkten maßgeblich beteiligt.

Gewonnen hat die Formel-1-Weltmeisterschaft 2010 zwar kein Ferrari, trotzdem war das weltbekannte Rot der Flitzer aus Maranello beim letzten Grand Prix des vergangenen Jahres in Abu Dhabi allgegenwärtig. In direkter Nachbarschaft zur Grand-Prix-Strecke auf Yas Island leuchtete weithin sichtbar das riesige „Segel“ aus Metall, das die Ferrari World, einen gigantischen Indoorpark, in der Signalfarbe der Scuderia überspannt. Das doppelt geschwungene Freiformdach ist den klassischen Linien des legendären Ferrari GT nachempfunden. Getragen wird das Dach vom weltweit größten Raumfachwerk.
Überhaupt ist die von Benoy Architects, London, geplante Ferrari World – Hommage an die Marke, Mittelpunkt der neuen Formel-1-Strecke von Abu Dhabi und Heimat eines Vergnügungsparks - Architektur im Mega-Format: 1,4 Kilometer Abstand zwischen den Gebäudeflügeln, 210.000 Quadratmeter Flachdach und ein offener Trichter aus Sonnenschutzglas mit 100 Metern Durchmesser als Quelle natürlichen Lichtes in der Gebäudemitte, um nur drei charakteristische Zahlen zu nennen.

 
 
Modulares System. Zu den Highlights der Ferrari World zählen die Fassaden, die dem Bauwerk im Zusammenspiel mit der spektakulären Dachkonstruktion seinen dynamischen Charakter verleihen. Der Zeitplan für die Errichtung der Außenhülle war eng gesteckt: Nach den ersten Design-Meetings im Frühjahr 2008 verging gerade mal gut ein Jahr, bis die letzten Paneele für die 18.000 Quadratmeter große Außenfassade des Gebäudekernes und die 11.000 Quadratmeter große Trichterfassade im Zentrum des Baues montiert wurden.
Der belgische Fassadenbauer Jungbluth Alu Partners (JAP) hat die aufwendigen Konstruktionen umgesetzt, als Systemgeber erhielt Reynaers Aluminium den Zuschlag. Auch für die Ausführung der sogenannten Bullnose – eine voluminöse Aluminiumkonstruktion, die den Abschluss aller Wartungsgänge bildet, die der Außenfassade vorgelagert sind – setzten die Verantwortlichen auf das Know-how des Aluminium-Spezialisten.
Die Außenhülle des umbauten Innenkomplexes – Shield genannt - ist als Elementfassade mit aufsteigendem Höhenprofil von 12 auf 20 Meter konzipiert und als Mosaik aufgebaut. Ferrari-rote Aluminiumpaneele von Reynaers wechseln sich ab mit Elementen aus Sonnenschutzglas ipasol neutral 48/27 von Interpane (insgesamt 6000 Quadratmeter). Rund 40 Prozent der Glasfläche sind mit individuellem Siebdruck versehen, wodurch die Tageslicht-Transmission bei durchschnittlich 40 Prozent liegt. Der Gesamtenergiedurchlassgrad sinkt durch den Siebdruck weiter (g-Wert = 23 Prozent nach EN 410) und verhindert zusätzlich das Aufheizen des Gebäudes. Montiert wurde die vorgehängte Aluminiumfassade auf eine Stahlunterkonstruktion.
Um alle gestellten Anforderungen zu erfüllen, war ein modulares System notwendig, das nicht nur die höchsten europäischen Vorgaben an die Luftdurchlässigkeit (EN 12207), Widerstandsfähigkeit gegen Windlast (EN 12210) und Schlagregendichtheit (EN 12208) erfüllt, sondern auch den Schallschutz zwischen den Gebäude-Ebenen sicherstellt. Angesichts des umfassenden Leistungskataloges erwies sich die flexibel auslegbare Elementfassade CW 86-EF von Reynaers als ideales Basissystem für die Fassade des Shields.
Auf der Grundlage des Standardsystems konzipierte Reynaers eine ganze Reihe objektspezifischer Sonderlösungen und entwickelte für das Gesamtprojekt insgesamt fast 30 neue Profile, zwölf Dichtungen und eine stattliche Anzahl neuer Beschläge. Vertikal wurden für die innen und außen verschiedenfarbige Fassade maßgefertigte, thermisch getrennte Rahmenprofile in den Breiten 186 und 105 Millimeter und mit einer Tiefe von 158 Millimetern eingesetzt. Die horizontalen Rahmenprofile sind 105 Millimeter breit und 158 Millimeter tief, die Sprossenprofile haben 67 Millimeter Breite und 120 Millimeter Tiefe.
Die Vorhangfassade wurde mit speziellen, mittels Zusatzwinkeln stabil in den Profilen verankerten Beschlägen in die Stahlkonstruktion der Wartungsgänge eingehängt. Für den sicheren Abtransport anfallender Feuchtigkeit sorgen bei der um zwölf Grad nach außen geneigten Fassade kaskadenartig aufgebaute Dichtungsebenen. 

 
 
Das „Lichtauge“. Eindrucksvoller Blickfang auf dem 20 Hektar messenden Dach dieser unkonventionellen Architektur ist neben dem weltweit größten Ferrari-Logo (65 x 48,5 Meter) das 10.000 Quadratmeter große „Lichtauge“. Dabei handelt es um einen riesigen Glastrichter im Zentrum der Fläche, der für den Einfall von Tageslicht in das Gebäude sorgt. Sein Durchmesser beträgt oben an der breitesten Stelle 100 Meter und unten am Boden 17 Meter. Eine ausgeklügelte Klimatisierungstechnik und Sonnenschutzglas ipasol neutral 48/27 halten die Temperatur im Inneren konstant bei angenehmen 25 Grad Celsius.
Bautechnisch stellte dieser sogenannte „Funnel“ alle Beteiligten vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Konstrukteure von Reynaers mussten dafür eine komplett neue Systemlösung einschließlich Haupt- und Nebenprofilen, Dichtungen und Beschlägen entwickeln. Das neue Fassadensystem hat alle obligatorischen AWW-Tests (Luft-, Wind- und Wasserdichtigkeit) bestanden und entspricht den strengsten europäischen Standards.
Aufgrund der besonderen Form wurde die Aluminiumfassade auf ein 3D-Stahlträgersystem montiert. So werden mögliche Ausdehnungen durch die hohen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sicher aufgenommen. Gewährleistet wird dies auch durch die eigens konzipierten Verbindungselemente, mit denen die Fassadenpaneele an ihren Kreuzpunkten auf dem Stahlgerüst fixiert sind.
Die unterschiedlichen Durchmesser des Trichters – im Dachbereich 100 Meter, am Boden 17 Meter – sind der Grund, warum die meisten Paneele der Fassade trapezförmig sind. Während die kreisrunde Form im untersten Segment bereits mit 30 Einheiten geschlossen ist, sind im zweiten Drittel bereits 60 und im oberen Drittel der 45 Meter hohen Konstruktion 120 Fassadenelemente in aufsteigender Größe notwendig. Beim Umsetzen der Trichterform half ein konstruktiver Kniff: Der Einsatz von dreieckigen Paneelen zum Abschluss des ersten und zweiten Drittels der Fassade ermöglichte die Teilung der Elementgrößen bei gleichförmig durchlaufenden Profilen.
Ein weiteres beachtenswertes Detail sind die dreiteiligen Hauptdichtungen der Vertikalprofile. Sie umschließen die gesamte äußere Struktur und dichten die glasumfassenden Profile trotz der geschwungenen Form der Gesamtkonstruktion innen und außen zuverlässig ab.
In den 30 Ebenen der Trichterfassade wurden insgesamt 2640 Sonnenschutz-Isoliergläser ipasol neutral 48/27 von Interpane verbaut. Dieses Glas verhindert übermäßiges Aufheizen des Innenraumes, gleichzeitig sorgt es für neutrale Durchsicht und viel Tageslicht im Inneren. Dank des niedrigen Gesamtenergiedurchlassgrades (g-Wert = 27 Prozent nach EN 410) bleibt es hinter der Verglasung des Funnels angenehm temperiert. Die zusätzliche Beschichtung der Gläser mit ipachrome design lässt den g-Wert im Durchschnitt sogar auf 15 Prozent sinken. Der Ug-Wert von 1,1 W/m2K (nach EN 673) schließlich sorgt in kühleren Winternächten von etwa 14 Grad Celsius für effektive Wärmedämmung.
Die eingebauten Sonnenschutzgläser weisen unterschiedliche Scheibenabmessungen auf. Darüber hinaus wurde diese Verglasung mit einem spiralförmigen und im Abdeckungsgrad zwischen 40 und 85 Prozent variierenden Muster aus ipachrome design beschichtet. So wirkt das riesige Mosaik aus Glas von unten betrachtet wie ein Strudel. Je näher die Scheiben am oberen Ende des Trichters liegen, desto höher ist der Beschichtungsgrad – so wird der g-Wert der Verglasung nach oben hin effektiver.
Mit dem Funnel haben sich die belgischen Fassadenbauer von JAP einer anspruchsvollen Aufgabe gestellt: Damit das spiralförmige Muster exakt stimmt, musste jedes Scheibenelement individuell produziert und verglast werden, Stück für Stück. Der Neigungsgrad des Trichters variiert, deshalb sind die Scheiben auf den 30 Ebenen zudem unterschiedlich groß – von 2220 x 2029 Millimeter im unteren Bereich über 2420 x 2029 Millimeter in der Mitte bis 2618 x 2029 Millimeter an der Dachkante.
Im Inneren des Glastrichters ist ein 70 Meter hoher „G-Tower“ installiert. In diesem Fahrgeschäft sollen die Besucher die in Rennwagen auftretenden G-Kräfte spüren können. Sie werden bis knapp über die Dachkante hinaufgezogen und genießen von dort den spektakulären Blick über Yas Island, die Ferrari World, die angrenzende Formel-1-Strecke und das freie Meer, ehe sie im freien Fall 62 Meter in die Tiefe stürzen – spät, aber sanft gestoppt durch modernste Technik.

 
 
Die „Bullnoses“. Als architektonisches Element mit Sonnenschutzfunktion konzipiert wurden die Laufgänge (Walk Ways), die der Außenfassade für Wartungsarbeiten vorgelagert sind. Den äußeren Abschluss der auf Stahlkonstruktionen ruhenden Wartungsgänge bilden „Bullnoses“ aus Aluminium. Sie dienen zudem der Aufnahme von LED-Leuchtbändern, die bei Dunkelheit eine Fließbewegung erzeugen und so die Dynamik von Autorennen simulieren sollen.
Auch bei diesen stilprägenden Elementen hat Reynaers seine Fähigkeit demonstriert, jenseits von Standardsystemen in kürzester Zeit individuelle Sonderlösungen zu entwerfen und umzusetzen. Zur Realisierung der großvolumigen „Bullnoses“ hat der Systemgeber vier neue Spezialprofile entwickelt, die in Kombination die runde Gesamtstruktur entstehen lassen.
 
Unterhaltung pur. Die Ferrari World präsentiert sich nicht nur mit einer Architektur der Superlative, sie bietet ihren Besuchern auch ein beispielloses, ganz aufs Automobil fokussiertes Unterhaltungsangebot. Zum Vergnügungspark gehören eine voll funktionsfähige Freizeit-Rennstrecke, eine Go-Kart-Bahn, ein Rallye-Parcours und eine Drag-Racing-Piste. Dazu kommen neben dem schon erwähnten „G-Tower“ ein Show- und Theaterkomplex und einige spezielle Fahrschulen.
Zu den Kernstücken des Spaßtempels zählen auch die mit 240 Stundenkilometern schnellste Achterbahn der Welt sowie parallel laufende Achterbahnen, die mit Überholmanövern und Rad-an-Rad-Duellen für Spannung sorgen sollen. Abgerundet wird das Angebot von einer großen Ausstellung historischer und aktueller Ferrari-Modelle – und vom ersten Ferrari-Händler in der Region.
Künftig soll Yas Island, die 25 Quadratkilometer große, nordöstlich von Abu Dhabi gelegene künstliche Insel, nicht nur Motorsportfreunde anlocken, sondern ganz allgemein zu einem Anziehungspunkt für Urlauber werden. Deshalb werden demnächst neben der Ferrari World unter anderem Hotel- und Golfanlagen, Yachthäfen und eine Shopping-Mall mit mehr als 500 Geschäften entstehen.
 
Info + Kontakte
 
Interpane Glas Industrie AG
Postfach 1120
37697 Lauenförde
Tel. +49 (0)5273/809-0
Fax +49 (0)5273/809-238
www.interpane.net


Reynaers GmbH Aluminium Systeme
Franzstraße 25
45968 Gladbeck
Tel. +49 (0)2043/9640-0
Fax +49 (0)2043/9640-10

www.reynaers.de

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