Interview

Christoph Schlott, BBC Bircher

„Die Sensortechnik macht enorme Fortschritte.“

BBC Bircher bietet Sensorlösungen für Tore und Personenzugänge an. 40 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet das Schweizer Unternehmen in der D-A-CH-Region. Wir haben mit Christoph Schlott, Head of Strategic Marketing, gesprochen.

metallbau: BBC Bircher bietet weltweit Sensorlösungen für Tore und Personenzugänge an, wie bewerten Sie das Marktpotenzial in der Schweiz, Österreich und Deutschland?

Christoph Schlott: Die D-A-CH-Region ist für BBC Bircher Smart Access einer der global wichtigsten Märkte. Es ist unser Heimatmarkt, mit dem wir uns traditionell sehr verbunden fühlen. Viele unserer national und international operierenden Partner und Kunden haben hier ihren Sitz und prägen aus der D-A-CH-Region heraus die Dynamik und Weiterentwicklung der gesamten Branche. Insbesondere unsere Verarbeiter liefern höchste Qualität und sind in Europa in Sachen Know-how und Performance führend. Die höchsten Anforderungen an sichere und komfortable Zugänge, die Relevanz von Barrierefreiheit und Energieeffizienz bilden auf Basis einer stabilen Baubranche in der Region auch zukünftig ein wachsendes Marktpotenzial.

metallbau: Gibt es in Deutschland, Schweiz und Österreich länderspezifische Anforderungen für die Sensortechnik an Toren, automatischen Türen und Parksystemen?

Schlott: Die Anforderungen innerhalb der Regionen sind durchaus vergleichbar. Allerdings werden die EU-Standards in der D-A-CH Region am umfänglichsten erfüllt. Beispielsweise werden für schutzbedürftige Personen im Rahmen der Risikoanalyse sogar höhere Schutzmaßnahmen umgesetzt. Hingegen besteht in anderen europäischen Regionen teilweise noch Nachholbedarf bei der Ausstattung mit Sensoren. Im Trend ist sicherlich die berührungslose Absicherung von Zugängen, aber auch die zunehmend smarte Aktivierung, welche die Umgebungsbedingungen berücksichtigt. An Industrietoren kommen zunehmend Kombimelder zur Aktivierung und Präsenzerkennung analog zu automatischen Schiebetüren zum Einsatz. Allgemein beobachten wir auch ein erhöhtes Bedürfnis nach neuen Bedienkonzepten. Die Einstellung von Parametern per App ist momentan ein absoluter Trend und findet immer mehr Anklang. Beide Themen bedienen wir mit dem Helios 2T Kombimelder für Industrietore.

metallbau: Wie verhält sich die Nachfrage in punkto Nachrüstung bei Toren und Türen? Wie schätzen Sie dafür das Marktpotenzial in den D-A-CH-Ländern ein?

Schlott: Das Nachrüstgeschäft ist wesentlich für ein stabiles Umsatzwachstum verantwortlich. Es gibt einen hohen, über die Jahre aufgebauten Bestand an Zugängen, der aufgrund neuer Nutzungsanforderungen nachgerüstet werden muss. Daher ist das Potenzial nicht zu unterschätzen. Oftmals entscheidet sich der Bauherr auch für eine komplette Modernisierung, da in der Automatisierung das Zusammenspiel aller Systembestandteile wichtig ist. Wir verstehen unsere Sensoren als Teil dieses Gesamtsystems aus Antrieb, Steuerung und mechanischen Elementen. Bei diesen Komponenten liegen auch die wesentlichen Herausforderungen in der Nachrüstung. Es macht für den Sensor keinen Unterschied, ob beispielsweise eine Drehflügeltür neu ist oder erst nachträglich automatisiert wird. Für ein einfaches Nachrüsten achten wir bei unseren Produkten besonders auf größtmögliche Kompatibilität und einen weiten Einsatzbereich in unterschiedlichen Umgebungsbedingungen.

metallbau: Im Bereich der Technologie von Sensoren für Türen, Tore und Parksysteme hat sich in den vergangenen Jahren viel getan, hatte ein Sensor vor zwei Jahren noch die Größe eines Handys, ist er heute so groß wie ein Knopf – können Sie ein bisschen was zur technischen Entwicklung in Ihrem Produktbereich sagen?

Schlott: Sie sprechen damit einen wichtigen Punkt an. In vielen Bereichen, in denen Sensoren wichtig sind, werden sehr große Fortschritte gemacht — sei es die Verwendung in Smartphones (Fingerabdruckscan), in der Fabrikautomation (Industrie 4.0) oder in Fahrzeugen (Bremsassistent). Durch eine breitere Anwendung neuer Technologien werden diese auch in Nischenanwendungen, wie es die Tür- und Torbranche ist, nutzbar. Gepaart mit der höheren Leistung von aktuellen Mikroprozessoren können ganz neue Lösungen geschaffen werden. So nutzen wir zum Beispiel in unserem neuen Sensorsystem Hyperion 3D eine Technologie, welche bereits bei modernen Fahrzeugen etabliert ist. In beiden Fällen werden Stereoskopie-Kameras verwendet, um Personen und Objekte in der Umgebung zu erkennen und deren Bewegungen zu erfassen. Das Hyperion 3D System, welches sich aktuell im Feldtest befindet, nutzt diese Daten, um ein Industrietor stufenlos höhenadaptiv zu steuern. Indem zum Beispiel die Öffnungshöhe des Tores der Objekthöhe anpasst wird, können wir einen erheblichen Beitrag zur Energieeffizienz von Gebäuden leisten.

metallbau: Für welche Produktbereiche erwarten Sie in den nächsten zwei Jahren die umfassendsten technologischen Fortschritte?

Schlott: Wir denken, dass vor allem im Bereich der Industrietore wesentliche Fortschritte gemacht werden. Hier gibt es wie angesprochen großes Potenzial im adaptiven und energieeffizienten Betrieb der Tore, wofür neue Sensortechnologien notwendig sind und vom Markt gefordert werden. Weiterhin sehen wir auch bei automatischen Personentüren einen Trend, die Systeme dynamisch an das Nutzerverhalten und unterschiedliche Bedürfnisse anzupassen. Nicht zu vergessen ist dabei der wachsende Fachkräftemangel in der D-A-CH Region — trotz hoher normativer Anforderungen und komplexerer Funktionen müssen die Systeme noch einfacher bedienbar und fehlersicherer sein. Hier können neue Sensortechnologien und Bedienkonzepte, zum Beispiel eine Konfiguration per App helfen.

metallbau: Wie ist das mit der Preisentwicklung bei Sensorik, werden Sensoren tendenziell günstiger oder teurer?

Schlott: Die Preisentwicklung variiert ganz klar nach Anwendung im Sinne des erwarteten Funktionsumfanges. Einfaches automatisches Öffnen und Schließen von Türen und Toren ist bereits heute Standard und der Preisdruck ist hoch. Das betrifft allerdings nicht nur Sensorik, sondern das gesamte Zugangssystem. Wir rechnen damit, dass sich diese Situation mittelfristig nicht entspannen wird und durch den Wettbewerbsdruck von außerhalb der D-A-CH Region noch verstärkt wird. Gleichzeitig bieten die wachsenden Anforderungen aller Anspruchsgruppen vom Architekten über den Gebäudebetreiber bis zum Nutzer oder auch wichtige regulatorische Maßnahmen wie die EU-Gebäuderichtlinie deutliche Differenzierungspotenziale für alle Branchenteilnehmer.

metallbau: Könnten Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Schlott: Ein einfacher Radarsensor zur Aktivierung eines Tores ohne Anspruch an Fahrzeug-/Personenunterscheidung oder Querverkehrsausblendung wird zukünftig zumindest im Preis nicht steigen. Er bietet allerdings über die Lebenszeit des Tores keinen zusätzlichen Mehrwert. Rückt aber die Frage der Total Cost of Ownership (Gesamtkosten des Betriebes) in den Vordergrund, werden technische Maßnahmen zur Vermeidung unnötiger Öffnungen und Offenstehzeiten aufgrund ihres positiven Einflusses auf die Kosten wirtschaftlich. Endkunden sind deshalb bereit, höhere Preise für ein entsprechend ausgestattetes System zu bezahlen.

metallbau: Für welche Themen ist die Nachfrage nach Sensorlösungen besonders hoch oder signifikant in den vergangenen zwei Jahren gestiegen — Sicherheit, Hygiene, Barrierefreiheit oder Energieeffizienz?

Schlott: Mit diesen vier Themen haben Sie die wesentlichen Markttreiber genannt und wir können in allen Bereichen eine höhere Nachfrage verzeichnen. Zudem sind diese Themen eng miteinander verknüpft. Das lässt sich deutlich an der starken Nachfrage nach unserem in 2018 eingeführten CleanSwitch erkennen. CleanSwitch ist ein berührungsloser Hygieneschalter zur Aktivierung von automatischen Türen, welcher durch sein optisches Feedback auch die Ansprüche an Barrierefreiheit erfüllt und ein sehr ansprechendes Design aufweist. Hier wachsen wir überdurchschnittlich. Design ist vielleicht ein Punkt, den wir Ihrer Liste hinzufügen möchten. Wir sehen gerade im D-A-CH-Markt, dass die ästhetische Integration einer Tür oder eines Tores in die Gebäudefassade oder den Eingangsbereich immer mehr Bedeutung erhält. Wir beobachten, wie grundlegende Trends die Nachfrage positiv beeinflussen. So steigt durch den demografischen Wandel der Bedarf an barrierefreien Zugängen mit erhöhter Sicherheit für gefährdete Personen. Auch das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Anforderungen im nachhaltigen Bauen wirken sich auf die Ausgestaltung automatischer Zugänge aus. Das fängt mit höheren Öffnungs- und Schließgeschwindigkeiten an und reicht bis zu neuen Bewertungsmethoden, wie zum Beispiel dem Energy Label für Türen und Tore des EDSF (European Door & Shutter Federation).

metallbau: Wie hält BBC Bircher strukturell Kontakt zu den Verarbeitern – z.B. über Schulungen, Außendienst, Telefonhotline?

Schlott: Wir sind mit unserem starken Vertriebsnetzwerk in ganz Europa lokal vertreten. Zusätzlich unterstützt unser technisches Support-Team unseren Kunden bei technischen Fragestellungen. Erster Ansprechpartner ist meist der regional verantwortliche Außendienstmitarbeiter. Unser Technischer Support ist telefonisch erreichbar und unterstützt sowohl vor Ort als auch bei Produktschulungen. Auch die Umsetzung von Sonderlösungen ist ein wichtiger Bestandteil unseres Services, sei es eine spezielle Parametrisierung von Sensoren oder eine komplett kundenspezifische Gesamtlösung. Immer wieder erreichen uns Fragen zur korrekten Umsetzung der normativen Anforderungen und zur Kombination von Komponenten verschiedener Hersteller — beispielsweise wenn bei Service und Wartung Komponenten ausgetauscht werden müssen oder Erstinstallationen vorgenommen werden. Letztendlich werden Zugangssysteme meist durch den Verarbeiter in den Verkehr gebracht. Damit geht das Haftungsrisiko für den sicheren Betrieb des Zugangs auf den Verarbeiter über. Ein klares Verständnis und die konsequente Anwendung der Risikoanalyse sind wesentliche Voraussetzungen für das Inverkehrbringen sicherer Zugänge. Endkunden erwarten eine gute Beratung und die fachgerechte Installation der Systeme. Zukünftig wichtiger wird der professionelle Umgang mit Technologien aus dem Smart Home Bereich.

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