Flüchtlinge als Glücksfall

Auszubildende aus fremden Kulturen

Michael Dopfer hat durch seine Arbeit als Lehrlingswart der Metallinnung München-Freising-Erding grundsätzlich keine Probleme, geeignete hiesige Bewerber für eine Ausbildung zu finden. Dennoch bezeichnet er die beiden nordirakischen Azubis als Glücksfall. „Ihnen liegt das Metallhandwerk sprichwörtlich im Blut. Ihre Familie hatte im Nordirak eine Schlosserei. Das merkt man, da ist viel handwerkliches Geschick dabei, das man heute nicht mehr bei vielen Bewerbern so findet“, resümiert Dopfer.
Akram Khidir Kaders dunkle Augen strahlen während des Gesprächs in der Werkstatt. Er ist mehr als glücklich über seine Ausbildungschance. „Wir haben schon so lange Zeit Krieg bei uns zu Hause. Die Sicherheit, die uns Deutschland bietet, ist ein Geschenk für uns. Ich bin so froh, eine qualifizierte Ausbildung zu bekommen. Und mit meiner Arbeit möchte ich Deutschland auch etwas zurückgeben“, sagt der 28-Jährige. Dank seiner Vorkenntnisse und guten schulischen Leistungen kann er seine auf zwei Jahre verkürzte Lehrzeit als Metallbauer beenden und dann im Unternehmen weiterarbeiten, was auch sein Wunsch ist. Und weil der Metallbau der Familie im Blut liegt, begann nun im Herbst auch der Neffe von Akram Khidir Kader, der 17-Jährige Dilman Moaied Khder, seine Ausbildung bei Michael Dopfer. Die beiden nordirakischen Azubis haben eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Praktikum als Voraussetzung
Voraussetzung für die Ausbildung ist bei beiden ein ein- bzw. mehrwöchiges Praktikum gewesen, erzählt der gelernte Gürtler- und Metalldrückermeister, der insgesamt neun Mitarbeiter – davon drei Azubis – beschäftigt. Das Kerngeschäft der alteingesessenen Münchner Traditionsfirma sind Aufträge im Um- und Ausbau sowie im Bereich Sanierung, davon mehr als 70 % für gewerbliche und öffentliche Kunden. Neben den klassischen Metallbauarbeiten ist die Sanierung von Stahlkonstruktionen und historischen Schmiedearbeiten eine der vielen Stärken des Unternehmens. Ein zusätzliches Standbein ist seit zehn Jahren die Planung und Fertigung von Rahmen und Aufbauten für Fahrradrikschas sowie deren Reparatur. „Bei solchen Aufträgen ist viel Handwerk gefragt“, so Dopfer.

Guter Wille auf beiden Seiten
„Schon beim Praktikum habe ich bei beiden gemerkt, die passen ins Team, sind wissbegierig, freundlich und engagiert“, erzählt der Metallbaumeister, der sehr viel Wert auf Leistung legt: „Von den mehr als 90 Azubis, die bei uns waren, schlossen viele mit der Note 1 ab und wurden bei Leistungswettbewerben ausgezeichnet.“ Die fehlende Sprachkompetenz der Flüchtlinge sieht Dopfer nicht als ein so großes Problem. „Natürlich müssen sie erst einmal Deutsch lernen, aber mit entsprechender Förderung und gutem Willen auf beiden Seiten ist das kein Hindernis.“ Und diesen Ehrgeiz zeigen beide, die als Jesiden – eine religiöse Minderheit im Nordirak – vom Islamischen Staat in ihrer Heimat als Ungläubige verfolgt wurden.
Der heute 28-Jährige Kader kam vor acht Jahren nach einer vierwöchigen Flucht-Odyssee nach Bayern, lernte schnell Deutsch und holte die Mittelschule nach. Sein Sprachdefizit fing er mit der konsequenten Lektüre von Zeitungen und Büchern auf. „Am Anfang war es eine harte Zeit, denn Deutsch ist eine schwierige Sprache. Gut, dass ich zumindest Englisch konnte“, erzählt Kader. Mathematik ist für ihn dagegen kein Problem gewesen.

Gewinner von „Macher gesucht“
Etwas leichter war es für seinen Neffen Dilman Movaied Khder (17), der erst im September mit seiner Ausbildung bei dem Münchner Metallbauer begann. Da er bereits als Achtjähriger nach Deutschland kam, lernte er sehr schnell Deutsch, machte den qualifizierten Hauptschulabschluss und gewann für seine Abschlussklasse an der Mittelschule 2014 sogar den Klassenpreis von „Macher gesucht“, einer Nachwuchskampagne des Bayerischen Handwerktages (BHT). Als gute Unterstützung sieht Dopfer die Münchner Adolf-Kolping-Förderberufsschule, die eine sehr gute Unterstützung für Jugendliche bietet.
Als Lehrlingswart der Metallinnung München-Freising-Erding hat Dopfer bereits viele Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht. Er sieht die zum Teil negative Diskussion um die Flüchtlingskrise sehr kritisch. „Wir brauchen die jungen Menschen. Sobald sie arbeiten, zahlen sie Sozialbeiträge und Steuern. Das ist eine Win-Win-Situation für alle, für die Betriebe, die jungen Menschen und unsere alternde Gesellschaft.“

Fach-Sprachkurse geplant
Um hier noch mehr zu fördern, plant die Metallinnung München-Freising-Erding zusätzliche Fach-Sprachkurse für Flüchtlinge, die eine Ausbildung im Metallbau oder in der Feinwerkmechanik anstreben. Für Dopfer ist es wichtig, keine Berührungsängste zu haben: „Wenn man die Flüchtlinge als Mitarbeiter anständig behandelt und sie ins Team passen, dann funktioniert das nicht nur, sondern ist auch eine Bereicherung.“
Dies sieht auch Ulrich Benke so. Der Inhaber der WBG Blechverarbeitung GmbH aus Villigst (NRW) ist voll des Lobes für Yamoussa Sylla aus Guinea (Westafrika). „Er machte zuerst ein Praktikum bei uns. Er war und ist freundlich, menschlich und handwerklich geschickt. Ich wollte ihn sofort haben.“ Und so lernt Sylla seit August Metallbau, Fachrichtung Konstruktionstechnik. Sylla, den alle im Betrieb Moussa nennen, „kann jetzt schon bald mehr als so mancher deutsche Lehrling im zweiten Lehrjahr. Dabei hat er zuvor viele Absagen bekommen“, so Benke. Der Familienbetrieb mit 19 Mitarbeitern ist auf Einzel- und Sonderanfertigungen in der Blechverarbeitung spezialisiert, insbesondere auf Stahlblechgehäuse. Der 44-jährige Diplom-Ingenieur, für den eine gute Lehrlingsausbildung eine Herzensangelegenheit ist, hat bereits Erfahrung mit Migranten. „Wir hatten auch schon einen Azubi aus der Türkei und einen aus Sri Lanka.“


Spaß an der Arbeit
Wichtig ist, dass sie Spaß an der Arbeit haben und ins Team passen. Teamfähig ist auch Sylla, trotz seiner schweren Geschichte. Er kam als 16-Jähriger ohne Familie nach Deutschland. Die Mutter war schon bei der Geburt gestorben, der Vater während der Kriegswirren unter der Militärdiktatur verschollen. „Es war nicht einfach für mich. Wir in Guinea sind viel offener. Bei uns bist du immer willkommen. Hier ist das nicht überall so, manche haben Vorbehalte gegenüber dunkelhäutigen Menschen. Dann noch die schwere deutsche Sprache, allein hier, ohne Freunde und Familie. Ich musste richtig kämpfen“, zieht der heute 23-Jährige Bilanz. Und Sylla gab nicht auf, machte den Hauptschulabschluss, absolvierte parallel dazu an der Abendschule die Mittlere Reife. Daran schloss sich ein Berufsfindungsjahr an.

Psychologische Unterstützung
Er ist glücklich über seine Ausbildung, seinen Chef und die Belegschaft, die ihn gut aufgenommen hat. Als sehr guter Fußballer fand er zudem bald Anschluss im Verein. Heute spielt er bereits in der Westfalenliga bei SV Brackel (Dortmund) und ist gut integriert. Dank psychologischer Unterstützung konnte er auch die schwere Zeit der Militärdiktatur in seiner Heimat und seine ersten, einsamen und „sprachlosen“ Monate in Deutschland gut verarbeiten. Sein Chef, Ulrich Benke, schätzt ihn nicht nur als zuverlässigen und geschickten Mitarbeiter: „Es ist ja auch gut, mal über den Tellerrand hinauszuschauen, etwas über andere Kulturen zu erfahren. Und diese Lebensgeschichte in so jungen Jahren gibt einem schon zu denken, wie gut es uns hier geht.“

Große Hilfe durch Betreuer
Großen Dank zollt Benke auch Karl Draxler, Syllas Betreuer. „Dank seiner Unterstützung hatte ich nichts mit der Bürokratie zu tun“, lobt er das ehrenamtliche Engagement des Rentners, der Flüchtlinge betreut. Der ehemalige Geschäftsführer eines Mittelstandsunternehmens engagiert sich bewusst im Patenprogramm des Arbeitsamtes Dortmund und betreut junge Flüchtlinge bei der Arbeitssuche. „Ich begleite diese Jugendlichen bei Behördengängen, bei der Vermittlung von Praktika und Vorstellungsterminen, helfe ihnen bei den Anträgen für Wohngeldzuschuss und bin auch da, wenn sie Sorgen und Nöte haben“, informiert der 66-Jährige über sein Engagement. Seinen Ersatz-Papa nennt ihn denn auch Sylla liebevoll: „Er hat mir wirklich viel geholfen, war da, wenn ich Unter­stützung brauchte.“ Erst kürzlich waren sie wieder gemeinsam bei einem Bundesliga-Fußballmatch im Stadion. Nach wie vor sind sie in ­Kontakt, denn trotz guter Deutschkenntnisse sind die Behördengänge und die halbjährliche Verlängerung der Duldung für ihn sehr schwierig zu organisieren, so Sylla.

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