Statement Corona-Krise

Geschäftsführer Michael Niebuhr

„Sobald verantwortbar sind Lockerungen nötig!“

Dipl.-Ing. Michael Niebuhr (30) ist seit dem Abschluss seines Maschinenbaustudiums an der Universität Magdeburg im elterlichen Betrieb tätig. Inzwischen verantwortet er zusammen mit Vater Maik Niebuhr die Geschäftsführung. Niebuhr Stahlglastechnik in Gardelegen beschäftigt rund 85 Mitarbeiter.

„Mit dem Standort in einer strukturschwachen Gegend und moderatem Breitbandausbau kann ich nicht Mitarbeiter vom Homeoffice aus arbeiten lassen, die große Plandaten herunterladen müssen. Von unseren 85 Mitarbeitern sind etwa 20 im Homeoffice tätig – insbesondere die Projektleiter und das Personal aus der Verwaltung. Für diese Mitarbeiter haben wir auch Kurzarbeit beantragt.

Die rasante Digitalisierung ist ein positiver Nebeneffekt der Krise, vorab wurden die neuen Medien in der Baubranche noch nicht so akzeptiert. Früher hatte ich jährlich drei bis vier Video- und etwa 50 Telekonferenzen, heute hingegen täglich drei bis vier Video- und ca. zwei Telekonferenzen. Auch funktionieren manche Arbeitsabläufe wie beispielsweise Planungsprüfungen gerade schneller. In der Fertigung wiederum brauchen wir wegen der hygienetechnischen Vorgaben etwa 20 - 30 Prozent mehr Zeit.

Zur Firma haben Betriebsfremde keinen Zugang mehr. Die Arbeitsplätze sind teils mit Plexiglas oder weiteren baulichen Maßnahmen abgegrenzt. Zur Umsetzung des Hygienekonzeptes haben wir eine zweite Reinigungskraft engagiert; beispielsweise werden unsere Türklinken alle 3 - 4 Stunden desinfiziert. Selbst zu unseren eigenen Monteuren haben wir keinen direkten Kontakt. Für sie hinterlegen wir immer freitags das Material auf Paletten in der Halle. Damit wir alle Monteure und unsere stationären Mitarbeiter auch ausreichend mit Schutzausrüstung ausstatten konnten, haben wir eine Nähmaschine angeschafft und selbst geschneidert.

Mit den Zulieferern gibt es keine Probleme, das Material wird zu 95% geliefert und den Rest können wir kompensieren. Die Fertigung läuft seit Start der Corona-Krise vollumfänglich in Schichten, die jeweils keinen Kontakt miteinander haben. In der Produktion stehen jedem Mitarbeiter ca. 30 m² Produktionsfläche zur Verfügung. Unsere Arbeit auf den Baustellen ist zu etwa 25% reduziert, wobei lediglich ein Standort wegen Infektion gesperrt wurde, bei allen anderen ist die Sperrung eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen. Ich bin gespannt, welche Folgen das für die gesetzten Termine hat und wie sich das vertraglich konkretisiert […]. Ich bin mir sicher, bei Gericht werden sich die Klagen aufgrund von Termin- und Verzugsthemen stapeln.

Aufträge wurden bislang noch keine storniert, wobei wir ausschließlich für öffentliche Auftraggeber arbeiten und dies in diesem Segment nicht so einfach ist. Bei den Auftragseingängen ist ebenfalls kein Rückgang spürbar, wobei die Ausschreibungen, für die wir aktuell Zuschläge bekommen, alle noch vor der Corona-Krise veröffentlicht wurden. Aber das Vergabeprozedere ruht seit einigen Wochen bzw. läuft eingeschränkter, deshalb kann ich mir vorstellen, dass sich in etwa drei Monaten eine Lücke auftut und im Anschluss kurzfristig Aufträge auf uns zukommen, die dann zugleich kurzfristig bearbeitet werden sollen. So eine Situation kann sich negativ auf die Preise niederschlagen.

Theoretisch sind wir für das Jahr 2020 ausgelastet. Ob das praktisch so ist, hängt davon ab, ob der Geldfluss und die Materiallieferung funktioniert. Wenn es bei den Zahlungen Schwierigkeiten gibt und ich nicht mehr liquide bin, um vorab die Materialkosten zu stemmen, dann hilft uns die gute Auftragslage nicht. Natürlich sind wir auch mit den Behörden im Gespräch, welche Krisen-Hilfsangebote für uns in Frage kommen.

Weiterbildung über Webinare kommt für uns nur sehr eingeschränkt infrage. Eine Rechtsberatung zur VOB kann ich mir online gut vorstellen, nicht aber eine Produktschulung. Wir möchten Produkte in die Hand nehmen, auf digitale Angebote werden wir uns da erst einlassen, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Über die Aussichten in 2021 lässt sich nicht viel sagen, die liegen in den Händen der Politiker. Für unser Unternehmen kann ich sagen: So wie es jetzt läuft, können wir noch ein wenig weitermachen. A und O ist der Geldfluss; wir müssen Rechnungen stellen können und die müssen verlässlich bezahlt werden. Unsere Branche wird die Folgen verstärkt erst im Nachhall spüren, wenn die gesellschaftliche Problematik gelöst ist.“

Das Statememt ist vom 20.5. 2020.

www.stahlglastechnik.de

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