Interview

Pläne der Wicona Geschäftsführung

Ralf Seufert und Dr.-Ing. Werner Jager

Seit Januar wird die Marke Wicona in den D-A-CH-Ländern von einer dreiköpfigen Geschäftsführung geleitet: Ralf Seufert (Vorsitzender), Dr.-Ing. Werner Jager (Technisches Marketing) und Geno Shulew (Finanzen). Wir haben im Februar Seufert und Jager in Frankfurt im NEXT Studio getroffen.

metallbau: Wie schätzen Sie die Marktsituation im Segment Systemprofile für Aluminiumfenster, -türen und -fassaden ein?

Ralf Seufert: Der Markt wächst. Wir würden sogar von einem kleinen Boom sprechen, den unsere Kunden bestätigen. Die Metallbauunternehmer suchen ja händeringend nach zusätzlichen Kapazitäten: Wegen Fachkräftemangel können momentan Aufträge am deutschen Markt nicht platziert werden. Das führt dazu, dass Metallbauer aus den angrenzenden Nachbarstaaten nach Deutschland drängen und diese Aufträge übernehmen. Wir gehen in den D-A-CH-Ländern derzeit von einem Wachstum zwischen 5 und 6 Prozent aus.

metallbau: Aber der Markt ist stark umkämpft!

Dr.-Ing. Werner Jager: Im Spiel der Marktbegleiter differenzieren wir uns klar, auch weil wir partnerschaftliche Nähe zu den Kunden mitbringen. Aus dem Know-how unserer umfassenden Systemerfahrungen sind wir sehr gut in der Lage, individuelle Anpassungen für Objektlösungen vorzunehmen. In diesem Punkt sind wir natürlich auch für Architekten interessant. Inzwischen macht unser Objektgeschäft 30 bis 40 Prozent vom Umsatz aus.

metallbau: Auf welchen Markt beziehen sich diese Zahlen, auf Deutschland?

Seufert: Dr.-Ing. Jager, Geno Shulew und ich sind von Ulm aus für die D-A-CH-Länder zuständig – wobei dazu auch noch die südosteuropäischen Länder dazugehören. Auf diese Region beziehen sich die Zahlen. Volumen über die D-A-CH Region hinaus werden von eigenen Organisationen in den jeweiligen Ländern bedient. Unser Ziel ist es, durch diese regionale Struktur fokussiert auf die individuellen lokalen Bedürfnisse unserer Partner eingehen zu können.

metallbau:  Wie groß ist Wicona-D-A-CH?

Seufert: Aktuell beschäftigen wir 500 Mitarbeiter. Weil der Markt für Arbeitskräfte allerdings hierzulande leergefegt ist, haben wir in Budapest eine verlängerte Werkbank gegründet und unsere technischen Personalressourcen mit Architekten, Technikern und Ingenieuren aufgestockt – alles deutschsprachige Mitarbeiter. Würden wir für den Standort Ulm Personal finden, dann würden wir auch hier zusätzliche Mitarbeiter anstellen.

metallbau:  Gibt es für 2019 Pläne für den Standort Deutschland?

Dr.-Ing. Jager: Was unsere Geschäftsbereiche wie Industrial, System und das Objektgeschäft betrifft, haben wir intensive Anforderungen an unsere Geschäftsprozesse. Deshalb haben wir in den vergangenen eineinhalb Jahren schon 7 Millionen Euro in unsere Logistik- und Produktionsbereiche investiert. Hinzu kommen im Laufe des Frühjahrs noch die Ausgaben für die strategische Erweiterung durch MBG Metallbeschichtung Gerstungen, das Unternehmen hat bislang als externer Beschichter für uns gearbeitet. Künftig möchten wir das Thema Beschichtung stärker firmenintern integrieren.

Seufert: Bei der MBG sind derzeit 120 Mitarbeiter beschäftigt, darüber hinaus werden wir an dem Standort Gerstungen weitere Mitarbeiter benötigen. Wir erwerben derzeit Flächen, auf denen wir unsere Lager- und Verbundkapazitäten ausbauen möchten. Das soll alles in diesem Jahr über die Bühne gehen, sodass wir bald mehr als 620 Mitarbeiter sein werden. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass wir die bisherigen externen Beschichter auch künftig benötigen. Wie gesagt, wir haben Zuwächse, daher brauchen wir diese Kapazitäten.

metallbau: Wicona wirbt mit Kundennähe zu den Metallbauern. Was haben Sie dafür in den letzten Jahren getan?

Seufert: Seit wir vor ca. 2,5 Jahren unsere Vertriebsstruktur im deutschen Raum angepasst haben und seither mit Vertriebbüros in Leipzig, Ratingen und Ulm agieren, differenzieren wir unsere Kunden in drei Hauptgruppen. Wicona Industrie kümmert sich um Kunden, die beispielsweise in großer Anzahl Aluminiumtüren fertigen. Key Accounter begleiten größere Metallbauer, die auch international Aufträge abwickeln, und es gibt eine spezielle Gruppe, die sich um die Umsetzung komplexer Projekte teils mit aufwändigen Beschichtungen kümmert. Unser Standardgeschäft haben wir über unsere kundennahen lokalen Vertriebsbüros sehr gut im Griff.

Dr.-Ing. Jager: Zudem haben wir unser Weiterbildungsangebot optimiert – im vergangenen Jahr haben über 1.500 Interessenten und Kunden unser Jahresprogramm genutzt. Wir gehen davon aus, dass die Zahl steigt, da wir seit diesem Jahr zertifizierter Weiterbildungspartner des ift Rosenheim sind. Und in diesem Zuge auch unsere Wicona Ausbilder zum ift-geprüften Trainer Montage ausgebildet wurden. Top-Experten wie Prof. Michael Lange oder Prof. Christian Niemöller und weitere Fachleute der Industrie zeigen neueste Entwicklungen wie Erkenntnisse auf — kompetent, detailliert, praxisnah — und für uns als Wicona wie für die Teilnehmer zusätzlich entscheidend – neutral in der Ausführung. Die Themen umfassen die Vielfältigkeit des Metallbaus angefangen von Einbruchhemmung über Luftdichtigkeit und Lüftungskonzepte bis hin zu RAL-Bauanschlüsse und Baurecht.


metallbau: Nun zu den Produkten, welche Trends zeigt die Nachfrage?

Dr.-Ing. Jager: Schwerpunkt der Nachfrage ist weiterhin die Pfosten-Riegel-Fassade als Systemlösung, wobei ein guter U-Wert inzwischen als Standard gefordert wird. Die Nachfrage nach Lösungen für Passivhäuser ist hingegen nunmehr weniger stark ausgeprägt. Ein spannendes Thema vor allem wegen der zunehmenden Urbanisierung ist der Schallschutz. Dieser lässt sich sehr gut mit der Elementfassade, aber auch mit unseren Standard-, Verbund- oder Kastenfensterlösungen umsetzen. Wachstum beschert der Elementfassade jedoch auch der Trend zur Modularisierung, inzwischen sind häufig unterschiedliche Unternehmen mit Fertigung und Montage der Elemente beauftragt. Wachstumspotenzial als Elementfassade haben sicher die Closed-Cavity-Fassade (CCF) und die Doppelfassade.

metallbau: Als Wicona vor drei Jahren ein System für CCF angekündigt hat, gab es doch einige Skeptiker in der Branche!

Dr.-Ing. Jager: Im Objektgeschäft insbesondere in der Schweiz, wo wir Marktführer sind, setzen wir seit ca. drei Jahren Closed-Cavity-Fassaden um. CCF als weiterentwickelte Systemlösung haben wir  — in Wirtschaftlichkeit und Ausführung verbessert — auf der BAU vorgestellt, damit lassen sich Konstruktionen über unsere Software Wictop kalkulieren, sodass den Fassadenbauern nun für mittlere Objekte diese Lösung zur Verfügung steht.

metallbau: Wie gestaltet sich der Support von Wicona für Verarbeiter der CCF-Technologie?

Seufert: In der Komplexität ist CCF vergleichbar mit Anforderungen an Brandschutzfassaden, deshalb wird von uns die Umsetzung kontinuierlich begleitet, egal ob es sich um große oder kleine Objekte handelt. Mit dem Know-how um die Lüftungstechnik für die zweischalige Fassade verlassen Metallbauunternehmen gefühlt die Komfortzone ihres Gewerks. Diejenigen Partner, welche schon CCF mit uns gebaut haben, versichern jedoch, dass bei näherer Betrachtung die ursprünglich als herausfordernd angesehene Aufgabe einfacher zu realisieren ist als gedacht.

metallbau: Das ist auch in punkto Gewährleistung ein Problem!

Seufert: Wir haben eine Lösung gefunden, Wicona übernimmt die Installation, Berechnung und Auslegung der Druckluftanlage als Nachunternehmer komplett und gibt dafür zehn Jahre lang Garantie. Der Metallbauer auf der Baustelle muss die Druckluft nur noch am Element anstöpseln.

metallbau: Wie viele CCF-Objekte hat Wicona schon umgesetzt und wie ist die Situation auf dem deutschen Markt?

Dr.-Ing. Jager: Wir haben eine Vielzahl von Objekten in der Schweiz umgesetzt, dort befinden sich Gebäude länger in den Händen der Investoren als bei uns. Das ist für den Vertrieb dieses Fassadentyps förderlich: Investoren, die sich für den Bau einer CCF-Fassade entscheiden, bietet dieser Fassadentyp zahlreiche Vorteile wie Gewinn an vermietbarer Fläche und verminderte Unterhaltskosten, was sich vor allem bei der Gesamtkalkulation schnell auch kommerziell bezahlt macht. Mit dem Auftritt auf der BAU in München forcieren wir nun intensiv das Thema CCF auch im deutschen Markt.


metallbau: Inwiefern ist die CCF-Technologie preislich attraktiv?

Dr.-Ing. Jager: Ein außenliegender, windstabiler Sonnenschutz ist wesentlich teurer als ein Sonnenschutz im CCF-Element, zudem sind die Intervalle für die Wartungszyklen des Sonnenschutzes bei der konventionellen Fassade wesentlich kürzer als bei der Doppelfassade, ebenso die Reinigungskosten.

metallbau: Wie steht es um die Nachfrage nach Autarken Fassaden?

Dr.-Ing. Jager: Für unser intelligentes Fassadenkonzept mit integrierter aktiver und autarker Gebäudetechnik braucht es immer einen Systemintegrator, der die komplette Garantie für das System übernimmt. Kann  dieser Systemintegrator definiert werden, steht der Umsetzung nichts mehr im Wege. Es geht für den Bauherren, wie Planer und Architekten immer auch um Verlässlichkeit und Gewährleistung.

metallbau:  Welche Trends zeichnen sich bei den Funktionen der Elemente ab?

Seufert: Weil die Flächen für Baugrund insbesondere in den Städten begrenzt sind, steht mittlerweile Schallschutz im Ranking ganz oben, dann geht es Architekten und Bauherren um die Lüftung. Für unser CCF-System bieten wir beispielsweise mit Lüftungsklappen für die geschlossene Fassade eine Lösung an. Und an dritter Stelle würde ich den Einbruchschutz platzieren, insbesondere für das Erdgeschoss. Die Überwachung der Fenster, ob sie offenstehen oder geschlossen sind, ist zielführend.

metallbau:  Um die zunehmende Komplexität der Gebäudehüllen zu meistern, ist stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit gefragt. Gibt es Anzeigen dafür, dass sich die Branche in diese Richtung bewegt?

Seufert: Mit unserem NEXT Studio in Frankfurt haben wir gezielt eine interdisziplinäre Kommunikationsplattform geschaffen. Bei den Veranstaltungen tauschen sich Metallbauer, Architekten, Konstrukteure, Planer und Sachverständige aus. In der Praxis der Projektabwicklung unterstützen wir die interdisziplinäre Zusammenarbeit auch durch unsere Wicona Ansprechpartner im Markt, welche mit allen Projektbeteiligten in Kontakt stehen, um den Informationsfluss zu unterstützen.

metallbau:  Bringt denn das Thema BIM Architekten und Metallbauer näher zusammen?

Dr.-Ing. Jager: In Middle East wird seit nun mehr über 15 Jahren die BIM Arbeitsweise genutzt. Architekten sind es dort gewohnt, in BIM zu arbeiten, und die ausführenden Betriebe können selbstverständlich diese Daten lesen und damit umgehen. Informationen werden so zielgerichteter ausgetauscht. Das funktioniert aber nur, weil beide Seiten in der Lage sind, die Informationen zu verstehen und die richtigen Schlüsse aus den Daten zu ziehen.

metallbau: Kann denn BIM tatsächlich so viele Fehlerquellen für die Baubeteiligten beseitigen, wie das die Branche erwartet?

Dr.-Ing. Jager: Wenn die Bauwirtschaft BIM im eigentlichen Sinne umsetzen würde, würden ausführende Betriebe bereits in die Erstellung der Ausschreibung einbezogen beziehungsweise bereits bei der Vergabe in die Planung involviert werden — in Großbritannien (UK) wird das schon lange praktiziert. Metall- oder Fassadenbauer, die in UK bereits während der Planungsphase tätig sind, erhalten dafür einen Auftrag, in Deutschland ist das ein Engagement ohne Erfolgsgarantie, das beratene Projekt auch für das eigene Unternehmen zu gewinnen. Wenn hierzulande künftig Planungsleistungen an Metallbauunternehmen vor der Ausschreibung professionell vergeben werden könnten, dann wäre das ein Schritt zugunsten höherer Qualität. In einer Ausschreibung, die ohne den Fachmann des jeweiligen Gewerks erstellt wird, können Schnittstellen nicht präzise beschrieben werden – Fehler in der Umsetzung sind vorprogrammiert. BIM alleine ist also keine Lösung für mehr Qualität, es ist vielmehr eine Änderung der Vergabepraxis notwendig.

metallbau: Welche Bedeutung hat BIM in den D-A-CH-Ländern?

Dr.-Ing. Jager: Im deutschsprachigen Bereich ist in Österreich in Sachen BIM mehr angestoßen worden, u.a. auch durch Normen zur Arbeit mit 2D wie 3D CAD im Sinne von BIM. Ansonsten ist die Arbeitsweise immer noch ein untergeordnetes Thema. Architekturbüros arbeiten schon häufiger in BIM oder 3D, die Schnittstelle zu den ausführenden Gewerken fehlt aber meist. Die Frage, wie wir die ausführenden Betriebe in die BIM Arbeitsweise kriegen, wird ein spannendes Thema für die D-A-CH-Region. Sie sind immer noch eher gewohnt, tradiert zu arbeiten — große Architekturbüros, aber auch einige Planer und Generalplaner hingegen denken schon in BIM oder in 3D.

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