Prüfinstitute in der Corona-Krise

Zwischen Entschleunigung und Digitalisierungsschub

Ein bewegtes Jahr hat die Branche hinter sich. Auch Prüfinstitute spüren Auswirkungen der Coronakrise. Wir sprachen über die negativen Folgen, aber auch über positive Entwicklungen mit dem Prüfzentrum für Bauelemente (PfB), dem Prüfinstitut Schlösser und Beschläge Velbert (PIV), dem Labor für Stahl- und Leichtmetallbau (LSL) in Kissing und dem ift Rosenheim.

Durch die Krise ergeben sich schnelle Möglichkeiten, einen Wandel voranzubringen, insbesondere in Bezug auf die Digitalisierung, wie der Institutsleiter des PfB Rosenheim Peter Mayer feststellt. Seine Beobachtung: Durch die Grenzsperrungen kam es zu einigen Lieferverzögerungen, und Bauelemente konnten nicht im geplanten Zeitraum geprüft werden. Auch die Montage der Elemente konnte nicht in gewohnter Weise erfolgen. Daher mussten die Prozesse im Umgang mit den Kunden des Prüflabors zum Teil neu ausgerichtet und digitaler werden. „Sicher ist, dass die Dynamik, mit der wir konfrontiert werden, ein zunehmend agileres Handeln und Arbeiten von uns fordert. Dies wird auch die Marktanforderungen verändern“, resümiert er.

Heute bietet das PfB seinen Kunden Online-Videokonferenzen zur Planung von Prüfungen, Online-Prüfpräsenz mit Videokonferenz auch über Corona hinaus, Online-Schulungen für mechanische Errichter und Online-Audits für Zertifizierungen. Bei Letzteren werden zunächst die Dokumente begutachtet und dann ein Termin für einen Videocall vereinbart. Soweit es die technische Ausstattung zulässt, gibt es auch einen digitalen Rundgang durch die Fertigung. Online-Schulungen werden in gewohnten Formaten mit entsprechenden Präsentationen abgehalten. Leitlinie ist bei allen Angeboten Kundennähe und -zufriedenheit.

„Immer gut zu tun“

„Natürlich merken auch wir die Auswirkungen der Pandemie. Prüfungen sind teilweise verschoben oder abgesagt worden. Zudem kommt es zu längeren Durchlaufzeiten, da die Kommunikation mit den Kunden durch die Pandemie und die Maßnahmen wie Kurzarbeit oder Homeoffice verlangsamt ist“, lässt das Prüfinstitut Schlösser und Beschläge Velbert (PIV) wissen.

Generell habe man, neben den jährlichen Überwachungsprüfungen, im PIV „immer gut zu tun“. Gearbeitet wird unter Einhaltung der Corona-Schutzvorschriften. Daher können auch Prüfungen vor Ort oder im PIV stattfinden. Unter anderem gibt es einen Corona-Fragebogen, den die Kunden vor dem Besuch im PIV ausfüllen müssen, damit eine Nachverfolgung sichergestellt ist. Trotzdem werden die Kontakte auf das Nötigste reduziert und die behördlichen Empfehlungen und Anordnungen strikt eingehalten. Zudem hat das PIV ein Corona-Management. Es werden Änderungen der Schutzvorschriften im Blick behalten und an die Mitarbeiter kommuniziert.

Das PIV bietet Remote-Audits an, in der Regel per Videokonferenz. Diesen geht jedoch laut Institut immer eine Risikobewertung voraus. Dabei orientiert man sich an verschiedenen Bewertungsfaktoren: Unter anderem wird geschaut, ob vorherige Audits beim Kunden vor Ort unauffällig waren, sprich, ob kritische oder nicht kritische Abweichungen festgestellt wurden. Erst wenn die Bewertung insgesamt positiv ausfällt, sei es, so das PIV, vertretbar, aufgrund der aktuellen Lage auf ein Remote-Audit auszuweichen. Der sonst übliche Fertigungsstätten-Besuch entfällt. Dies wird jedoch in dem Audit-Bericht vermerkt, damit die Fertigung eventuell zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal begutachtet wird.

Mehr Aufträge für deutschen Markt

Auch beim Labor für Stahl- und Leichtmetallbau (LSL) in Kissing sind digitale Besprechungen und Remote-Audits nicht mehr wegzudenken. Alexander Lorenz, Prüfstellenleiter Glasbau, berichtet: „In der Anfangszeit der Krise haben wir einige Prüfungen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Für viele langjährige Kunden machen wir Pendelschlagversuche und andere Versuchsaufbauten mittlerweile auch per Remote-Zuschalte. Das funktioniert sehr gut.“ Auftraggeber sparen durch die Online-Audits Zeit und Anfahrtskosten. Zufrieden mit der neuen Kommunikationsform sind beide Seiten, und so will man diese auch in Zukunft beibehalten.

Einen Rückgang des Arbeitsaufkommens durch Corona kann Lorenz nicht feststellen. Das könnte seiner Meinung nach mitunter daran hängen, dass sich viele Firmen momentan verstärkt der Produktentwicklung widmeten. Prüfaufträge fürs internationale Projektgeschäft seien allerdings „spürbar“ weniger geworden – was aufgrund der Einreisebeschränkungen und den diversen Corona-Auflagen nachvollziehbar ist. Entsprechend mehr wird jetzt im Kissinger Labor für den deutschen Markt geprüft. „Ich kann aber schwer einschätzen, ob das eine echte Verlagerung des Marktes ist“, räumt der Glasexperte ein. Gefragt, ob es in einem Jahr einen Einbruch geben wird, antwortet er: „Wir als Prüfinstitut kommen ja erst dann zum Zug, wenn das Projekt schon zwei Jahre in Planung ist.“

Schnelle Umstellung und Neukunden

In den Monaten März bis Mai 2020 haben Unternehmen „alle Aufgaben, die nicht dringend notwendig waren“, zunächst einmal zurückgestellt, meint Jürgen Benitz-Wildenburg, Pressesprecher vom ift Rosenheim. Viele Prüftermine (aber nicht die Aufträge) wurden infolgedessen verschoben. Im Laufe des Jahres habe sich die Lage allerdings wieder „normalisiert“. In den Zeiten, in denen Rosenheim Infektions-Hotspot war und Firmen keine Monteure schicken wollten, nahm das Prüflabor den Service qualifizierter Fremdfirmen in Anspruch, um dennoch dringliche Termine zu halten.

Das Institut hat in Kommunikationstechnik investiert und verfügt heute sogar über ein eigenes Aufnahmestudio, das auch von Kunden für Online-Veranstaltungen genutzt wird. „Durch die Intensivierung der Videokommunikation können wir auch den Standortnachteil Rosenheim ausgleichen. Firmen, die im Norden Deutschlands beheimatet sind, nutzen diese Möglichkeit der Abstimmung mehr und mehr“, so Benitz. Teilweise habe man auch neue Kunden dazugewinnen können. Das führt der Pressesprecher aber weniger auf das technische Upgrade, sondern vielmehr auf die Tatsache zurück, dass die Labore im Lockdown-Frühjahr, im Gegensatz zu anderen Prüfstellen, zu keinem Zeitpunkt geschlossen blieben.

Nachhaltige Änderung der Meeting-Kultur

Auf Homeoffice stellte das ift dank der vorhandenen IT-Infrastruktur innerhalb von zwei Wochen um. Vorteile bringt die Digitalisierung auch den Kollegen, die an vielen Normen- und Ausschusssitzungen beteiligt sind. Diese werden jetzt ganz selbstverständlich als Videokonferenz geführt. „Das wird auch nach der Pandemie sicher so bleiben. Je nach Aufgabenstellung brauchen wir natürlich auch wieder persönliche Treffen, denn die ganze Vielschichtigkeit eines Austauschs kann man nicht per Video umsetzen“, erläutert Benitz.

Gearbeitet wird in dem Rosenheimer Unternehmen, sofern die Anwesenheit erforderlich ist, im Schichtsystem. In den Labors und im gesamten Gebäude herrschen strenge Hygienevorschriften mit FFP2-Maskenpflicht. Dadurch konnten Coronafälle mit Schließungen vermieden werden. Nun wird gerade intensiv an einem Impfangebot durch den Betriebsarzt gearbeitet. Eine ähnliche Vorgehensweise sieht Benitz in ähnlicher Weise auch bei den meisten Kunden. In kleinen Handwerks- und Produktionsbetrieben ist das aber oft schwieriger. Gerade bei Montagetrupps sind das Tragen von Masken bei anstrengender körperlicher Arbeit und das Einhalten von Mindestabständen problematisch. Dadurch erhöht sich das Infektionsrisiko – mit der Folge, dass wichtige Mitarbeiter ausfallen und Montagetermine nicht eingehalten werden können.

Neue Geschäftsmöglichkeiten

„Können Sie auch Atemmasken prüfen?“ Diese Anfrage erhielt das ift Rosenheim im April 2020. Denn einige Normen sind für die Prüfung der Luftdichtigkeit und Infiltration von Fenstern die gleichen wie für Atemschutzmasken. Aufgrund der flexiblen Akkreditierung des Instituts und des engagierten Einsatzes der Prüfingenieure wurde innerhalb von fünf Wochen ein entsprechendes Prüflabor eingerichtet. Seit Februar 2021 besitzt das Rosenheimer Institut nun auch die Notifizierung für FFP2- und FFP1-Masken und persönliche Sicherheitsausrüstungen (PSA). Das PSA-Labor wird nun ausgebaut, um in einigen Monaten auch Helme, Schutzbrillen und Berufskleidung prüfen zu können.

www.pfb-rosenheim.de

www.piv-velbert.de

www.laborsl.de

www.ift-rosenheim.de

Nachgefragt beim FVSB

Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbandes Schloss- und Beschlagindustrie

„Im ersten Quartal gab es gar keine oder nur leichte Umsatzeinbrüche. Im zweiten Quartal hat die Produktivität durch den ersten Lockdown deutlich nachgelassen. Das hat sich aber nach und nach erholt und im letzten Quartal an Fahrt aufgeholt. Insgesamt ist die Schloss- und Beschlagindustrie vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Vor allem der Absatz im Wohnungsbau hat deutlich zugelegt.

Pandemiebedingt haben unsere Mitglieder ihr Sortiment zum Beispiel um antibakterielle Beschläge ergänzt. Vermutlich haben die Unternehmen verstärkt auf die Ausrüstung für Krankenhäuser und Kliniken gesetzt. Das sind aber Momentaufnahmen, sicherlich keine langfristigen Trends. Die Unternehmen fassen die Situation eher so zusammen: „Wir fahren auf Sicht.“  Eine langfristige Planung ist derzeit nicht möglich.

Viele Unternehmen berichten uns, dass sie „unter Plan“, aber eigentlich „über dem Vorjahr“ sind. Zusammen mit dem Verband Fenster + Fassade, dem Bundesverband Flachglas und dem Industrieverband pro-K haben wir eine Gemeinschaftsstudie in Auftrag gegeben, in der von Heinze Fenster- und Außentürenmärkte im halbjährlichen Rhythmus prognostiziert werden. Nach den relativ schlechten Hochrechnungen im Frühjahr 2020 werden darin die Absatzzahlen deutlich nach oben revidiert. Man geht in der Studie davon aus, dass der Fenstermarkt in diesem Jahr ein leichtes Minus von 0,6 Prozent davonträgt und der Türenmarkt mit 1,2 Prozent im Plus abschließen wird. Auffällig ist, dass der Neubau etwas nachlässt und die Sanierung an Bedeutung gewinnt.“

Das für „Fenster, Türen, Vorhangfassaden“ zuständige DIN-Gremium ist der Arbeitsausschuss NA 005-09-01 AA „Türen, Tore, Fenster, Abschlüsse, Baubeschläge und Vorhangfassaden“. Die Normungsarbeit wurde hier trotz Corona fortgeführt. Sitzungen und notwendige Abstimmungsgespräche – national, europäisch, international – fanden als Web- bzw. Telefonkonferenzen statt. Unter www.metallbau-magazin.de finden Sie eine Zusammenfassung der Arbeiten im NA 005-09-01 AA.

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Die allgemeine Hotline des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWI) für Betriebe mit Fragen zur Corona-Krise ist montags bis Freitag zwischen 9 und 17 Uhr unter der Tel. 030 186151515 zu erreichen....

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