Nach der Bildungsreform

Von der Konsole zum Eiffelturm

Im Zentrum der Grundausbildung zur Metallbauerin ⁄ Metallbauer EFZ steht seit Sommer 2024 die Bearbeitung von Objekten; durch den praxis- und projektorientierten Unterricht sollen die Auszubildenden Handlungskompetenzen ihres Gewerks erwerben. metallbau hat mit dem Präsidenten der Grundbildungskommission sowie mit zwei Berufsfachschullehrern über den neuen Bildungsplan gesprochen.

Im Januar 2024 wurde der neue Bildungsplan in der Schweiz in Kraft gesetzt. Im Sommer desselben Jahres startete der Unterricht für die ersten Jahrgänge an den Berufsschulen anhand der neuen Vorgaben. Ab 2028 gibt es die ersten Abgänger, die nach dem neuen Bildungsplan ausgebildet wurden.

Mathias Hächler, Präsident der Grundbildungskommission Metaltec Suisse, zum aktuellen Stand der Bildungsreform: „Momentan läuft die Umsetzungsphase, die die Projektleiterin der beruflichen Grundbildung, Nicole Dalmus, leitet. Die Zusammenarbeit während einer Revision besteht in erster Linie mit den Arbeitsgruppen, dem SBFI (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation) des Bundes und den Kantonen.“

In der Schweiz gibt es zurzeit 23 Berufsfachschulen, die zum Beruf Metallbauerin ⁄ Metallbauer (EFZ) ausbilden. Eine dieser Berufsfachschulen ist die gibb Berufsfachschule in Bern. Dort werden Schüler, die jetzt im vierten Lehrjahr sind und nächstes Jahr fertig werden, noch nach dem alten System unterrichtet. Drei Klassen mit etwa dreißig Lernenden pro Lehrgang – also die Jahrgänge 1 bis 3 – werden nach den neuen Vorgaben unterrichtet.

Vom Fächerdenken zur Handlungskompetenz

Die „große“, zentrale Veränderung, die mit der Bildungsreform einhergeht, ist, dass nun die Handlungskompetenz im Vordergrund der Grundausbildung steht. Hächler fasst es so zusammen: „Die Ausbildung erfolgt nun handlungskompetenzorientiert und nicht mehr fachkompetenzorientiert. Das bedeutet, dass die Ausbildung nicht mehr in Fächern wie beispielsweise Mathematik oder Fachkunde erfolgt, sondern anhand von Praxisbeispielen und Projekten.“

Michel Meyer, Berufsfachschullehrer Metallbau am Berufsbildungszentrum Wirtschaft, Informatik und Technik in Sursee, konkretisiert: „In ausgewählten Lernsituationen planen Lernende ein Metallbauprodukt selbstständig – von der Materialwahl über die Konstruktion bis zur Fertigung. Sie entscheiden, dokumentieren und reflektieren.“ Diese Herangehensweise hebe sich sehr vom früheren „abgeschotteten Fächerdenken“ ab, betont der diplomierte Berufsfachschullehrer, der seit 16 Jahren an der Berufsfachschule im Kanton Luzern unterrichtet.

Wichtigstes Hilfsmittel für die Lehrenden sind die sogenannten ergänzenden Lehrmittel, die quasi den roten Faden des berufskundlichen Unterrichts an den Berufsfachschulen bilden. „Sie enthalten die zu erreichenden Handlungskompetenzen in Form von Aufgaben inklusive Pläne oder Stücklisten, die jeweils um einen realen Metallbauauftrag herum gelöst werden sollen“, so Meyer. Der Berufsfachschullehrer Metallbau wirkt in der Arbeitsgruppe mit, die die ergänzenden Lehrmittel konzipiert und ausarbeitet. Seit Januar 2023 hatte man darin methodisch didaktisch „ausgetüftelt“, wie und welche Handlungskompetenzen in den einzelnen Lehrjahren vermittelt werden sollen und die die Schüler erlernen, wenn sie die Aufgaben lösen.

Die Aufgaben werden immer komplexer

Mario Meinen ist seit 2009 Berufsschullehrer; seit zehn Jahren unterrichtet er zu 100 Prozent an der Berufsschule. Der 44-Jährige ist außerdem Präsident der Fachlehrervereinigung mebal.ch, in der die meisten Metallbau-Fachlehrer der Schweiz organisiert sind. An der gibb Berufsfachschule in Bern unterrichtet er mit sechs Kollegen Metallbauer (EFZ) und Metallbaukonstrukteure (EFZ) in allen berufskundlichen Fächern – also in allen Fächern außer Allgemeinbildung und Sport.

Der Fachgruppenleiter Metallbau lässt die Redaktion einen Blick auf die Aufgaben werfen, mit denen die Auszubildenden an der gibb – wie auch in allen anderen Schweizer Berufsfachschulen – nun Fähigkeiten wie Eigeninitiative und flexibles Arbeiten erlernen sollen. Bei der ersten Aufgabe wird eine Metallstütze hergestellt, dann eine Konsole, später ein Geländer oder ein Klettergerüst. „Am Anfang steht ein einfacher Auftrag und dann nimmt die Komplexität zu“, so Meinen. Er erläutert den Unterschied zur früheren Wissensvermittlung: „Früher hatten wir die Lernzielorientierung und separate Fächer wie Werkstoffkunde, Fachzeichnen oder Fachrechnen mit zum Beispiel Trigonometrie. Dann hat man die Trigonometrie abgeschlossen und ist zum nächsten Thema gegangen. Oder es wurde der Werkstoff Glas behandelt und am Ende dieser Lektionen wurde das Wissen über Glas abgeprüft.“ Heute seien die Schüler während einer Übung und der Bewältigung der Aufgaben „mehr auf sich selbst gestellt“, so Meinen. Wie zum Beispiel bei der Herstellung eines Eiffelturms im Miniatur-Format. Nach etwa acht Wochen Planung und Herstellung aus 2 mm dickem Stahlblech ist er 70 Zentimeter hoch. Meinen erläutert, was die Schüler dabei alles machen: „Sie lernen den Plan zu lesen und müssen die Zeichnungen ergänzen. Im Modul 5 geben wir ihnen die Ansicht eines Zwischenpodestes und sie müssen den Grundriss aus dieser Ansicht heraus zeichnen. Das benötigen sie dann später, um den Turm im überbetrieblichen Kurs zu bauen.“ Ähnlich äußert sich Michel Meyer zu den neuen Herausforderungen: Durch die Umstellung vom „fächerorientierten Unterricht auf kompetenzorientierte Lernarrangements“ werde das eigenverantwortliche Handeln der angehenden Metallbauer gefördert. Anhand konkreter Situationen soll ihnen nahegebracht werden, wie man auf Unvorhergesehenes reagieren kann. Dazu konfrontieren die Lehrer die Schüler mit bestimmten Fallstudien oder einer herausfordernden Situation: zum Beispiel sollen sie erläutern, wie sie vorgehen würden, wenn in der Produktion etwas falsch zugeschnitten wurde oder ein Lackschaden entstanden ist. Meyer erzählt noch eine andere „Rahmenhandlung“, die dazu animieren soll, eigenverantwortlich zu handeln: „Es gibt den Auftrag, ein Klettergerüst auf einem Spielplatz zu montieren; dort ist eine Schweißnaht gerissen. Wie gehst du jetzt vor? Vor Ort sind vielleicht spielende Kinder. Du musst den Bereich absperren. Dann siehst du noch ein Auto in der Nähe. Wenn du mit dem Winkelschleifer schleifst, dann ist die Gefahr da, dass du das Auto in Mitleidenschaft ziehst. Das alles sind Überlegungen, die man vielleicht am Anfang noch nicht im Blick hat. Diese werden durch die Übungen geschult und auf mögliche Hindernisse während des Arbeitsauftrags oder der Montage aufmerksam gemacht.“

Der Lehrer als Coach

 „Viele Betriebe müssen sich erst daran gewöhnen, Lernenden mehr Verantwortung zu übertragen und Lernprozesse bewusst zu gestalten“, so Meyer. Davon betroffen sind etwa 1.200 Lehrbetriebe in der Schweiz, die zum Metallbauer ausbilden. Auch die Berufsfachschullehrer sind dabei, ihr Rollenverständnis anzupassen. Sie schlüpfen nun eher in die Rolle eines Coaches, denn die Lernenden sollen die fachlichen Probleme selbstständig lösen. Die „ergänzenden Lehrmittel“, die auch den Lehrern als Orientierungshilfe dienen, wurden in Ergänzung zu den Fachbüchern ausgearbeitet, um die Bildungsreform besser umzusetzen. Laut dem Präsidenten der Grundbildungskommission werden sie schweizweit an den Berufsfachschulen im Berufskundeunterricht genutzt. „Zudem haben wir die neue Ausbildung an sieben verschiedenen Standorten in der Schweiz den Unternehmern, Fachlehrern und üK-Instruktoren vorgestellt“, berichtet Mathias Hächler. Sein Resümee: „Obwohl wir viele positive Rückmeldungen erhalten haben, sind aber auch kritische Stimmen zu hören. Dort gilt es, die betroffenen Unternehmer abzuholen und für die neue Ausbildung zu begeistern.“ Die Auszubildenden müssten nun in eine aktivere Rolle schlüpfen. Meyer beschreibt die große Veränderung, die durch die Bildungsreform ausgelöst wird, so: „Die Auszubildenden gestalten ihren Lernprozess aktiver und übernehmen Verantwortung für ihr Lernen. Der Schulalltag wird projektorientierter, digitaler, selbstorganisierter und reflektierter. Lernende erleben mehr Verantwortung, mehr Praxisnähe und mehr Möglichkeiten, ihre individuellen Stärken einzubringen.“

www.metaltecsuisse.ch

BWL nun verstärkt in der Weiterbildung

Zur Ausbildung gehört im dritten Lehrjahr auch die Arbeit an einem Projekt. „Dabei müssen die Jugendlichen ein Arbeitsstück eigenständig planen, zeichnen, die Bestellungen durchführen und insgesamt die Kosten im Griff haben. Das ist ein bisschen Betriebswirtschaft, aber wirklich nur im Kleinen“, berichtet Mario Meinen. Michel Meyer ergänzt: „Betriebswirtschaftliche Kenntnisse bleiben wichtig, werden aber bewusst in die Weiterbildung verlagert, weil sie für die Grundbildung weniger zentral sind als technische und sicherheitsrelevante Kompetenzen.“ Letztere haben nun Eingang in den Lehrplan gefunden, denn „Metallbauer und Metallbauerinnen arbeiten häufig auf Montage, bedienen Maschinen und müssen sicher und effizient arbeiten. Die Bedienung von Gabelstaplern und Hubarbeitsbühnen ist daher ein unmittelbarer Bestandteil des Berufsalltags“, weiß der Berufsfachschullehrer Metallbau am Berufsbildungszentrum Wirtschaft, Informatik und Technik in Sursee.
Mathias Hächler, Präsident der Grundbildungskommission, begründet die Fokusverlagerung so: „Früher durfte zum Beispiel eine Hebebühne nach einer Einführung durch einen Mitarbeiter bedient werden. Unser Ansatz war, dass eine Metallbauerin oder ein Metallbauer nach der Ausbildung über die nötigen Prüfungen verfügt, unabhängig davon, in welchem Lehrbetrieb er oder sie die Ausbildung gemacht hat. Daher beinhaltet die Ausbildung heute die Ausbildungsbestätigung oder das Zertifikat für Hubarbeitsbühne, Gabelstapler Kat. R1, Schweißerprüfung und PSAgA.“

Wie kommt eine Revision zustande?

Zu den Aufgaben der Grundbildungskommission gehört es, die Revision vorzubereiten, die Termine und Kosten zu überwachen und die Arbeitsgruppen, die die Revision bearbeiten, zu begleiten. Wer genau arbeitet bei einer Reform mit? Der Präsident der Grundbildungskommission gibt Aufschluss darüber, wie eine Bildungsrevision abläuft: „Um die Inhalte der Ausbildung zu definieren, wurde eine Arbeitsgruppe geschaffen welche aus Unternehmern, Fachlehrern und Instruktoren von überbetrieblichen Kursen bestand. Die Resultate wurden an verschiedenen Fachverbandsversammlungen präsentiert. Anschließend erfolgte eine interne Umfrage unter Unternehmern, Fachlehrern und, Instruktoren. Die Grundbildungskommission hat anschließend entschieden, ob einzelne Punkte aufgrund der Umfrageergebnisse wie zum Beispiel knappe Resultate noch einmal durch die Arbeitsgruppe bearbeitet werden müssen oder ob sogar noch einmal eine präzisierte interne Anhörung stattfinden muss. Somit kann man sagen, dass die Mehrheit der Unternehmen und Fachspezialisten die Änderungen beschlossen haben.“

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