Interview

Marc Holz vom IFO

„Unser Markt zieht in Sachen Nachhaltigkeit nach!“

Marc Holz, 44, ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Oberflächentechnik in Schwäbisch Gmünd. Er berichtet, dass die Bauherren mit ihrem Wunsch nach Nachhaltigkeit das Thema auch für Beschichtungsbetriebe forcieren. Relevanz hat es insbesondere für Großprojekte, für die nachhaltige Zertifizierungen wie BNB, LEED oder DGNB angestrebt werden. 

metallbau: Herr Holz, bei Beschichtungen werden vor allem zwei Fragen gestellt: Funktioniert es? Und: Was kostet es? Nach der Nachhaltigkeit fragt meist niemand. Ändert sich das?

Marc Holz: Das hängt immer von der Anwendung und vom Einsatzbereich ab. Bei größeren Objekten, Maschinen oder Bauvorhaben wird immer mehr auf das Thema Nachhaltigkeit geachtet. Aber beim kleinen Schrebergarten, der beschichtet wird, achtet man eher nicht darauf.

metallbau: Von wem kommt dieser neue Impuls – vom Markt, vom Bauherren, von der Industrie?

Holz: Das gestiegene Bewusstsein der Konsumenten hat sicherlich den entscheidenden Impuls gebracht. Weil die Konsumenten immer nachhaltiger sein wollen, zieht der Markt nach. Gerade bei Großprojekten werden die Bauherren durch Zertifizierungsthemen getrieben. Es wird immer wichtiger, dass ein Neubau nachhaltig geplant, gebaut und zu Ende geführt worden ist. Das schließt dann auch die Beschichtung mit ein.

metallbau: Viele Beschichtungen bestehen aus giftigen Stoffen – giftig für Mensch und Umwelt. Ganz vermeiden lässt sich deren Einsatz wohl nicht?

Holz: Eine allgemeine Antwort ist da schwierig. Vor gut einem Jahrzehnt wurde eine Richtlinie für „Volatile Organic Compounds“ eingeführt, die VOC-Richtlinie. Diese besagt, dass die Verwendung von leichtflüchtigen organischen Verbindungen reduziert werden muss. Denn die VOCs haben den Treibhauseffekt verschlimmert. Die Industrie wurde also gezwungen, die VOC-Stoffe zu reduzieren. Das hat im Bausektor zum Beispiel dazu geführt, dass Inhaltsstoffe geändert wurden, und das geht runter bis in Bereiche, die der Hobby-Handwerker im Baumarkt kauft: Die Lackdose hat früher noch stark nach Lösemittel gerochen. Mittlerweile sind das wasserbasierende Systeme. Der Lösemittelanteil wurde so weit reduziert, dass die Farbe noch funktioniert.

metallbau: Hat diese Umstellung auf wasserbasierende Systeme reibungslos funktioniert?

Holz: Natürlich hat das zunächst Einschränkungen bei der Qualität mit sich gebracht. Es hat einige Zeit gedauert, bis diese Produkte wieder auf demselben Qualitätsniveau waren wie vorher. Ohne Zeitfenster für Korrekturen funktioniert das nicht.

metallbau: Wenn es jetzt um Korrosionsschutz geht, werden auch heute noch giftige Stoffe eingesetzt – etwa Nickel oder Chrom VI?

Holz: Chrom-VI-Verbindungen sind heute nicht mehr zulässig. Da gibt es nur noch wenige Ausnahmen. Das geht bis an den Anfang der Lieferkette. Wenn also ein Beschichtungsbetrieb Aluminium oder verzinkte Bauteile einsetzt, die unter Zugabe von Chrom-VI-Verbindungen gelbchromatiert werden, muss er dafür eine Ausnahmegenehmigung besitzen. Diese Ausnahmen werden nur noch wenige Jahre gelten. Die Unternehmen sollten sich also dringend darauf vorbereiten, Alternativen zu finden.

metallbau: Gibt es diese Alternativen bereits?

Holz: Ja. Die gibt es nicht erst seit Kurzem, sondern seit Mitte der 1990er-Jahre. Sie sind bis heute immer besser geworden. Was die Deklarierung angeht, sind diese unbedenklich, es sind keine krebserregenden Stoffe enthalten.

metallbau: Die Beschichtung verlängert den Lebenszyklus, das ist ja der Sinn eines Korrosionsschutzes. Gibt es dazu konkrete Zahlen, welches Verfahren hier das beste ist?

Holz: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Sie müssen immer den individuellen Fall anschauen, wie lange ein Bauteil halten muss. Wenn es in einer Maschine verbaut wird, die nach fünf Jahren ausgetauscht wird, brauchen Sie nicht auf lange Sicht zu beschichten. Wenn es aber Jahrzehnte überdauern soll, brauchen Sie auch andere Lösungen in der Beschichtung – und damit auch andere Preise.

metallbau: Worauf sollte der Metallbauer also achten?

Holz: Für den Handwerker ist es natürlich wichtig, dass er schaut, was in der Ausschreibung steht. Kritisch wird es für ihn, wenn er nicht ausreichend beschichtet und es noch in der Gewährleistung zu einem Schaden kommt. Wenn er auf eigene Rechnung nachbehandeln muss, kann es teuer werden. Das ist dann auch nicht nachhaltig.

metallbau: Wie sieht es mit der Wiederverwertbarkeit aus. Wenn ich feuerverzinkten Stahl recyceln will, muss ich dann die Beschichtung vom Stahl lösen?

Holz: In der Regel wird das nicht gemacht. Die Bauteile werden so, wie sie lackiert sind, dem Recyclingprozess zugeführt. Das geht direkt mit in den Hochofen. Aber auch hier müssen wir mit einer generellen Aussage vorsichtig sein: Bauteile, die vor zehn Jahren gelbchromatiert wurden, dürfen heute nicht einfach so wiederverwertet werden. Hier fehlt es noch an einer klaren Regelung, was damit passiert.

metallbau: Wer wäre da in der Pflicht? Die Beschichter, die Industrie, die Handwerker?

Holz: Das kann ich nicht rechtssicher bewerten. Aber schauen Sie nur, wie es an anderen Stellen war. Wenn Sie heute zum Beispiel ein Gebäude sanieren, in dem Asbest verbaut wurde, können Sie dafür nicht den Handwerker oder Hersteller des Baustoffes in die Pflicht nehmen. Das muss dann in der Regel der Eigentümer zahlen.

metallbau: Man ist also gut beraten, schon jetzt auf diese giftigen Stoffe zu verzichten?

Holz: Richtig.

metallbau: Es gibt diverse Beschichtungsverfahren. Kann man sagen: Ein günstigeres Verfahren birgt ein größeres Risiko?

Holz: Nein, das würde ich so nicht sagen. Es hängt ja vom Einsatzzweck ab. Manchmal gibt es Ausschreibungen, wo eine dreischichtige Korrosionsbeschichtung für das Innere eines Bürogebäudes vorgesehen wird. Das ist dann absolut überzogen und die Kosten wären höher.

metallbau: Wie groß sind die Unterschiede in der Umweltbelastung zwischen dem Feuerverzinken und dem Verzinken mit Strom, also dem Galvanisieren?

Holz: In Deutschland werden solche industriellen Verfahren natürlich streng überwacht und reguliert. Eine Emission nach außen ist da sehr unwahrscheinlich. Wenn die Bauteile dann an der Fassade hängen, können sie mit der Zeit natürlich etwas abwittern. Darum werden die Blei-Anteile im geschmolzenen Zink von der Industrie immer weiter reduziert, damit kein Blei mehr ins Grundwasser gelangen kann.

metallbau: Beschichtung ist meist sehr energieintensiv. Auch das sollte Teil der Berechnung zur Nachhaltigkeit sein.

Holz: Auf jeden Fall. Wenn die Nasslackierung auf Wasserbasis passiert, ist sie lufttrocknend. Dann fällt zum Beispiel eine zusätzliche thermische Behandlung weg. Um die Gesamtbilanz zu bewerten, muss ich mir aber auch den Energieaufwand anschauen, den es zur Herstellung dieser Produkte braucht.

metallbau: Man könnte Unternehmen verpflichten, mit Solaranlagen einen Teil des Energieverbrauchs zu kompensieren.

Holz: Klar, wenn das möglich ist. Viele Lackieranlagen werden heute bereits so konstruiert, dass sich freisetzende Stoffe verbrannt werden. Über eine Wärmerückgewinnung kann ich dann die Energiebilanz weiter aufbessern.

metallbau: Die Möglichkeiten in der Werkstoffforschung scheinen aber begrenzt. Ein Wundermittel, das ein qualitätssicheres Verfahren ohne Umweltrisiken ermöglicht, scheint es nicht zu geben.

Holz: Nein, ein Wundermittel gibt es nicht. Das ist wie bei einem Spinnennetz. Wenn Sie da eine der Strecken im Netz verändern, verändert sich das ganze Netz. Wenn Sie bei den eingesetzten Stoffen etwas ändern, hat das Auswirkungen auf die Funktionalität.

metallbau: Können stoffschlüssige Verfahren, bei denen der Grundwirkstoff und der Beschichtungsstoff miteinander verschmolzen werden, eine Lösung sein?

Holz: Hier gibt es immer wieder neue Entwicklungen, angetrieben von Kostenersparnis, aber eben auch vom Thema Nachhaltigkeit. Das beobachten wir. Aber natürlich sind diese Produkte am Anfang teuer, weil sie kaum verbreitet sind und es noch hohe Entwicklungskosten gibt. Je mehr sie eingesetzt werden, desto attraktiver werden sie. Aber das kann manchmal Jahre dauern.

metallbau: Was ist mit additiven Verfahren, etwa metallischem 3D-Druck? Sehen Sie darin eine Alternative?

Holz: Bisher nicht. Auch diese Stoffe kennen wir nur so, dass die additiv hergestellten Bauteile dann auch noch veredelt werden.

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