Interview

Michael Zehner von Eucontact

„Wir rekrutieren auch Kräfte für den Metallbau“

Seit Frühjahr läuft das von der Eucontact Ltd. ins Leben gerufene Matching-Programm zur Vermittlung junger Nachwuchskräfte aus dem EU-Ausland. Wir haben Strategie- und Projektentwickler Michael Zehner gefragt, warum dieses Programm gerade für die Metallbaubranche attraktiv ist.

metallbau: Herr Zehner, bitte beschreiben Sie kurz Ihr Unter-nehmen!

Michael Zehner: Die Eucontact Ltd. ist ein nicht auf die Gewinnerzielung ausgerichtetes Unternehmen mit Sitz in Manchester, Nordengland. Unsere Mitarbeiter kommen aus dem Umfeld europäischer Strukturen in Brüssel und verfügen über langjährige Erfahrungen in der Antrags- und Projektentwicklung in europäischen Förderprogrammen. Unser Ziel ist es, die berufliche Mobilität in der Erstausbildung und die Steigerung der Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen aus strukturschwachen Regionen des EU-Binnenmarktes zu fördern. Hierfür stehen wir mit den dortigen Berufsschulen in direktem Kontakt.

metallbau: Was sind die Teilnahmebedingungen?

Zehner: Das Unternehmen sollte über eine Abteilung zur beruflichen Ausbildung in technischen Berufen verfügen und mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigen. Es muss ja ein 14-tägiges Praktikumsprogramm mit allen damit verbundenen Aspekten bewältigen können. Bei den Matching Flows nehmen von Seiten der Nachwuchskräfte ausschließlich Personen teil, die im letzten Ausbildungsjahr sind und aus einem oder maximal drei verwandten technischen Berufen aus einer strukturschwachen Region im EU-Binnenmarkt stammen. Die Matching Flows erfolgen in Gruppenstärken von zehn bis 15 Schülern. Sie werden den deutschen Unternehmen berufsspezifisch zugeordnet, wobei dort ein entsprechender Nachwuchsbedarf bestehen muss. In der Regel können die potenziellen Nachwuchskräfte direkt nach dem Ende ihrer schulischen beruflichen Ausbildung im Juni/Juli bei dem deutschen Unternehmen im August/September mit der Arbeit beginnen. Sie bekommen einen regulären Arbeitsvertrag.

metallbau: Wie hoch sind die Kosten?

Zehner: Bis Mai 2019 läuft noch die von der EU unterstützte Pilotphase. An den so genannten Pilotflows können deutsche Unternehmen zu ermäßigten finanziellen Konditionen teilnehmen. Es besteht auch die Möglichkeit, dass sich die Unternehmen – langfristig und berufsspezifisch auf ihr Unternehmen zugeschnitten – den Nachwuchs aus dem EU-Binnenmarkt durch die Matching-Strategie beschaffen.
Die Kosten richten sich nach der Art der Nachfrage. Zur Entwicklung und Umsetzung unternehmensspezifischer Matching- Projekte sind wir immer wieder in Deutschland und stehen für Fragen aller Art bereit.

metallbau: Was macht Ihr Matching-Programm so interessant für den deutschen Metallbau?

Zehner: Es ist derzeit der einzige praktikable Ansatz, den Nachwuchsbedarf in Deutschland aus dem EU-Binnenmarkt berufsspezifisch zu reduzieren. Der Matching-Ansatz von Eucontact konzentriert sich auf heute strukturschwache, aber vor vielen Jahrzehnten mit industriellen Kernen strukturstarke Regionen im EU-Binnenmarkt.

metallbau: Gibt es bereits konkrete Matchings?

Zehner: Ja. Im Frühjahr haben unter anderem in Oberfranken 14 Metallbauer und Schweißer aus Großbritannien/Wales bei einem Unternehmen aus der Glasindustrie mit über 4.000 Mitarbeitern im Rahmen des Matching-Ansatzes ein 14-tägiges Praktikum absolviert. Mit Stand Oktober hat nun jeder dritte Teilnehmer einen Arbeitsvertrag unterzeichnet. Diese sind jetzt bei dem genannten Unternehmen angestellt.

metallbau: In welchen EU-Regionen sehen Sie das größte Potenzial, Nachwuchskräfte für die Metallbaubranche zu finden?

Zehner: Da ist zum einen Großbritannien mit seiner strukturschwachen Region Wales. Hier bestehen immer noch ein Geburtenüberschuss und traditionelle Ausbildungsprioritäten in technischen Berufen, für die keine Industrie mehr vorhanden ist. Daraus resultieren dann eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und geringe Löhne, insbesondere für Metallbauer und Schweißer. Es ist allerdings nicht klar, ob unser Matching-Ansatz auch nach 2020 für Großbritannien noch funktionieren wird. Der Brexit könnte alles zunichtemachen.
Unabhängig davon kann Eucontact im Kundenauftrag mit der Matching-Strategie mittel- und langfristig unternehmens- und berufsspezifisch in den strukturschwachen und grenznahen Regionen Rumäniens, Ungarns, Kroatiens und der Slowakei tätig werden. In diesen Ländern sind, wenn auch aus anderen Gründen, die Ausgangsverhältnisse sogar noch schlechter als in Großbritannien bzw. Wales.

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