VFF-Jahreskongress
Orientierung in Zeiten des UmbruchsMit rund 430 Teilnehmern verzeichnete der Jahreskongress des Verbands Fenster + Fassade (VFF) Mitte Juni in der Lokhalle Göttingen erneut einen Besucherrekord. Einen politischen Impuls setzte Peer Steinbrück, ehemaliger Bundesfinanzminister und früherer Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, mit seinem Vortrag „Dimension der Zeitenwende – Reformbedarf für Deutschland“. Markt und Konjunktur, der Strukturwandel im Bau, aber auch das Thema Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft waren weitere Schwerpunkte.
Eine Rückkehr zu den Rahmenbedingungen der vergangenen Jahrzehnte – mit einer solchen Entwicklung sollten Unternehmer nicht mehr rechnen, hob Peer Steinbrück hervor. Vielmehr gehe es darum, die Geschäftsmodelle langfristig an die strukturelle Zeitenwende anzupassen. Ursachen dafür seien die geopolitischen Spannungen, das Ende der bisherigen Globalisierung, die Verschiebung wirtschaftlicher Machtverhältnisse, steigende Sicherheitsanforderungen, der Einfluss Künstlicher Intelligenz sowie der fortschreitende Klimawandel. Als zentrale Belastungen nannte Steinbrück den Wegfall russischer Energie, die aggressive Industriepolitik Chinas sowie den zunehmenden Protektionismus und die Unsicherheit in den USA. Hinzu komme die hohe Exportabhängigkeit Deutschlands: Rund 48 % der Wirtschaftsleistung hängen vom Außenhandel ab. Gleichzeitig liegt die industrielle Wertschöpfung mit rund 25 % deutlich über dem Niveau vieler anderer Industrieländer.
Forderungen pro Bauwirtschaft
Als Reformen für die Bauwirtschaft forderte Steinbrück schnellere Planungs- und Genehmigungsprozesse, weniger Dokumentations- und Nachweispflichten sowie eine praxistauglichere Gesetzgebung. Zugunsten einer leistungsfähigeren öffentlichen Verwaltung gehöre es auch, dass Kommunen mehr eigenverantwortliche Handlungsspielräume und größere Abweichungsmöglichkeiten im Baurecht erhalten. Er kritisierte die 16 unterschiedlichen Landesbauordnungen, verwies auf die Hamburger Bauordnung als positives Beispiel und plädierte dafür, dass andere Bundesländer sich daran orientieren. „Es geht darum, die aktuellen länderspezifischen Unterschiede zu verringern und so sowohl den Aufwand der Planer als auch den der ausführenden Handwerksunternehmen zu reduzieren.“ Die Landesbauordnungen in Richtung einheitliche Baustandards zu straffen, das wäre ein entscheidender Schritt hin zu weniger Bürokratie, mehr Verlässlichkeit und Verbindlichkeit sowie größerer Klarheit für Planung und Umsetzung. Auch der Göttinger CDU-Landtagsabgeordnete Christian Frölich forderte für ein kostengünstigeres Bauen einheitlichere baurechtliche Standards sowie eine schnelle Einführung des Gebäudetyps E mit rechtssicheren Vorgaben.
Steinbrück, Mitglied der überparteilichen „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“, erläuterte, dass viele der 35 Vorschläge dieser Initiative Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden haben, und hob hervor, dass die Regierung – von der Öffentlichkeit bislang zu wenig wahrgenommen – bereits eine Reihe dieser Maßnahmen umgesetzt habe. Bei aller Schärfe seiner Kritik an politischen Versäumnissen verbat sich Steinbrück wohlfeile Untergangsszenarien. Die politischen Rahmenbedingungen seien nach wie vor so gut, dass Deutschland nicht zum „Sick Man“, sondern vielmehr zum „Powerhouse“ Europas werden könne.
Marktzahlen
Angesichts der im Gesamtbild angespannten Lage der Bauwirtschaft legte Martin Langen, Geschäftsführer von B + L Marktdaten, den Fokus auf einzelne positive Entwicklungen. So legten laut Destatis die Wohnungsbaugenehmigungen 2025 um 12,9 % zu. Für Januar und Februar 2026 ergibt sich bereits ein Plus von 17,6 %. Besonders erfreulich entwickelte sich der Bau von Einfamilienhäusern: Mit rund 5.500 Genehmigungen pro Monat ergibt sich 2026 bislang ein Zuwachs von 16 % gegenüber dem Vorjahr.
Im Nichtwohnungsbau zeigt sich ein differenziertes Bild. Das Genehmigungsvolumen ging 2025 um 3,7 % zurück, für Januar und Februar 2026 zeichnet sich mit einem Plus von 0,6 % jedoch eine leichte Erholung ab. Den stärksten Rückgang verzeichneten 2025 Büro- und Verwaltungsgebäude (-14,1 %), während für die ersten beiden Monate 2026 wieder ein Anstieg um 17 % gemeldet wurde. Anders entwickelte sich der Bereich Handels- und Lagergebäude: Nach einem Rückgang von 7 % im Jahr 2025 verschärfte sich dieser in den ersten beiden Monaten 2026 auf -18,8 % (siehe Grafik Bürobau online).
Für den Fenstermarkt zeichnet sich eine Trendwende ab. Nach Jahren des Rückgangs verringerte sich das Marktvolumen 2025 nur noch leicht um 0,2 %. Für 2026 erwartet Langen erstmals wieder ein Wachstum von 3,1 % auf rund 13,28 Mio. Fenstereinheiten (FE).
Zusätzliche Impulse sollen die öffentlichen Investitionsprogramme auslösen: Das Hochbauvolumen könnte dadurch 2027 um mindestens 11 Mrd. Euro steigen, 2028 um weitere 14 Mrd. Euro und 2029 nochmals um rund 15 Mrd. Euro. Langen ermutigte Fassadenbauer, sich verstärkt an öffentlichen Ausschreibungen zu beteiligen und hierfür gegebenenfalls Arbeitsgemeinschaften zu bilden (siehe Artikel „Die Upfront Group – Plattform für Gebäudehüllen“).
Positiv bewertete der Marktforscher außerdem die Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus, für den der Bund bis 2029 Investitionen von rund 23,5 Mrd. Euro plant. „Die Marktausrichtung auf serielle und modulare Bauweise greift schon“, berichtete Andreas Hartleif, Vorstandsvorsitzender von Veka.
Bei den Energiepreisen besteht die Hoffnung auf eine allmähliche Entspannung. Eine spürbare Entlastung ist derzeit jedoch noch nicht absehbar. Über die Auswirkungen steigender Hypothekenzinsen könne erst rückblickend auf das Jahr 2026 konkret geurteilt werden. Langen verwies auf eine Studie aus Köln, nach der je 0,1 Prozentpunkt Zinsanstieg etwa 35.000 potenzielle Käufer ihre Finanzierbarkeit verlieren. Bei einem Anstieg um 0,4 Prozentpunkte seien dies rund 140.000 Käufer. Bezogen auf die rund 635.000 Immobilienkäufe des Jahres 2025 entspräche dies etwa 22 % beziehungsweise 140.000 potenziellen Käufern, die rechnerisch aus dem Markt gedrängt würden.
Die Zinsen seien nicht das eigentliche Problem, konstatierte Peter Matteo auf dem Podium. „Immer mehr Bauherren können eine erforderliche Eigenkapitalquote von 30 bis 35 % bei Bauvolumen von 100 Mio. Euro und mehr nicht mehr aufbringen.“ Der Geschäftsführer von Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft forderte, dass sich die Baukosten dringend um 20 bis 25 % senken müssen. Eine Chance für eine Kostenreduktion von rund 10 % sieht Matteo im schnelleren Bauen. Allerdings wies er auf viele Fehlerquellen im Fassadenbau hin. „Entweder Sie haben Top-Leute auf der Baustelle oder Sie kontrollieren als Inhaber alles selbst. Baufehler in der Gebäudehülle schlagen zu Buche und treffen auch die Projektentwickler existenziell“, richtete er sich an die Zuhörer und unterstrich: „Nach dem Rohbau ist die luft- und wasserdichte Gebäudehülle das zweitgrößte Gewerk bei einem Objekt.“ Danach rangiere die technische Gebäudeausrüstung. Des Weiteren warnte der Projektentwickler Fassadenbauer davor, sich auf die Bauweise der Elementfassade zu fokussieren. „Wir benötigen flexible Bauweisen. Die Elementfassade rechne sich erst ab zehn Geschossen. Solche Hochhausbauten werden den Markt in den kommenden zehn Jahren nicht dominieren, auch weil sie schwierig zu finanzieren sind.“
Ausblick
In den Diskussionen zeigten sich Politiker und Branchenvertreter einig, dass strukturelle Reformen Vorrang vor kurzfristigen Konjunkturprogrammen haben müssen. Auf Zustimmung im Publikum stieß Steinbrücks Vorschlag, die Mehrwertsteuer für Neubau und Ausbau zu senken. Die dadurch ausgelöste zusätzliche Bautätigkeit könne langfristig einen Teil der staatlichen Mindereinnahmen kompensieren. Haushaltszwänge und das Denken in Legislaturperioden stünden solchen Reformen jedoch häufig im Weg, wusste er aus vergangenen politischen Diskussionen. Beim Thema Förderprogramme waren sich die Referenten ebenfalls einig: Diese müssen langfristig angelegt sein und dürften strukturelle Reformen nicht ersetzen.
Mit der Gründung der Repräsentanz Transparente Gebäudehülle (RGT) in Berlin im Jahr 2020 finden die politischen Initiativen der Fassadenbaubranche stärker Gehör. So wurde die Branchenstudie „Steuerförderung für Neubau und Wohneigentum“ von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für ihre Positionsfindung aufgegriffen, wie Thomas Drinkuth, Leiter der RGT, berichtete.
Der nächste Jahreskongress findet am 3. und 4. Juni 2027 in Berlin unter der Präsidentschaft des neuen VFF-Präsidenten Anton Gugelfuß (66) statt. Der Fenster- und Fassadenbauer aus Elchingen hatte die Geschäftsführung seines Unternehmens bereits im vergangenen Jahr an seinen Sohn Max übergeben und gehört dem VFF-Präsidium seit 13 Jahren an. Nach 28 neuen Mitgliedern im Jahr 2025 und weiteren 18 im laufenden Jahr kann der Verband auch für den Kongress 2027 mit einem neuen Teilnehmerrekord rechnen.
Nachhaltigkeit: Regulatorische Kursänderungen
Martin Langen von B + L Marktdaten informierte über folgende Änderungen:
GEG Gebäudemodernisierungsgesetz (1.7.2026)
65%-EE-Pflicht für neue Heizungen entfällt
Öl-/Gasheizungen wieder uneingeschränkt erlaubt
Betriebsverbot alter Kessel (§72 GEG) gestrichen
Ab 2029 nur 10% Bioquote bei Neuinstallation
EU-Omnibus: ESG-Berichtspflichten massiv reduziert
80% der Unternehmen aus CSRD-Pflicht entlassen
Stop-the-Clock: Fristen um 1–2 Jahre verschoben
Lieferkettengesetz (CSDDD) auf Tier 1 (direkte Lieferanten) beschränkt
Prüfung nur noch alle 5 statt jährlich
Green Deal unter Druck–> Clean Industrial Deal
Finanzierungslücke 2026–2028 (Auslauf RRF, neuer MFF erst 2028)
Klimaziel 2040 (-90%) ohne Gesetzesvorschlag
EU setzt auf marktbasierte Mechanismen statt Ordnungsrecht
Einspeisevergütung läuft 2026 aus (EEG CfD)
Ab Feb. 2026 weitere Absenkung der Vergütung
2026 letztes Jahr mit EEG-Einspeisevergütung für neue PV
Umstellung auf Contracts for Difference (CfD)
