Im Gespräch: Joachim Gau – Experte für Gebäudeautomation

Automatisierte Fassadenelemente

Immer häufiger werden Fenster und Oberlichter automatisiert. Schüco bietet dafür die Technologie TipTronic. Die Schulungen des Systempartners werden von Metallbauern rege wahrgenommen. „Wir müssen uns diesem wachsenden Marktsegment stellen“, begründen sie meist den Schulungsbedarf. Die Redaktion metallbau hat sich mit Joachim Gau über das Thema unterhalten. Er ist bei Schüco in Bielefeld Leiter der Gebäudeautomation.

metallbau: 2003 hat das Unternehmen Trumpf Metallbau in Walzbachtal erstmals das Automationssystem e-drive in Fenster eingebaut. Was bietet TipTronic als Nachfolgetechnologie dem Gebäudenutzer an Mehrwert?
Joachim Gau:
TipTronic bietet dem Anwender einen deutlichen Mehrnutzen. Die komplett verdeckt liegenden Antriebe bieten eine ästhetische Optik mit schmalen Ansichtsbreiten. Das System kann mit verschiedensten Bedienelementen gesteuert werden: Direkt am Griff, per konventionellem Wandtaster, mit Schlüsseltastern, über Funkfernbedienung oder auch mit Touchpanels beziehungsweise Smart Devices. Tip- Tronic ermöglicht eine intuitive Bedienung in Echtzeit, das heißt, das Fenster wird unmittelbar nach Betätigung des Bedienelements bewegt. Zudem steht eine Vielzahl an Öffnungsarten zur Auswahl: Oberlicht, Dreh-Fenster, Dreh-Kipp-Fenster, Schwingflügel- Fenster, Kipp-Fenster mit Drehsperre u.v.m.

metallbau: Welche Vorteile bietet TipTronic im Vergleich zu e-drive dem Monteur? Inwiefern hat sich die Montage vereinfacht und vielleicht auch beschleunigt?
Gau:
Die Optimierung des Fertigungsprozesses beim Metallbauer stand im Fokus der Entwicklung von TipTronic. Es sind keine Fräsarbeiten im Profil notwendig, die Montage der Komponenten erfolgt sehr einfach über Drehnutensteine, die Kontaktierung über eine umlaufende Flachbandleitung mit Piercing-Kontakten. Damit konnte die Fertigungszeit deutlich verkürzt und das Fehlerrisiko minimiert werden. TipTronic hat das System e-drive bereits 2005 komplett abgelöst und sich seither fest im Markt etabliert.

metallbau: Können Sie etwas zu den Absatzzahlen von TipTronic sagen? Wie haben sich diese in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?
Gau:
Das wachsende Kundenbedürfnis nach mehr Sicherheit, Komfort und Energieeffizienz spielt uns in die Karten, denn all diese Anforderungen werden von TipTronic optimal unterstützt. TipTronic sorgt mit der optionalen Öffnungs- und Verschlussüberwachung über Magnetschalter für mehr Sicherheit. Durch die Möglichkeit des automatisierten Lüftens, beispielsweise in Form der automatisierten Nachtauskühlung, kann die Energiebilanz von Gebäuden deutlich verbessert werden. Dementsprechend haben wir mit TipTronic in den letzten Jahren gute Wachstumsraten erzielt.

metallbau: TipTronic lässt sich nicht in ein Fenster nachrüsten. Könnte dies aber nicht angesichts der Lebensdauer moderner Aluminiumfenster von ca. 40 Jahren interessant sein? Wie beurteilen Sie das, inwiefern ist die Nachrüstbarkeit von TipTronic denkbar?
Gau:
Die Nachfrage nach einer Nachrüstung des Systems ist aktuell sehr überschaubar. Für Modernisierungen ist das Wireless Control System eine sehr wirtschaftliche Lösung. Dieses System ermöglicht eine direkte Ansteuerung durch Taster, Schalter und durch Fernbedienung für zum Beispiel Beleuchtungs- und Sonnenschutzeinrichtungen und auch für Öffnungselemente über Funk.

metallbau: Bei TipTronic spricht man von einem BUS-System, das aber beim Einbau ins Fenster gar nicht wie eine BUS-Leitung verlegt wird, sondern wie eine konventionelle Verkabelung. Dies sorgt teils für Verwirrung, der falsche Einbau ist dem Metallbauer nicht zu verübeln. Die Korrektur kann aber durchaus zwei Arbeitskräfte zwei Arbeitstage lang beschäftigen. Können Sie daran etwas ändern – technisch oder kommunikativ?
Gau: Bei TipTronic darf man nicht nur das einzelne Fenster sehen. Mit dem System lassen sich bis zu 30 Fenster an den Schüco Fensterbus anschließen. Das heißt, hier haben wir eine echte Businstallation, die unter anderem über das integrierte Powermanagement zur Reduzierung der benötigten Netzteile eine einfache, kostengünstige und hocheffiziente Installation des Gesamtsystems gewährleistet. Die Installation innerhalb des Fensters ist in der Tat keine Businstallation, weil hier nicht nur Steuersignale, sondern auch Leistung übertragen wird. Sie können dies mit der modernen Kfz-Technik vergleichen: Hier verbindet der CAN-Bus zwar die Steuergeräte des Fahrzeugs miteinander, aber beispielsweise nicht die Leuchten.

metallbau: Beim Thema Gebäudeautomation ist die Schnittstelle Metallbauer und Elektriker wichtig. Wie ist diese bei den Systemen von Schüco definiert?
Gau:
Dadurch, dass wir fast immer von Anfang an in die Bauprojekte eingebunden sind, können wir die Schnittstelle bereits in der Ausschreibungsphase beeinflussen. Wir wirken darauf ein, das Leistungsverzeichnis in ein LV Metallbau und ein LV Elektro aufzuteilen. Alle Leistungen beispielsweise im Fenster werden vom Metallbauer erbracht, alle Leistungen darüber hinaus vom Elektrohandwerk. Das heißt, der Metallbauer übergibt das Fenster mit den eingebauten mechatronischen Elementen und dem Kabel an den Elektriker. Damit die Kooperation zwischen den beiden Gewerken gut klappt, haben wir Fachberater, deren Aufgabe es ist, zwischen Metallbauer und Elektriker eine Brücke zu schlagen. Metallbaubetriebe mit einem Elektriker in den eigenen Reihen sind da im Vorteil, die Kooperation funktioniert aber auch mit externen Elektrikfirmen.

metallbau: Wird die Gebäudeautomation der Zukunft eher von Funk bestimmt oder von kabelbasierten Systemen?
Gau:
Sowohl als auch, es kommt immer auf die konkrete Anwendung an. Grundsätzlich gilt: Wenn immer es möglich ist, ein Kabel zu nutzen, ist dies der Funklösung vorzuziehen, da die Übertragung sicherer und weniger störanfällig ist. Gerade bei der Nachrüstung von Bestandsgebäuden sind Funksysteme aber manchmal die einzige Möglichkeit, Gebäudeautomation zu nutzen. Universell einsetzbar sind Systeme, die beide Übertragungswege ermöglichen.

metallbau: Wie kompatibel sind denn die Gebäudeautomationssysteme von Schüco mit denen anderer Hersteller? Gau: Die Zukunft wird zweifellos von offenen Systemen bestimmt werden. Um für Hersteller und Verarbeiter ein tragfähiges Geschäftsmodell zu ermöglichen und auch um eine hohe Funktionssicherheit gewährleisten zu können, ist es teilweise sinnvoll, die Systeme nicht komplett zu öffnen. Diesem Prinzip folgen wir bei Schüco, das heißt unsere Systeme sind gezielt offen: Beispielsweise kann TipTronic über Gateways in zentrale Gebäudesteuerungssysteme wie KNX, LON, Beckhoff oder Wago integriert werden.

metallbau: Mechatronik für Fenster, RWAAnlagen, Türen, Tore etc. – wächst die Technologie in ihrer Komplexität dem gemeinen Metallbauer nicht über die Ohren?
Gau:
Der Trend zu immer mehr Intelligenz in der Gebäudehülle wird von Schüco nicht bewirkt, sondern mit durchdachten Produktlösungen bedient. Dieser Trend wird bestimmt durch die wachsenden Anforderungen an Komfort, Sicherheit und allen voran Energieeffizienz, er ist nicht aufhaltbar. Wir setzen alles daran, unsere Kunden, die Metallbauer, durch lösungsstarke, aber einfach zu handhabende Systeme und durch professionelle Beratung sowie Schulung zu unterstützen, damit sie an dieser Entwicklung partizipieren. 

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