Schmiedekunst von Otto Baier

Rhythmus, Licht und Schatten

Vom 27. April bis 10. Juni 2023 fand in der Galerie Handwerk in München die Ausstellung „Otto Baier – Metall“ statt. Sie zeigte Baiers 50-jähriges Schaffen als Schmied und Metallgestalter.

Wer auf ein langjähriges, vielseitiges Leben und Schaffen zurückblicken kann, der füllt mit Leichtigkeit Ausstellungsräume wie die der zweistöckigen, lichtdurchfluteten Münchner „Galerie Handwerk“. 150 Objekte des 80-jährigen Otto Baier konnte man dort bewundern – von kleinen Ameisen bis zu riesigen Gittern. Nicht wegzudenken aus dem bayerischen und deutschen Kunsthandwerk ist der in Obermenzing bei München in eine Traditionsschmiede geborene Schmied.

Größe, Material & Technik im Kontrast

Das Schöne an Otto Baiers Werk sind die Vielseitigkeit und die Klarheit seiner Objekte. Baier möchte das Material für sich sprechen lassen. Ob Schale oder Ameise – er verbirgt nicht den Schaffensprozess – Schweißnähte bleiben sichtbar und gehören zur Gesamtoptik. Der Kunsthandwerker in ihm möchte nicht nur unterschiedliche Materialien, sondern auch Techniken für sich sprechen lassen: „Für mich ist der Reiz auch der Kontrast zwischen dem Geschmiedeten und dem Geschliffenen.“

Spiel mit dem Material

Baier genießt immer wieder das Spiel mit dem Metall – wie weit kann er gehen, bis eine Form reißt? „Der Zufall ist für mich entscheidend! Ich gehe geplant vor, ich möchte etwas Bestimmtes erreichen. Aber ich lasse mich auch überraschen, wie mein Material reagiert“, sagt Baier voller Enthusiasmus. Manchmal, so erzählt er, habe er es auch schon bereut, eine Zwischenform weiter bearbeitet zu haben. Immer weiter wollte er ein Objekt bringen, dabei wäre es manchmal schon vorher vollendet gewesen. Das ist es eben, das Spiel, auf das er sich so gern immer wieder neu einlässt. Baier vereint Kunst und Handwerk. Sichtlich geht der sehr agile, schlanke und sportliche Baier immer weiter. Er lotet die Grenzen des Materials und des künstlerischen Ausdrucks  mit Eisen, Edelstahl und Titan aus.

Schönes und Praktisches

Einerseits entstehen in seiner Obermenzinger Werkstatt viele Objekte um ihrer schieren Schönheit willen, andererseits schmiedet er auch praktische Dinge wie Feuerbestecke, Schalen, Kerzenleuchter. Neben den Gebrauchsgegenständen pflegt Baier auch eine Liebe zu Tierkreiszeichen und zu kleineren Tieren. So gibt es Ameisen, Krabben, Skorpione und Gottesanbeterinnen zu besichtigen. Seine Werke finden sich auch im öffentlichen Raum, z.B. in München als Gitter und Tore in Schloss Blutenburg oder als Leuchter und Mobiliar der Kirche St. Wolfgang in Pipping und in international bedeutenden Museen in Köln, Leipzig, München, Wien und Hamburg.

Faszination Gitter

Ein Herzstück der Ausstellung ist ein großes Gitter, das in die Tiefe geht und aus lauter feinen, parallelen, geschmiedeten Teilen besteht (siehe Foto Seite 45) „Ich wollte mit dem Gitter in mehrere Dimensionen gehen und ließ mich von der räumlichen Tiefe barocker Gitter inspirieren“, sagt er. Dieses Werkstück fertigte Baier als aufwändige Diplomarbeit und der 80-Jährige freut sich, dass es ihm heute noch genauso gefällt. Überhaupt sieht man in der Ausstellung seine durchgehende Faszination für Gitter, die mal fein, mal dick und groß auftauchen. Baier schätzt an Gittern, dass sie einen Raum sowohl abgrenzen als auch – anders als bei einer Mauer – verbinden. Bemerkenswert ist das Spiel der Schatten seiner Objekte, die durch die großartige Ausleuchtung von mehreren Seiten gerade bei den Gittern entstehen.

Die Musik des Schmiedens

Einige der Objekte sind im Wechsel konkav und konvex angelegt. Für Baier ist dabei die Rhythmisierung ein entscheidendes Element: Er mag Wiederholungen in den Formen – aber dennoch sind sie organisch – nichts ist genau gleich. „Ich sehe da eine Verbindung zur Musik – da gibt es auch eine Regel, einen Rhythmus“, sagt der Schmied, der sich von Klassik und Weltmusik immer wieder anregen lässt.

Lehrer & Preisträger

Sein Wissen gibt Baier gerne weiter – so war er zwischen 1970 und 1983 Lehrer an den Meisterschulen in München sowie Augsburg und bildete Lehrlinge in seinem Betrieb aus. Aber auch als Metallgestalter trat er früh hervor. Schon 1969 konnte man seine Werke bei den internationalen Kunstschmiedeausstellungen in Lindau und 1970 bei der Sonderschau „Exempla“ der Internationalen Handwerksmesse München sehen. 1982 erhielt er den Bayerischen Staatspreis, 1999 den Danner-Preis und im März 2023 noch einmal den Bayerischen Staatspreis für sein Lebenswerk.

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