Interview

Büro Sobek über Grüne Fassaden

„Die Nachfrage steigt deutlich!“

Werner Sobek hat mit zwei Großprojekten zur Fassadenbegrünung überregional Bekanntheit gewonnen. Das Architekturbüro, das sich für nachhaltiges Bauen einsetzt, trägt den Namen seines kreativen Vordenkers und Gründers. Zwei ausgewiesene Fachexperten für Fassadenbegrünung – Carmen Herrmann, Projektleiterin Fassade, und Florian Starz, Teamleiter Fassade, vom Büro in Stuttgart – haben sich den Fragen der Redaktion metallbau gestellt.

metallbau: Mit dem „KöBogen 2“ in Düsseldorf und der Calwer Passage in Stuttgart haben Sie Begrünungen im großen Stil realisiert. Spüren Sie nun eine verstärkte Nachfrage?

Carmen Herrmann: Die beiden Projekte zeigen, dass Fassadenbegrünung funktionieren kann und nicht nach einem Jahr alles braun und traurig aussieht. Das wirkt sich auf potenzielle neue Grünfassadenprojekte aus, da auch Bauherren diese Projekte kennen bzw. davon hören und zumindest eine Beratung für ihr Projekt dazu fordern.

metallbau: Wie hat sich der Markt für grüne Fassaden und PV-Fassaden in den vergangenen zwei Jahren entwickelt?

Florian Starz: Wir merken einen deutlichen Anstieg über die letzten Jahre hinweg – sowohl für Grünfassaden als auch die BIPV. Nicht zuletzt, weil die Kommunen dies teilweise fordern und in ihre Bebauungspläne aufnehmen.

metallbau: Entscheiden sich Ihre Kunden eher für eine PV-Fassade oder für eine begrünte Fassade?

Herrmann: Das lässt sich nur schwer sagen; diese Projekte werden aus unterschiedlicher Motivation heraus angegangen. Bei Grünfassaden haben wir vermehrt den optischen bzw. architektonischen Hintergrund und Firmen wollen den Forderungen zu mehr Biodiversität nachkommen oder die Vorgaben der Stadt umsetzen.

Starz: Bei PV spielen primär Forderungen aus Zertifizierungen eine Rolle, weniger die Optik. Häufig geht man in die Fassade, wenn auf dem Dach nicht genug Fläche vorhanden ist, um den geforderten Ertrag zu erreichen oder um das Maximum auszuschöpfen. Das heißt nicht, dass die Optik nicht wichtig ist. Mittlerweile gibt es schon sehr schöne Fassadenmodule, die auch einen relativ guten Wirkungsgrad haben, jedoch ist die „Verschönerung“ nicht die Motivation der Unternehmen, wenn sie Photovoltaik-Module an die Fassade bringen wollen.

metallbau: Bei welcher Art der Fassade sind die Hürden größer?

Starz: Beide Arten, die Fassade zu belegen, haben ihre eigenen Herausforderungen, doch ist die Skepsis bei Grünfassaden höher. Man muss neue Experten zu Rate ziehen, die zuvor im Bauwesen nicht zu den Fachplanern zählten. Bei PV-Fassaden ist vermutlich die größte Hürde der Brandschutz.

metallbau: Ist die Tatsache, dass man eine grüne Fassade warten und pflegen muss, abschreckend?

Herrmann: Klar, das ist immer eine der ersten Fragen und auch ein heiß diskutiertes Thema. Aber auch in anderen Grünanlagen müssen Pflanzen gepflegt werden, auch wenn es an der Fassade aktuell eher noch ungewöhnlich ist. Die Pflege ist definitiv wichtig für den Erfolg einer solchen Fassade und muss ordentlich mitgeplant werden. Aber es ist keine unlösbare Aufgabe.

metallbau: Auf der Tagung „Fassade 23“ wurden auch grüne Module vorgestellt, die man nur einhängen muss…  Wird das gut angenommen?

Starz: Ich persönlich hatte bisher noch kein Projekt mit Modulen. Ich kann mir aber vorstellen, dass Module an und für sich erst einmal weniger abschreckend für Architekten und Bauherren sind als individuell geplante Grünfassaden.

metallbau: Welche Fassadenbauweisen eignen sich besonders, um sie zu bepflanzen?

Herrmann: Das lässt sich schwer pauschal sagen, da dies stark von der Begrünungsart abhängt – ob bodengebunden, Module oder die Bepflanzung vorgesetzt wird. Und  es kommt darauf an, ob man vor einer transparenten oder einer opaken Fläche die Begrünung anbringen möchte.

metallbau: Werden bodengebundene Systeme favorisiert, weil die Unterhaltskosten niedriger sind?

Herrmann: Das ist immer projektspezifisch zu betrachten. Bodengebundene Systeme sind bei einer innerstädtischen Lage aufgrund der Enge und der Verkehrswege nicht immer kompatibel. Unterhaltskosten werden generell überschätzt. Natürlich sind die Grünflächen zu pflegen, aber bei einem etablierten System  reicht es aus, die Pflanzen zweimal im Jahr zu beschneiden.

Starz: Bei Projekten, die die Begrünung nicht in den Vordergrund stellen, wird sehr schnell zu bodengebundenen Begrünungen tendiert. Das ist auch dann der Fall, wenn die Begrünung erst später im Planungsprozess integriert wird.

metallbau: Neu am Markt sind kordelbasierte Systeme, wie sie von Botanic Horizon angeboten werden. Sehen Sie hier tatsächlich einen Trend „am Horizont“?

Herrmann: Das System Boho bietet im Bereich der Fassadenbegrünung in vielerlei Hinsicht eine Alternative zu den bekannten Systemen, da der Installationsaufwand gering ist und kaum zusätzliches Gewicht in die Fassade gebracht wird. Dieses System könnte dann ins Spiel kommen, wenn ein Gebäude saniert wird und aus statischen Gründen keine Tröge mit schwerem Substrat angebracht werden können.

Starz: Ein Nachteil des Systems könnte der hohe Wasserverbrauch sein, da die Verdunstung an den dünnen Schnüren als sehr hoch einzuschätzen ist.

metallbau: Sie sagen, der Wartungsaufwand bei begrünten Fassaden wird generell überschätzt. Was empfehlen Sie?

Herrmann: Sinnvoll ist es, erfahrene Gartenbaubetriebe – die auch die Pflanzen liefern – früh mit in die Planung einzubinden und über einen Wartungsvertrag zu binden; nach unserer Erfahrung wirkt sich das positiv auf den Erhalt der Begrünung aus.

metallbau:  Worauf sollte man noch achten?

Starz: Die Entwässerung ist ein wichtiges Thema. Brandschutzvorgaben müssen natürlich eingehalten werden. Und der Höhenzugang ist wichtig für das Wartungspersonal – das muss schon bei der Planung berücksichtigt werden.

metallbau: Und bei der PV-Fassade?

Starz: Auch hier ist der Brandschutz ein Thema. Dann die mögliche (Teil-)Verschattung der Module und natürlich das ganze Thema rund um die Elektronik und Kabelführung.

metallbau: Lassen sich PV-Module auf jeder bestehenden Fassade anbringen?

Starz: Die vorgehängten hinterlüfteten Fassaden (VHF) sieht man am häufigsten; das ist auch sinnvoll, weil sich dadurch eine flächige Optik erzielen lässt, ohne dass Rahmen und Deckleisten sichtbar sind. Aber PV-Module lassen sich ebenso gut in eine Elementfassade integrieren, zum Beispiel an Hochhäusern.

metallbau: Gibt es Kunden, die beides miteinander vereinbaren – grüne und PV-Fassade?

Herrmann: Ich hatte noch kein Projekt, wo wir beides kombiniert haben, allerdings schließt das eine das andere nicht aus. Im Gegenteil: Die PV-Fassade kann durch die Verdunstungskühle der Grünfassaden profitieren, wenn sie zusammen in einer Fassadenfläche integriert werden.

www.wernersobek.com

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